20.03.2010 · Gegen den großen FC Bayern geht es für die Eintracht am Samstag um den Kampf gegen Widerstände, den Trend – und um die Suche nach sich selbst.
Von Marc Heinrich und Uwe Marx, FrankfurtNatürlich sollte man niemandem etwas Böses wünschen – auch nicht dem nächsten Gegner in der Bundesliga. Für die Eintracht ist es, allein sportlich betrachtet, trotzdem eine gute Nachricht, dass der FC Bayern an diesem Samstag ohne den verletzten Franck Ribéry in Frankfurt antreten muss. Ihr selbst und ihrem Trainer Michael Skibbe sind weitere Ausfälle erspart geblieben. Marco Russ und Christoph Spycher, um die kurz gebangt worden war, können nun definitiv spielen – einem Zusammenprall Spychers mit Torwart Oka Nikolov im Abschlusstraining am Freitag zum Trotz. Ein Eisbeutel kühlte den getroffenen Kopf, das war’s aber auch schon. Es gibt Dringlicheres – und wichtigere Fragen vor diesem Spiel:
Ist die Eintracht Spielern wie Arjen Robben gewachsen?
Trainer Michael Skibbe sagt, dass der Mann vom rechten Flügel nicht von einem Mann allein gestoppt werden könne, dass er „gedoppelt“ werden müsse. Christoph Spycher und Benjamin Köhler sollen sich diese Aufgabe teilen. Klingt schlüssig, ist aber erstens banal, weil selbstverständlich – und zweitens nicht die einzige Herausforderung. Robben ist nicht allein auf seiner Angriffsseite. Der Niederländer wird von Nationalspieler Philipp Lahm begleitet und unterstützt. Und das in höchstem Tempo. Robben ist mit dem Ball am Fuß einer der schnellsten Spieler der Liga, Lahm ist kaum langsamer. Spycher dagegen, der in den vergangenen Wochen nicht mehr als solide spielte, lebt von seiner Routine und Robustheit, nicht von seiner Geschwindigkeit. Eine beunruhigende Konstellation.
Wie sehr hat die Serie von drei Niederlagen nacheinander – gegen Stuttgart, Schalke, Hannover – auf die Stimmung gedrückt?
Die Lust am Spiel ist den Profis nicht abhandengekommen. Während der Trainingseinheiten ging es genauso gelassen zu wie in den Wochen unmittelbar nach der Winterpause, als die Bundesligaergebnisse noch viel besser ausgefallen waren. Auch aus der Rhetorik Skibbes lassen sich keine Rückschlüsse auf eine Verschlechterung des Binnenklimas ziehen. Vor der Begegnung mit dem Titelfavoriten und Tabellenführer ist der Trainer seiner Linie treu geblieben: Er klang so optimistisch wie an den meisten Tagen, seit er im Sommer 2009 die Verantwortung bei der Eintracht übernahm. Die Partie am 27. Spieltag sei „eine tolle Herausforderung“. Und überhaupt: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“ Ein Spiel gegen eine europäische Spitzenmannschaft sei „immer ein Glücksfall für die eigene Karriere“. Und weiter: „Wir haben nur dann überhaupt eine Chance, wenn sich alles gegen die Bayern verschworen hat.“
Als Vorbilder nannte er Nürnberg und Köln, die dem Favoriten in dieser Saison durch mannschaftliche, nicht durch individuelle Klasse ein Unentschieden abtrotzten. Ausgerechnet jetzt fehlen mit den gesperrten Franz, Teber und Ochs allerdings drei der verlässlichsten Kämpfer. Die jüngsten Misserfolge haben denn auch bei so manchem Spieler den Blick für die Realität geschärft: „Wenn wir spielen wie zuletzt“, sagte Innenverteidiger Marco Russ, „kriegen wir auf die Mütze.“ Äußerlich stimmt der Rahmen, so oder so: Die WM-Arena ist mit 51 500 Zuschauern ausverkauft.
Hat sich die Eintracht verschlechtert, oder lassen die jüngsten Niederlagen keine Rückschlüsse auf die Verfassung der Mannschaft zu?
