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Pokal-Party in Frankfurt : Balkon, Pott, Ausnahmezustand

Stolzer Strahlemann: Niko Kovac reckt den Pokal in die Höhe, hinter ihm die Fans am Römer. Bild: Reuters

Ausnahmezustand in Frankfurt: Die Stadt feiert ihr Team am Römer. Während Niko Kovac dabei erst sprachlos ist, spricht der Bürgermeister von einem besonderen Versprechen des nun ehemaligen Trainers.

          Feiernde Menschen, strahlende Gesichter, jubelnde Massen: Zehntausende haben heute den Spielern, Trainern und Funktionären der Frankfurter Eintracht einen fulminanten Empfang bereitet. Nach der Landung der im Eintracht-Look lackierten Maschine aus Berlin am Frankfurter Flughafen fuhren die Mannschaft und das Trainerteam in Cabrios ausgerechnet einer Münchner Automarke durch die Straßen der Stadt. Was sie dort erwartete, dürfte jede Wunschvorstellung deutlich übertroffen haben. Schon im Laufe des Tages füllte sich der Römerberg unter dem Balkon des Römers derart schnell, dass die Polizei den Platz bald wegen Überfüllung schließen musste. Zahlreiche Fans wichen daraufhin auf den Paulsplatz aus, wo auf einer Leinwand der Triumphzug der Mannschaft live übertragen wurde.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Straßen, durch die sich die Mannschaft ihren Weg bahnte, wurden immer voller, je näher die Mannschaft dem Römerberg kam. Am Ende ging es nur noch im Schritttempo voran, weil die Menschenmassen jede Erwartung der Beteiligten übertroffen hatten. Zwar hatte die Stadt sich auf den Fall eines Empfangs der Eintracht im Kaisersaal und auf dem Römer-Balkon vorbereitet; allerdings hatten zuvor wohl doch Viele die Befürchtung, dass es gegen die vermeintliche Übermannschaft des FC Bayern beim Pokalfinale im Berliner Olympiastadion nicht zu einem Sieg reichen würde. Dennoch gelang es, nach dem Erfolg in der Hauptstadt dem neuen Titelträger auf die Schnelle einen gebührenden Empfang am Main zu bereiten.

          Angeführt wurde der Autokorso von einem Fahrzeug mit Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der das Bad in der Menge und die Nähe zu den Stars sichtlich genoss. In seinem Auto saßen Sportvorstand Fredi Bobic, Manager Bruno Hübner und Trainer Niko Kovac, drei Baumeister der aktuellen Mannschaft, deren Entwicklung gestern im fünften Pokalsieg nach 1974, 1975, 1981 und 1988 gipfelte.

          Die Polizei Frankfurt sprach am Abend davon, dass auf dem Römerberg, dem Paulsplatz und am Mainkai rund 60.000 Menschen versammelt waren. Wie viele Fans an der Strecke des Autokorsos mit der Mannschaft feierten, lasse sich schwer abschätzen, hieß es. Insgesamt sei die Feier aber bis zum frühen Abend friedlich verlaufen, sagte eine Sprecherin. Einzig habe es zwei Festnahmen wegen des Zündens von Pyrotechnik gegeben, die Ermittlungen dauern in beiden Fällen aber noch an.

          Während des Autokorsos spielten sich in Frankfurt Szenen wie bei einem Volksfest ab, die ganze Stadt schien plötzlich im Ausnahmezustand und im Eintracht-Fieber zu sein. Menschen schwenkten aus den Fenstern ihrer Wohnungen Schals, jubelten von Mauern und Dächern aus der Mannschaft zu. Nach Stunden des Wartens öffneten sich dann die Türen zum Balkon des Römer, und die Mannschaft wurde, angeführt von Kapitän David Abraham, Spielmacher Kevin Prince Boateng und dem zweifachen Torschützen Ante Rebic, mit einem lauten Applaus empfangen. Es war der letzte Schulterschluss zwischen den vielen Fans der Eintracht und der Mannschaft, der in den vergangenen Tagen in Berlin begonnen hatte und nun in der Heimat des Klubs seine lautstarke Fortsetzung fand.

          Auf dem Balkon stimmten die Spieler Lieder an, sogar Trainer Niko Kovac, dem die Fans seinen Abgang zum Rivalen aus München lange Zeit übel genommen hatten, machte mit und sang vom „Pokalsieger SGE“. Boateng zeigte dabei, dass er nicht nur ein herausragender Fußballer ist und auf dem Platz die Mannschaft anführt, sondern auch außerhalb des Spielfeldes ein Leader ist. Er führte auf dem Balkon ebenso das Wort wie kurz darauf ein Vorsinger der Ultras Frankfurt, die in Berlin wieder im Verbund mit Tausenden Fans durch eine fantastische Stimmung und eine herausragende Choreographie für Gänsehautmomente gesorgt hatten.

          Eintracht-Vorstand Axel Hellmann sagte, dieser Zusammenhalt zwischen der Mannschaft, den Fans und auch Geldgebern und Funktionären sei das, was die Eintracht ausmache. „Die Stadt ist Eintracht“, rief Bruno Hübner den freudigen Massen auf dem zum Bersten gefüllten Römerberg zu. Niko Kovac sagte, dass er eigentlich nichts sagen könne. „Ich bin sprachlos.“ Als er dann seine Worte wiedergefunden hatte, räumt er ein, der ohnehin schon schwierige Abschied aus Frankfurt Richtung München sei ihm durch die grandiose Unterstützung der Fans alles andere als leichter gemacht worden.

          Da freut sich jemand: Niko Kovac mit dem Pokal in der Hand vor den Fans am Frankfurter Römer Bilderstrecke

          Zwischenzeitlich war aufgrund der unerwarteten Menschenmassen auf der Straße das Protokoll etwas aus den Fugen geraten. Doch als die Mannschaft dann von Feldmann im altehrwürdigen Kaisersaal begrüßt wurde, hatte sich für alle Beteiligten das Warten gelohnt. Es wurden Selfies gemacht, Fotos mit dem Pokal aufgenommen, es wurde geherzt, gelobt, gedrückt und geküsst. Auf dem Balkon und auch davor zündeten Fans, aber auch Spieler der Eintracht Pyrotechnik und hüllten den Römer zwischenzeitlich in Nebelschwaden. Eintracht-Präsident Peter Fischer sagte, diesen Triumph werde er niemals vergessen. „Das ist hier eingebrannt, heute wird Frankfurt abgerockt.“ Zwischenzeitlich fielen ein paar Gläser Bier auf den Boden des Kaisersaals, dann lobte Feldmann in der offiziellen Rede Niko Kovac für seine Leistung und sagte: „Solch einen Abschied hat hier auch noch niemand hingelegt.“

          Hellmann erinnerte daran, man habe im vergangenen Jahr nach der Niederlage im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund an dieser Stelle gestanden und geschworen, man werde wieder kommen und das Ganze vollenden. Gestern haben sie es endgültig vollendet. Und die ganze Stadt in eine Eintracht-Euphorie versetzt.

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