23.09.2009 · Die drei wichtigsten Einkäufe der Eintracht sind durchweg in der ersten Reihe zu finden – da mag im DFB-Pokal gegen Aachen spielen, wer will. Alle drei hätten sich, so Trainer Skibbe, „als richtig gute Verstärkungen“ entpuppt.
Von Marc HeinrichGenau vor einem Jahr, am 23. September 2008, erlebte die Eintracht beim Aus in der zweiten Pokalrunde gegen Hansa Rostock einen der Tiefpunkte der vergangenen Saison. 1:2 nach Verlängerung hieß es seinerzeit nach zwei denkbar schwachen Stunden, deren trauriger Höhepunkt aus Frankfurter Sicht ein vergebener Foulelfmeter von Caio in der 90. Minute war. Auch an diesem Mittwoch (19 Uhr) tritt die Eintracht im Pokal an – wieder in der zweiten Runde, wieder im eigenen Stadion, wieder gegen einen Außenseiter: Alemannia Aachen.
Nicht nur die Erinnerung veranlasst Trainer Michael Skibbe zur Zurückhaltung. Die vermeintlich leichte Aufgabe gegen den Tabellenelften der zweiten Liga, der am Dienstag mit Michael Krüger einen Nachfolger für den entlassenen Trainer Jürgen Seeberger präsentierte, werde kein Selbstläufer.
Gelungene Integration
„Aachen ist eine extrem unbequeme Mannschaft. Wir dürfen sie auf keinen Fall unterschätzen“, sagte Skibbe, der den Gegner selbst zweimal beobachtete, aber keinen Zweifel daran ließ, dass ein Weiterkommen auch aus finanziellen Gründen unabdingbar sei – beim Erreichen des Achtelfinales würde knapp eine halbe Million Euro in die nicht eben prall gefüllte Klubkasse gespült. Dass die Chancen, auch im achten Pflichtspiel seit der Sommerpause ungeschlagen zu bleiben, gut sind, hat viel mit dem gewachsenen Selbstvertrauen durch den guten Saisonstart zu tun.
Eine der Ursachen dafür ist die gelungene Integration von drei Neuzugängen, die durchweg am Aufschwung ihren Anteil haben: Maik Franz, Pirmin Schwegler und Selim Teber – alle drei hätten sich, so Skibbe, „als richtig gute Verstärkungen“ entpuppt. „Sie haben sich im Team bestens eingegliedert und zeigen die Leistungen, die wir uns von ihnen erhofft haben.“ Eine Zwischenbilanz der Neulinge nach knapp 100 Diensttagen für die Eintracht.
MAIK FRANZ
(5 Spiele, 1 Tor, 3 Gelbe Karten)
Der Innenverteidiger, den nach der Vorbereitung eine Verletzung den Stammplatz kostete, profitierte zuletzt von der Rot-Sperre des Kollegen Patrick Ochs und erfüllte seinen Aushilfsjob rechts außen in der Abwehrkette mit Bravour. Franz ist seit jeher ein Typ mit Ecken und Kanten, der mit seinem harten Einsteigen und seiner Lust an der Provokation polarisiert – daran änderte sich mit dem Wechsel aus Karlsruhe an den Main nichts. Bis zum Frühjahr gehörte er wegen seines Temperaments zu den von den Frankfurter Fans am meisten verachteten Profis. Seit Anfang Juli verehren sie ihn genau dafür. Fast jede seiner Aktionen, mit der er am Sonntag zum Ende der Begegnung mit dem Hamburger SV (1:1) den Ball aus der Gefahrenzone beförderte, wurde mit Szenenapplaus bedacht.
Innerhalb der Mannschaft, das wird regelmäßig deutlich, gehört ausgerechnet sein ehemals größter Widerpart Ioannis Amanatidis zu seinen größten Befürwortern. Seit Sonntag nun macht ihm eine Prellung des Brustkorbs zu schaffen – ein schmerzhaftes Andenken an die Partie gegen den HSV. „Ich bekomme nachts kaum ein Auge zu“, berichtete Franz am Dienstag, „es tut verdammt weh.“ Die nachmittägliche Übungseinheit fand dann auch ohne ihn statt, so dass sein Mitwirken heute Abend wohl ausgeschlossen ist. Sollte Ochs nach Ablauf seiner Zwangsauszeit Anfang Oktober von Skibbe auf seinen angestammten Platz an der Seitenlinie zurückbeordert werden, könnte der 28 Jahre alte Franz auch in der Abwehrzentrale seinen Mann stehen. Fleiß, Flexibilität und ein exzellenter Fitnesszustand – zuletzt gab es viele Gründe dafür, dass sich Franz in der Startelf wiederfand.
