Im Wetterbericht werden Tag für Tag neben den tatsächlichen Temperaturen auch die „gefühlten Temperaturen“ prognostiziert. Ganz so verhält es sich in diesen Tagen mit den Aussichten der Frankfurter Eintracht im Abstiegskampf. Die tatsächliche Ausgangsposition hält zwei Spieltage vor Schluss bei zwei Punkten Vorsprung auf Borussia Mönchengladbach durchaus noch gute Möglichkeiten für den Klassenverbleib über die Relegationsspiele bereit. In der gefühlten Ausgangsposition aber bläst den Frankfurtern ein kalter Wind ins Gesicht. Nach dem desaströsen 0:3 beim Nachbarn Mainz 05 herrschte in Frankfurt für zwei Tage große Hoffnungslosigkeit. „Wir sind in einer Art Schockstarre“, hatte Kapitän Patrick Ochs gesagt. Erst ganz langsam finden die Frankfurter aus ihrer Ohnmacht heraus.
Heribert Bruchhagen hat als Erster in einem Interview im Hessischen Fernsehen versucht, gegen den Trend zu steuern. „Ich bin überzeugt, dass wir den 1. FC Köln am Samstag schlagen können und schlagen werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Eintracht bei einem für seine Verhältnisse außergewöhnlich emotionalen Auftritt. Vieles, was in den vergangenen Jahren aufgebaut worden ist, sei nun „hochgradig gefährdet“. Bruchhagen forderte alle auf, den persönlichen Frust im Sinne des Vereins zurückzustellen. „Am Samstag muss die Mannschaft unterstützt werden, von der Fankurve bis zu den Business-Sitzen“, sagte er, die berechtigte Kritik könne nach der Saison angebracht werden.
Das Training konnte ohne jede Störung absolviert werden
Ganz in diesem Sinne hat der Verein am Dienstag in einer offiziellen Erklärung mehr als moderat auf die Auseinandersetzungen einiger Fans mit der Polizei am Samstagabend reagiert. Bei allen verständlichen Emotionen müsse „ein vernünftiger Rahmen“ gewahrt bleiben, heißt es in der Pressemitteilung. „Jede Art von Gewalt oder Bedrohung sind dabei für Eintracht Frankfurt weder akzeptabel noch zielführend.“ Die am Samstag am eigenen Stadion praktizierte Form des Protests führe zu einer „unkalkulierbaren Gefährdungslage“. Als Fazit appelliert die Eintracht an die Anhänger, „in der prekären sportlichen Situation die Kräfte noch einmal zu bündeln und der Mannschaft zur Seite zu stehen“.
Die erste Übungseinheit der Woche hat am Dienstagvormittag die Hoffnung genährt, dass rund um die Mannschaft wieder etwas mehr Gelassenheit eintreten wird. Das Training konnte ohne jede Störung absolviert werden, es waren mehr Medienvertreter als Fans auf das Gelände gekommen. Und die Polizei war nur mit drei Beamten vor Ort, die sich, so ihre Aussage, nur ein Bild machen wollten. Vorher geäußerte Sicherheitsbedenken haben sich also als haltlos herausgestellt. Dennoch wird Trainer Christoph Daum mit seiner Mannschaft von Mittwoch bis einschließlich Freitag ein Trainingslager in Bitburg in der Eifel beziehen. „Nicht um uns vor den Fans zu verstecken, sondern um die Konzentration der Spieler zu schärfen“, sagte Daum.
„Es gibt für mich nur ein Ziel - und das ist, mit der Eintracht zu gewinnen“
Der 57 Jahre alte Trainer kündigte an, noch einmal alles zu tun, „um dieses existentiell wichtige Spiel zu gewinnen“. Zu den Bemühungen werde „Hilfe und Unterstützung“ für die Spieler ebenso gehören wie „Kritik und Provokation“. Man werde sprechen, trainieren, appellieren und daran erinnern, „was es heißt, Spieler von Eintracht Frankfurt zu sein“. Daum setzt darauf, dass die Niederlage von Mainz ein „heilsamer Schock“ für die Spieler gewesen ist. Er erinnerte an die guten Leistungen unter seiner Regie in den vergangenen Heimspielen gegen Werder Bremen und Bayern München. Da hätten die Spieler in vielen Situationen „Charakter gezeigt“. Mainz sei seit seinem Amtsantritt die Ausnahme gewesen. „Da haben wir eine schlechte Halbzeit gespielt, und das war genau eine schlechte Halbzeit zu viel“, sagt Daum.
Der Trainer wohnt noch immer in Köln, der 1.FC Köln ist der Verein seines Herzens. Doch in dieser Woche habe er alle Kontakte „rigoros“ abgesagt. „Es gibt für mich nur ein Ziel – und das ist, mit der Eintracht zu gewinnen“, versicherte er. Zuversicht gebe ihm der gute Charakter seiner Mannschaft. Zudem sei das Gemeinschaftsgefühl „sehr gut.“ Daum ist überzeugt: „Wir halten zusammen“. Damit aus der echten Chance auch wieder ein gefühlte wird.
Geschwätz
Andreas Winkler (fonzie)
- 04.05.2011, 17:25 Uhr
@Andreas Winkler
Michael Seip (Mike63)
- 05.05.2011, 10:40 Uhr

