12.09.2011 · Einer für alle, alle für einen: Die Eintracht präsentiert sich beim 3:3 in Cottbus lange in bedenklicher Verfassung, beweist aber rechtzeitig Moral. Veh überrascht, Idrissou und Friend treffen beim Debüt.
Von Ralf Weitbrecht, CottbusSebastian Rode wählte die diplomatische Variante. „Der Trainer hat die richtigen Worte gefunden“, sagte der Eintracht-Profi, als er im langen Spielertunnel des Cottbuser Stadions der Freundschaft nach den Gründen für das glückliche 3:3 gefragt wurde. Ja, Armin Veh soll bei dieser Halbzeitansprache auch ziemlich laut geworden sein. Dies allerdings verwunderte nicht. Es war schließlich einfach nur schlecht, was die Frankfurter Fußballspieler 45 Minuten lang zeigten. Nichts wollte Vehs Leuten glücken. Behäbig, pomadig, lust- und kraftlos: Man durfte sich schon Sorgen machen über die Eintracht, die sich scheinbar wehrlos den willigen Cottbusern ergab. Dass der FC Energie durch seinen starken Sturmführer Dimitar Rangelow folgerichtig 2:0 in Führung ging, war mehr als verdient.
Erst ein Geniestreich des Schwaben Veh verhinderte größeres Ungemach. Zufall, Absicht, Intuition, Eingebung: Es war wohl von jedem etwas, das den Eintracht-Trainer dazu bewog, Stürmer Mohamadou Idrissou im zweiten Abschnitt von links vorne nach links hinten zu beordern. „Er hat mich gefragt, ob ich auch Verteidiger spielen kann“, sagte der Stürmer später. „Ich habe ihm gesagt: Trainer, Fußball ist kein Wunschkonzert. Ich bin Profi. Als Profi muss man überall spielen können.“
„Ganz schön auseinandergenommen“
Kesse Worte eines frisch bei der Eintracht verpflichteten Angreifers, der sich in seinem ersten Punktspiel klaglos zurückversetzen ließ, um den Part des völlig überforderten Constant Djakpa zu übernehmen. Doch Idrissou leistete mehr als nur sture Verteidigungsarbeit. Anders als der kleine Ivorer schaltete sich der große Kameruner auch gehaltvoll in die Offensive ein, die von der 66. Minute an endlich diesen Namen verdiente. Erst zeigte der lange Zeit untergetauchte Rob Friend Übersicht und Durchsetzungskraft, als er mit Köpfchen das wichtige 1:2 erzielte. Dann war es der eingewechselte Ümit Korkmaz, der den Rückstand auf die nur scheinbar 3:1 enteilten Cottbuser verkürzte (72.). Und kurz vor Schluss verstand es Idrissou als eine Art Chefsache, für das kaum möglich gehaltene 3:3 zu sorgen (89.). „Wir haben Moral und Charakter gezeigt“, sagte Idrissou, der nicht verhehlte, „dass uns die Cottbuser lange Zeit ganz schön auseinandergenommen haben“. Ohne die Tugend beim Namen zu nennen, bezog sich der finale Frankfurter Torschütze auf das Musketierprinzip. „Bei uns ist jeder für den anderen da“, sagte Idrissou.
Eine Einschätzung, die für die letzte halbe Stunde zutreffen mag. Nicht aber für die ungenügende erste Halbzeit, die Veh geradezu in Rage brachte. „Da ist im Vergleich ja sogar in jeder Trainingseinheit mehr Aggressivität drin“, ärgerte sich der Eintracht-Coach. „Was wir hier in Cottbus gezeigt haben, war richtig schlecht von uns. Fußball ist ein Laufspiel“, sagte Veh. Davon jedoch habe er in der ersten Hälfte nichts gesehen. „Und dafür habe ich keinerlei Verständnis.“ Lang gespielte Bälle auf die beiden Langen vorne: Mit diesem einfachen, aber anspruchslosen Mittel ist die Eintracht also noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich das Kurzpassspiel, das Filigrane bevorzuge“, sagte Veh. Doch der Alltag, geprägt vom Anspruch, sofort wieder aufsteigen zu wollen, hat den Fünfzigjährigen eines Besseren belehrt. „Lange Bälle, das ist nicht mein Spiel. Aber die zweite Liga ist anders.“
Der Kurs stimmt, doch eine Korrektur ist unabdingbar
Für einen wie Martin Fenin ist es seit kurzem die Klasse, in der er einen neuen Anlauf zu alter Stärke nimmt. Der 24 Jahre alte Tscheche, der in den Planungen von Veh keine Rolle mehr spielte, versucht sein Glück in Cottbus. Gegen die alten Frankfurter Kameraden war der Tscheche erwartungsgemäß vom Anpfiff an dabei, ehe er nach 64 Minuten entkräftet ausgewechselt wurde. „Ich war fix und fertig“, gestand er – und ärgerte sich immer wieder. „Wir waren die klar bessere Mannschaft und haben den klar besseren Fußball gespielt. Sehr schade, dass wir unseren Vorsprung nicht nach Hause bringen konnten.“ Fenin selbst, der ein ordentliches Debüt im Energie-Trikot absolvierte und vom Publikum mit stehend dargebrachten Ovationen verabschiedet wurde, hätte maßgeblich dazu beitragen können, die Eintracht bis zum Ende auf Distanz zu halten. Doch sein Schuss war einfach zu harmlos – und für seinen langjährigen Mitstreiter Oka Nikolov eine leichte Beute (44.).
Anders als Fenin hatte Idrissou Luft für neunzig Minuten. Das war gut für die Eintracht, die kurz vor Toresschluss mit dem 3:3 für einen halbwegs versöhnlichen Dienstausflug in den Osten sorgte. „Nimmt man nur die erste Halbzeit, muss ich sagen, dass man so nicht aufsteigen kann“, meinte Idrissou. Doch nun, nach diesem Remis bei einem weiteren Aufstiegsmitbewerber? Neben der Düsseldorfer Fortuna ist die Frankfurter Eintracht die einzige noch ungeschlagene Mannschaft in der zweiten Liga. Drei Siege und vier Unentschieden nach sieben Begegnungen sind gleichbedeutend mit Platz sechs – drei Punkte hinter Rang zwei liegend. Der Kurs also stimmt, doch eine Korrektur ist unabdingbar: Vehs wankelmütige Mannschaft muss endlich Heimspiele gewinnen, um wirklich ganz oben dabei zu sein.