„Alles wie immer“, sagt Marco Russ zwischen Mittagessen und Rafting-Tour – und lächelt. „Wir müssen schuften, arbeiten und uns vorbereiten.“ Was neu ist: Die Plackerei für den Innenverteidiger der Frankfurter Eintracht und seine Mitspieler findet unter neuen Voraussetzungen am Fuße der Leoganger Steinberge statt. Davon freilich merkt der 25 Jahre alte Fußballprofi nichts: „Es ist überhaupt kein Unterschied zur ersten Liga.“ Bundesliga. Das ist die Klasse, in der sich Russ wohlfühlt. Eine Saison nur musste sich der in Hanau geborene Verteidiger in der zweiten Liga durchschlagen. Es war die Zeit, als er 2004 einen Lizenzspielervertrag bei der Eintracht unterschrieb und gemeinsam mit Oka Nikolov, der auch heute noch im Kader steht, im Frühjahr 2005 den Aufstieg schaffte. Ein Kunststück, das nun wieder von ihm verlangt wird.
Russ selbst weiß, dass es kein anderes als nur dieses eine Ziel gibt. „Unsere ganze Konzentration gilt jetzt komplett dem Aufstieg“, sagt er. „Ist doch klar, dass wir von den meisten anderen Mannschaften gejagt werden.“ Russ ist sicher: „In Rostock oder Dresden gibt es was auf die Knochen. Man kann nicht um die Spieler herum tanzen, dann kriegt man gleich die Beine abgehackt.“ Rustikaler, so Russ, werde es in der zweiten Liga zugehen. Doch nicht nur dies. „Man darf jetzt nicht denken, dass wir durch Deutschland fahren und die Punkte einsammeln. In der Zweiten Bundesliga gibt es genauso Aufs und Abs.“ Besonders die „Abs“ sind es gewesen, die die Eintracht vor einigen Wochen an den Abgrund und direkt in die ungeliebte zweite Liga geführt haben. Russ mag gar nicht daran denken. Und von einer rückwärtsgewandten Spurensuche nach Gründen hält er auch nicht viel. „Klar, der Abstieg war vermeidbar“, sagt der neue Frankfurter Abwehrchef. „Wir haben in der Rückrunde acht Punkte geholt und nur sieben Tore geschossen. Das hat doch fast nichts mit Fußball zu tun.“ Keine Taktiererei: „Dieser Abstieg hätte nicht passieren dürfen. Wir Spieler sind dran schuld.“
Aktiv muss die Eintracht auch in Sachen Ioannis Amanatidis werden
Russ will mithelfen, die Klassenversetzung rückgängig zu machen. „Alle, die hier bei Eintracht Frankfurt sind, haben etwas auszubügeln“, sagt er. Auf die zwischenzeitliche Anfrage vom ehemaligen Meister VfL Wolfsburg konnte Russ nicht näher eingehen. Sportdirektor Bruno Hübner lehnte es schlichtweg ab, dass der Eintracht eine weitere Führungskraft im Defensivverbund verloren geht. Schon der Weggang von Maik Franz zum Bundesliga-Aufsteiger Hertha BSC Berlin hat eine Lücke gerissen, die vielleicht der junge Stefan Bell von Mainz 05 schließen kann. Russ misst dem Neunzehnjährigen Potential zu. Er sagt aber auch, dass der derzeit vorspielende Israeli Shai Maimon „im ersten Testspiel einen recht guten Eindruck gemacht hat“. Dass grundsätzlich Verstärkung vonnöten ist, steht für Russ außer Frage. „Wir wissen ja, dass es in der Vergangenheit immer ziemlich viele Ausfälle gegeben hat.“ Aleksandar Vasoski, Russ selbst, vor allem aber Chris: Egal ob die Trainer in Frankfurt Friedhelm Funkel, Michael Skibbe oder Christoph Daum hießen: Stets war die Innenverteidigung die Achillesferse der Frankfurter Abwehr. Etliche mannschaftliche und persönliche Leidenszeiten motivieren Russ zu sagen, „dass wir am besten mit vier Innenverteidigern in die Saison gehen sollten. Auf dieser Position kann man gar nicht genug Spieler haben. Ich hoffe, dass Herr Hübner noch aktiv wird.“
Aktiv muss die Eintracht auch in Sachen Ioannis Amanatidis werden. Der langjährige Kapitän des Teams hatte sich am Sonntag zu Wort gemeldet und berichtet, dass die von Vereinsseite gewünschte Vertragsauflösung noch immer nicht zustande gekommen sei . Dies bedeute für ihn als Arbeitnehmer, dass er seinen vertraglichen Pflichten nachzukommen habe. „Ich werde am Mittwoch zum Training in Leogang erscheinen“, sagte Amanatidis. Bis Dienstag, so der Grieche, sei er freigestellt. Diese Freistellung ist nun verlängert worden. Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen teilte am Montagnachmittag mit: „Ich habe mit dem Rechtsbeistand von Amanatidis ausgemacht, dass die Freistellung des Spielers bis auf weiteres verlängert wird.“ Die Causa Amanatidis wird die Eintracht also trotz der aktuell gefundenen Zwischenlösung noch länger beschäftigen. Russ äußert sich diplomatisch über seinen langjährigen Mitspieler. „Es hat ja ein deutliches Signal gegeben, dass man nicht mehr mit ihm plant.“ Andererseits: „Qualität hat er ja. Er muss nur fit bleiben, dann kann er uns helfen.“
Fit – Russ ist es wieder. Die Meniskusverletzung, die er seit dem vergangenen Sommer mit sich herumtrug, ist in der Winterpause operativ behoben worden. Wochenlang ignorierte einer der Frankfurter Wortführer die Schmerzen. Russ ist froh, dass er wieder ungehemmt mithelfen kann, „voranzugehen“, wie er sagt: „Bei uns muss jetzt ein neuer Kern entstehen.“ Den Schweizer Pirmin Schwegler zählt er zu diesem Zirkel ebenso dazu wie Sebastian Jung, Sebastian Rode und Neuzugang Matthias Lehmann. Für Russ selbst ist es „klar, dass man Verantwortung hat“. Vor einer möglichen Ernennung zum Kapitän würde er sich denn auch nicht sträuben. „Aber ich bin nicht gierig darauf. Wenn ich im Mannschaftsrat sein sollte, ist es ebenso in Ordnung, als wenn ich zweiter oder dritter Mann wäre. Das ist mir relativ egal.“ Russ will einfach nur Fußball spielen, Kommandos geben, weitere Mitspieler an seiner Seite wissen – und aufsteigen.
Gruß an Herrn Russ....
Uwe Wagner (view)
- 21.06.2011, 12:55 Uhr

