09.08.2011 · Fünf Tore in drei Spielen: Der „Lange“ gehört zu den führenden Köpfen der erstarkten Eintracht. Kapitän Schwegler warnt vor Übermut.
Von Marc Heinrich und Josef SchmittAlexander Meier ist kein Lautsprecher. Das musste auch der Mann vom Privatfernsehen irgendwann einsehen, nachdem er mehrmals versucht hatte, den Mittelfeldspieler der Eintracht zu einer provokanten Antwort zu verleiten. Doch der „Lange“, wie der Profi von seinen Kollegen gerufen wird, konnte und wollte sich vor der Kamera einfach nicht wider sein Naturell äußern. Er wiederholte stattdessen so oder so ähnlich in allen seinen leisen Statements eine Aussage: „Ordentlich war’s, mehr aber nicht.“ Das war dem Reporter nicht „knallig“ genug, wie er seinen Mitarbeitern zuraunte, ehe sie sich gemeinsam im Kabinengang auf die Suche nach einem Frankfurter machten, der das 3:0 bei der Braunschweiger Eintracht eine Spur übermütiger einordnete. Vergeblich.
Bei den Hessen überwog nach einem ersten souveränen Auftritt in dieser Saison der Zweiten Fußball-Bundesliga allenthalben Realismus, was sich bei Meier so anhörte: „Wir hatten den Gegner jederzeit im Griff, doch daran werden wir ab jetzt gemessen.“ Gleichwohl sei der Erfolg natürlich für die Moral der Mannschaft „ganz wichtig“. Dass auch das zweite Auswärtsspiel mit einem Sieg endete, war das Verdienst einer insgesamt aufmerksamen und einsatzfreudigen Elf, aus der Doppeltorschütze Meier wegen seiner beiden Treffer – ein präziser Kopfball in der 83. und ein satter Rechtsschuss in der 85. Minute – ein wenig herausragte. Was ihm selbst gar nicht behagte. Seine Rolle wolle er „nicht zu hoch hängen“. Und doch kamen Gratulanten aus dem Eintracht-Tross reihenweise zu ihm, weil er eben auch noch am dritten Treffer beteiligt war: Das 1:0 durch Benjamin Köhler (3. Minute) hatte Meier vorbereitet, als er nach einer Befreiungsaktion in der Abwehr schnell umschaltete und den Ball aus der eigenen Abwehr nach vorn trieb, ehe er seinem Spezi die Kugel passgenau in den Fuß spielte. Braunschweig rannte fortan meist hinterher, während die Frankfurter immer wieder über Meier und Kapitän Pirmin Schwegler die Kugel sicher zirkulieren ließen und mit der notwendigen Zielstrebigkeit in den gegnerischen Strafraum eindrangen. Der kleine Schönheitsfehler, die mangelhafte Chancenverwertung, die eine Eroberung der Tabellenführung verhinderte, störte anschließend keinen ernsthaft. „Wir hatten sie jederzeit im Griff, das zählt“, meinte Meier, „auf diesem Weg müssen wir jetzt weitergehen“ – ehe er sich gemeinsam mit Köhler zurückzog, mit dem ihn seit Jahren eine Freundschaft verbindet: Rechts der 1,96 Meter große Meier, links der 1,72 Meter kleine Köhler – beide mit dem Status quo nach drei Spieltagen offensichtlich zufrieden. „Das hat richtig gut ausgeschaut. Heute hat von der ersten Minute an alles gepasst, wir haben tollen Fußball gezeigt“, sagte auch Trainer Armin Veh.
Abwerbeversuche blieben aus
2014, wenn Meiers aktueller Vertrag ausläuft, ist er einunddreißig – und seit zehn Jahren bei der Eintracht beschäftigt. Er, der bei vielen Fans wegen seines unspektakulären Auftretens nach wie vor einen schweren Stand hat, gehört zu den wenigen Typen, die diesem vielfach veränderten Team nach außen ein Gesicht geben, das es wiedererkennbar macht. In den vergangenen Monaten, als die Mannschaft nach dem Abstieg einen großen Sommerschlussverkauf erlebte und viele bis dahin als Leistungsträger eingestufte Akteure verlor (Franz, Ochs, Russ), interessierte sich – anders als in den Vorjahren – kein Verein ernsthaft für die Dienste Meiers. Abwerbeversuche blieben aus.
