17.08.2011 · Die Eintracht bleibt für ihren Trainer ein Rätsel. Sie baut beim 1:1 gegen Fortuna Düsseldorf stark ab, wird nervös, Spielt da etwa die Angst mit?
Von Marc Heinrich und Steffen SchneiderAuf seine alten Tage bei der Eintracht wird Oka Nikolov, den sie früher den Schweiger aus dem Odenwald genannt haben, fast schon mitteilsam. Die Frage, ob das 1:1 in der zweiten Bundesliga gegen Fortuna Düsseldorf denn als Rückschlag für die Eintracht zu werten sei, da sie nun auch ihr zweites Saisonheimspiel nicht gewonnen hatte, antwortete der Torwart zunächst ohne Worte, aber unmissverständlich: Er lächelte, erst zaghaft, doch als er den Handschuh vor seinem Gesicht wegnahm, kam ein breites Grinsen zum Vorschein. Der Siebenunddreißigjährige steht seit zwei Jahrzehnten für den Klub zwischen den Pfosten. Er hat in Frankfurt so viele Höhen und Tiefen, Umbrüche und Wandlungen wie kein Zweiter im Kader erlebt. Auch deswegen ist er in diesen Tagen einer der gefragtesten Gesprächspartner, wenn es um die wieder einmal um einen Neuaufbau bemühten Hessen geht. Positives Denken, so Nikolov, sei angebracht nach dem Gewinn des achten Punkts, durch den er und seine Kollegen aber nicht über den siebten Tabellenplatz hinauskamen. Ruhig bleiben, lautete seine Einschätzung, „inklusive Pokal sind wir seit fünf Spielen ungeschlagen. So schlecht ist das nicht.“
Andere äußerten sich zu später Stunde an diesem Abend eine Spur selbstkritischer. „Die Fortuna war mindestens gleichwertig, auch in Bezug auf die physische Stärke und Robustheit. Ich bin nicht glücklich darüber“, klagte Heribert Bruchhagen, der seit wenigen Wochen nur noch Vorstandsvorsitzender ist und den Abstand zum Tagesgeschäft offenbar auch dazu nutzen möchte, deutlich Probleme zu benennen, die den Wiederaufstieg gefährden könnten. Auch Trainer Armin Veh gestand Ratlosigkeit ein, warum seine Leute trotz der Führung durch Sebastian Jung (3. Minute) den ersten Heimsieg seit dem 19. März ebenso verpassten wie den Sprung auf Platz eins. So stark wie sie begonnen hatten, so auffallend brachen sie später ein: „Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen. Ich habe keine Ahnung, ob das eine mentale Sache ist. Ich weiß nicht, ob die Spieler Angst haben, zu verlieren“, sagte er und fügte hinzu: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir unser Spiel besser durchsetzen. Aber wir haben plötzlich keine Sicherheit mehr gehabt.“
Veh bat einmal mehr um Geduld
So war der Ausgleich durch den fleißigen Maximilian Beister (54.) absolut verdient. Selbst eine Niederlage wäre denkbar gewesen, wenn der unsicher agierende Unparteiische Robert Hartmann (Wangen) nicht zweimal bei Fehltritten- und -griffen von Gordon Schildenfeld und Bamba Anderson im Strafraum beide Augen zugedrückt hätte.
Veh bat einmal mehr um Geduld. „Man darf nicht vergessen, dass wir vor allem eine neu formierte Abwehr haben. Und der Ausfall von Pirmin Schwegler war auch ein Handicap.“ Besonders in der Viererkette taten sich Unstimmigkeiten auf, die zielstrebigere Angreifer als die läuferisch überzeugenden Düsseldorfer vermutlich genutzt hätten. „Ich muss ständig lautstark dirigieren“, bestätigte Nikolov Abstimmungsprobleme. Veh machte namentlich Matthias Lehmann, Sebastian Rode, Constant Djakpa und Schildenfeld für die Entstehung des Gegentores verantwortlich, bei dem der Ball in der Vorwärtsbewegung verlorenging, und niemand entscheidend nachsetzte oder absicherte: „Sie haben sich zu viele Fehler auf einmal erlaubt, das war ganz schlecht.“ Auch der wegen seiner Einsatzfreude beim 3:0 in Braunschweig gelobte Gekas tat sich nur durch zwei vergebene Möglichkeiten (11. und 84.) nennenswert hervor. „Das einzig Positive ist, dass er sich Chancen herausspielt“, äußerte Veh lakonisch.
Als nächstes steht das Derby gegen FSV an
Als der Trainer die Unentschlossenheit seiner Elf bemängelte, war dies vor allem als Rüge für sein defensives Mittelfeld zu verstehen – also für jenen Mannschaftsteil, der für die Balleroberung, das schnelle Umschalten und vor allem für einen geordneten Aufbau zuständig ist. Im Eintracht-Kader sind gleich drei – für die Liga überdurchschnittlich veranlagte – Akteure für diese Aufgaben vorgesehen: Schwegler, Rode und Lehmann. Der zuletzt auf dem rechten Flügel eingesetzte Rode rückte in die Zentrale und wusste dort anfangs eindeutig besser zu gefallen als sein Nebenmann. Nach wie vor bleibt der vom FC St. Pauli geholte und als Führungsspieler eingeplante Lehmann fast alles schuldig. Auch am vierten Spieltag war er weit entfernt von der ihm zugedachten Rolle als Taktgeber.
Dauerhaft muss Veh zudem eine Antwort auf die richtige Besetzung seiner „Doppel-Sechs“ vor der Abwehr finden, spätestens dann, wenn der unumstrittene Schwegler wieder belastbar ist. In der derzeitigen Verfassung dürfte Rode, auch wenn er mit zunehmender Spieldauer stark abbaute, die besseren Chancen auf den Platz neben dem Schweizer haben – Alternativen wären die Umstellung auf ein 4-3-3-System mit drei zentralen Mittelfeldspielern oder die Versetzung Rodes auf die rechte Außenbahn. „Wenn wir länger eingespielt sind, werden wir ein großes Wort um den Aufstieg mitreden“, sagte Veh. „Wir dürfen nicht nervös werden. Auch Hertha BSC Berlin hat im Vorjahr einige enge Spiele gehabt und ist nicht durch die Liga spaziert. Wir müssen aber auch umkämpfte Spiele gewinnen.“
Die nächste Gelegenheit bietet sich an diesem Sonntag im Derby gegen den FSV. Ob dabei der am Rücken verletzte Schwegler wieder mitmachen darf, ist noch nicht absehbar. Dass im Duell mit den Bornheimer mit Alexander Meier ausgerechnet der bislang beste Torschütze (fünf Saisontreffer) fehlt, ist sicher kein Vorteil. Er sah in der 89. Minute Gelb-Rot. „Die erste Karte war gar nichts, die zweite war ein bisschen Foul. Ich sage sonst nichts zur Leistung des Schiedsrichters, aber die war eine Katastrophe“, sagte Meier, der seine Mitstreiter in der Pflicht sieht, gegen den kleinen Nachbarn zu punkten, „damit wir oben dran bleiben“. Bislang tat sich die Eintracht in dieser Runde vor eigenem Publikum „mental eher schwer“, so Veh. Ein Auswärtsspiel in gewohnter Umgebung kommt ihm da zur Abwechslung vielleicht gerade recht.