SELIM TEBER
(6 Spiele, 2 Vorlagen, 3 Gelbe Karten)
Der Neuzugang von der TSG Hoffenheim hat sich auf Anhieb einen Stammplatz am rechten Fleck der Mittelfeldraute erobert. Mit nichts anderem hatte er nach eigenem Bekunden gerechnet. Der Achtundzwanzigjährige, der bei den Kraichgauern bereits das Kapitänsamt ausfüllte, gehört nicht zu denen, die unter mangelndem Selbstbewusstsein leiden. Bemerkenswert war allein sein erster offizieller Auftritt bei der Eintracht: Schon sein zweiter Satz verdeutlichte, dass der Mann die Selbstsicherheit in Person ist: „Die Leute hier waren zufrieden mit 30 Punkten und damit nicht abzusteigen.
Das muss sich ändern. Auch deswegen bin ich gekommen.“ Er selbst bezeichnet sich als Typen, „der immer offen sagt, was ich denke und was mir gefällt“. Was ihm nicht gefällt vermutlich auch. „Ich bin zur Eintracht gewechselt, um Führungsaufgaben zu übernehmen“, lautete seine zweite Ansage zum Anfang. Doch bei Skibbe wird der Ballverteiler und Vorbereiter, der Zlatan Bajramovic und Benjamin Köhler verdrängte, nicht nur wegen seiner verbalen Qualitäten geschätzt. Teber soll Chris als eine Art Quarterback vor der Abwehr entlasten und gleichzeitig als Tempomacher über den rechten Flügel den Angriff antreiben. Eine Doppelbelastung, die ihm bis zum Seitenwechsel stets gut gelang, doch in bislang allen Partien ging sie ihm mit zunehmender Spieldauer merklich an die Substanz.
Spätestens nach einer Stunde baute er konditionell ab – seine Ausdauer scheint verbesserungsfähig. Doch den Hinweis, er wirke nicht austrainiert, lässt Teber nicht gelten. „Wenn es von außen so aussieht, dass ich nach siebzig Minuten ausgepowert bin, soll man auch beachten, was ich vorher gelaufen bin“, argumentiert er. Und weiter: „Ich gebe zu jeder Zeit auf dem Platz alles und gehe immer an meine Grenzen.“ Skibbe sieht es ähnlich. Er versuchte er zuletzt in Gesprächen unter vier Augen, Teber zu einer ökonomischeren Spielweise anzuleiten: „Es stimmt, er rennt wie verrückt, doch es wäre nicht schlecht, wenn er sich seine Kraft ein bisschen cleverer einteilt. Dann hätte er in den entscheidenden Situationen mehr Ruhe am Ball“, meinte der Trainer. Zuletzt wechselte er Teber fünfmal in Serie aus.
PIRMIN SCHWEGLER
(4 Spiele, 1 Vorlage, 1 Gelbe Karte)
Ein Profi wie er muss in der Branche der Lautsprecher und Selbstdarsteller der Traum eines jeden Trainers sein. Der Schweizer, so umschreibt es Skibbe, ist „niemand, der mit seinen Worten viel Wind macht, sondern aufgrund seiner Leistung ein Leader ist“. Der schmächtige Nationalspieler scheut keinen Zweikampf, verfügt über ein kluges Stellungsspiel und Übersicht selbst in hektischen Augenblicken. Auch in der Luft geht er trotz seiner verhältnismäßig geringen Körpergröße von nur 1,76 Meter keinem Duell aus dem Weg.
Für ein „bescheidenes Naturell“ (Skibbe) wie Schwegler, den Eintracht-Kapitän Christoph Spycher vor seiner Verpflichtung als „eines der größten Talente der Schweiz“ und „phantastischen Typen“ gepriesen hatte, ist die Eintracht die geeignete Spielwiese: Im aktuellen Kader gibt es niemanden, der ihm, gemessen an seinem Talent, auf absehbare Zeit seine strategische Position streitig machen könnte. Er genießt die uneingeschränkte Rückendeckung seines Mentors Skibbe – und er kann durch Bundesligaauftritte seine Nationalmannschaftskarriere vorantreiben.
Skibbe ist überzeugt, „dass Schwegler uns noch einige Jahre Freude bereiten wird“. Und was meint der scheue Zweiundzwanzigjährige selbst? „Ich hatte die Hoffnung, als ich in Frankfurt unterschrieb, dass es gleich ordentlich losgehen würde. Das es so gut werden würde, hatte ich jedoch nicht erwartet.“ Damit steht er nicht alleine.