Das Team wirkt nicht mehr so stabil wie im Januar und Februar. Vor allem die Abwehrkraft, lange ein Trumpf der Frankfurter, die spielerisch nur selten überzeugten, doch zumindest das eigene Tor zuverlässig verteidigten, ist abhandengekommen. Die personell seit Wochen geschwächte Eintracht machte die Räume nicht mehr eng, so dass es den gegnerischen Offensivreihen regelmäßig gelang, in die Löcher zwischen Mittelfeld und Viererkette vorzustoßen. Zweifelsohne spiegelt sich in den läuferischen Defiziten das anhaltende Verletzungspech – die Elf, die auf dem Platz steht, ist nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Auch Rekonvaleszenten wie Pirmin Schwegler müssen so schnell wie möglich eingebunden werden, weil es an Alternativen mangelt. Das ist der Qualität nicht förderlich.
Skibbe kann es sich auch nicht erlauben, Akteuren eine Verschnaufpause zu gönnen, die aktuell von ihrer Bestform weit entfernt sind – wie Benjamin Köhler oder Alexander Meier. Mit ständig wiederkehrenden Undiszipliniertheiten macht sich die Mannschaft das Leben außerdem selbst schwer: Die Frankfurter gehören zu den bösen Buben der Liga. Mit 52 Gelben, drei Gelb-Roten und zwei Roten Karten stehen sie in der Fairplay-Tabelle am unteren Ende. „Iron Maik“ Franz flog in Hannover schon zum sechsten Mal in seiner Karriere vom Platz. Unangenehme Folge: Skibbe muss wegen der Sperren regelmäßig die Formationen ändern, der Rhythmus geht dabei trotz immer gleicher Trainingsübungen leicht verloren.
Was außerdem noch auffällt: Die Eintracht verschläft zu oft die erste Halbzeit; Blackouts sind symptomatisch. Der Tabellenzehnte musste bis heute in der ersten Viertelstunde mit neun Treffern die meisten Gegentore aller Klubs der Bundesliga hinnehmen. Außerdem erzielte er in den acht Spielen seit Ende der Winterpause nur zwei Mal das 1:0. Pirmin Schwegler, der Stabilisator im defensiven Mittelfeld, machte Selbstzufriedenheit als Grund für die Rückschläge aus: „Erfolg können wir nur mit Geschlossenheit haben“, mahnte der Schweizer. Was nur bedeuten kann: Diese fehlte zuletzt.
Wie realistisch wäre nach einer weiteren Niederlage das Saisonziel von 46 Punkten?
Elf aus sieben, das wäre die Erfolgsformel, sofern die Partie am Samstag verlorengeht: Elf Punkte aus den letzten sieben Spielen dieser Saison, dann wären aus aktuell 35 Punkten 46 geworden. Das von Skibbe ausgegebene Ziel schien noch vor kurzem leicht erreichbar. Inzwischen aber hat sich der Wind gedreht. Drei Siege und zwei Unentschieden oder vier Siege – für diese erforderlichen Resultate bleiben nach dem Bayern-Spiel noch drei Heim- und vier Auswärtsspiele. Nach Frankfurt reisen noch Leverkusen, Hertha BSC Berlin und Hoffenheim, dazu kommen Partien in Bochum, Gladbach, Mainz und Wolfsburg. Ein Erfolg gegen die Münchner würde also aus einer sehr schwierigen eine vergleichsweise dankbare Mission machen – es wird wohl bei der schwierigen bleiben.
Angesichts von drei gesperrten und einem verletzten Anführer (Amanatidis) – wer kann den Ton angeben, wenn es brenzlig wird?
Am ehesten wohl Russ und Chris. Die übrigen Kollegen, die von Beginn an dabei sein werden, sind introvertierte Typen. Skibbe forderte seine Männer denn auch vorsichtshalber schon mal auf, nicht zu verkrampft und zu ehrfürchtig aufzutreten. „Wir wollen auch eigene Aktionen starten“, verlangte der Coach. Durchstarten soll auf jeden Fall Zugang Ricardo Anthony Clark, der den gesperrten Selim Teber ersetzen wird – der Amerikaner war in seinen ersten beiden Frankfurter Monaten allerdings die Unauffälligkeit in Person. Wer neben Jung – der Franz ersetzt – der Dritte im Bunde der Neuen sein wird, wollte Skibbe aus taktischen Gründen nach dem Abschlusstraining nicht preisgeben: Vielleicht wird es der kreative Brasilianer Caio, eventuell der flinke Marcel Heller oder aber der dribbelstarke Ümit Korkmaz – allesamt Profis, die eher selten bis gar nicht den Mund aufmachen.