Was daran lag, dass seine Leistungen in der ersten Jahreshälfte weit unter den Erwartungen geblieben waren. Nachdem er in der Saison 2009/2010 noch zehn Treffer erzielt hatte und der frühere Coach Michael Skibbe ihn auf dem Weg in die Nationalmannschaft sah, kam Meier in der vergangenen Runde nur schwer in Gang und nach einem Muskelfaserriss im Oberschenkel schnell wieder außer Tritt. Vor allem in der verheerend verlaufenen zweiten Saisonhälfte, die im Abstieg gipfelte, ließ sich Meier von den Machtkämpfen und Irritationen aufgrund der vielen Misserfolgserlebnisse anstecken und sah oft schlecht aus; insgesamt gelangen ihm nur zwei Treffer. Unter Veh, bei weniger interner Offensivkonkurrenz und eine Klasse tiefer ist er als Mann in vorderster Reihe gesetzt – diese Sicherheit scheint ihm bislang gut zu tun. Hinter den Spitzen oder auf Linksaußen, wo er jeweils seine Laufstärke und seine gute Schusstechnik gegen die körperlich starken, aber im Vergleich zur ersten Liga bei weitem nicht mehr so agilen Verteidiger auszunutzen versteht, gelangen ihm schon fünf Tore in drei Liga-Einsätzen. Was Vehs Prognose zum Saisonstart bestätigte. „Der Junge ist ein Guter. Einen wie ihn hätte jede Mannschaft gerne, aber er ist zum Glück bei uns“, lautete das Lob nach dem 3:2 in Fürth, das sich nach dem Erfolg in Braunschweig in abgewandelter Form ähnlich anhörte: „Meier macht uns Spaß.“
Außergewöhnliche Laufleistung
Dagegen trat Pirmin Schwegler in seiner Rolle als Mannschaftsführer als Mahner auf. Die Leistung könne als „Orientierung“ dienen, sagte der Schweizer am Montag, „aber es gibt keinen Grund, uns auf die Schultern zu klopfen.“ Der Sieg, die Freude der Spieler und die Begeisterung der Fans seien zwar Anlass genug, „um ein paar Momente zu genießen“, doch sollte auch die Leistung des Gegners berücksichtigt werden. Die Braunschweiger seien „überfordert gewesen“, fand Schwegler, „für die war unser Niveau zu hoch“. Dem „einfachen Spiel“ vom Wochenende würden viel schwerere folgen: Schon der nächste Gegner, Fortuna Düsseldorf, sei „ein anderes Kaliber“. Schwegler war bei aller Zurückhaltung jedoch weit davon entfernt, die eigene Vorstellung schlecht zu reden. Sieg und Leistung hätten die Mannschaft in jeder Beziehung weitergebracht. Die taktische Ordnung im 4-2-3-1-System habe gestimmt, aus der Abwehr seien klare Kommandos gekommen. Nicht nur von Torwart Oka Nikolov, sondern auch von den beiden neuen Innenverteidigern Gordon Schildenfeld und Bamba Anderson. Sprachliche Probleme mit und zwischen dem Kroaten und dem Brasilianer scheine es keine zu geben. „Für kurze Kommandos reicht es“, berichtete Schwegler, „die sollen ja kein Buch vorlesen.“ Dass Schwegler hinterher sogar „ein bisschen glücklich“ war, dass Theofanis Gekas nicht getroffen hatte, war kein Widerspruch zur allgemeinen Zufriedenheit. „Er ist auch ohne Tor in den Kritiken gut weggekommen“, urteilte der Vierundzwanzigjährige, „ich hoffe, dass das auch sein Anspruch ist.“
Mit der für ihn außergewöhnlichen Laufleistung von Braunschweig habe Gekas sich in der Mannschaft mehr Freunde gemacht als mit manchem Treffer vorher. „Wenn er viel gibt, kriegt er von uns viel zurück“, formulierte der Schweizer eindeutig.