Home
http://www.faz.net/-gzo-10fwb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eintracht Frankfurt Caio vor dem Aus? Eine „berechtigte Frage“

23.09.2008 ·  Mit großer Offenheit äußert sich Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel über den labilen Brasilianer Caio. Auch für das Pokalspiel gegen Hansa Rostock ist er keine erste Wahl.

Von Marc Heinrich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn die Laune des Trainers ein verlässlicher Indikator für die aktuelle Form und Leistungsfähigkeit der Mannschaft wäre, müssten sich die Frankfurter Fußballfans in diesen Wochen nicht so viele Gedanken um die Eintracht machen. Friedhelm Funkels Gemütszustand zwei Tage nach der Niederlage in Schalke und 30 Stunden vor dem Pokalheimspiel gegen Hansa Rostock hätte jedenfalls kaum besser sein können. Ob es an der behaglichen Atmosphäre zur Mittagszeit lag? Nachdem draußen der Herbstwind dem Coach und seiner Mannschaft beim morgendlichen Training kräftig ins Gesicht geblasen hatte, waren fleißige Mitarbeiter der Geschäftsstelle kurz darauf bemüht, dass es Funkel bei seiner routinemäßigen Ansprache zur Lage der Eintracht an nichts fehlte. Im Souterrain der WM-Arena stellten sie ihm einen Teller dampfende Kartoffelsuppe an seinen angestammten Platz, dazu gab es eine Cola und zum Dessert Apfelkuchen. Leckeres Essen gilt ja bekanntlich als Stimmungsmacher – und am Montag hätte Funkels Auftritt jeden Zweifel an dieser These zerstreut.

Funkel: „Es gibt keinen Grund, nervös zu werden“

Ungeachtet der schwierigen sportlichen Lage in der Fußball-Bundesliga, in der sein Team in der Tabelle durch das 0:1 in Gelsenkirchen auf den 17. Platz abgerutscht ist, ließ der Vierundfünfzigjährige bei dem Frage-und-Antwort-Spiel keine Skepsis aufkommen, dass trotz der augenblicklich trüben September-Tage bald schon wieder eitel Sonnenschein über der Eintracht herrschen werde: „Es gibt keinen Grund, nervös zu werden“, sprach er im Brustton der Überzeugung. Auf die Kritik an der zaghaften Darbietung seiner früh durch die Hinausstellung von Chris dezimierten Elf in Schalke reagierte der Trainer ebenso gelassen: „Erhobenen Hauptes“ habe man die Heimreise angetreten, weil der Sieg der „Königsblauen“ denkbar knapp ausgefallen sei „und wir bis zuletzt bei einem Meisterschaftsanwärter die Chance auf einen Punktgewinn hatten“. Auch er hatte bei der Presseschau des Wochenendes gelesen, dass ihm manche Beobachter fehlende Risikobereitschaft ankreideten, doch das störte ihn nicht wirklich: „Läuferisch und vom Einsatz her haben wir alles abgerufen.“ Ein größeres Wagnis sei nicht angebracht gewesen, so Funkel, „weil wir dadurch vielleicht vier oder fünf Dinger gefangen hätten, und dann wäre die Moral jetzt wirklich im Eimer“. So aber sei man trotz des letztlich unschönen Resultats bester Dinge für die kommenden Herausforderungen. „Am nötigen Selbstbewusstsein mangelt es keinem von uns.“ Gegen Hansa Rostock, den Pokalgegner an diesem Dienstag (19 Uhr), zählt für Funkel daher nur ein Sieg – „den wollen wir unter allen Umständen erreichen, denn unser Ziel ist es, nach Berlin zu kommen“.

„Zu wenig Biss, zu wenig Einsatz, zu wenig Willen!“

Funkel wird gegen die Norddeutschen auf einen seiner Lieblingsschüler verzichten müssen: Faton Toski, das technisch so versierte, aber oft so temperamentlose Talent, fällt wegen einer Muskelverletzung im Oberschenkel aus. Wer dachte, dies könne im Mittelfeld endlich zur Chance von Caio werden, der seit nunmehr einem Dreivierteljahr bei der Eintracht eine unschöne Rolle als Dauerreservist spielt, wurde von Funkel enttäuscht. Allenfalls als Einwechselspieler sei der Brasilianer gegen den zweitklassigen Gegner zu gebrauchen. Warum? „Weil er im Training zu wenig zeigt“, sagte der Trainer, der im Fall des Sorgenkinds aus seinem Herzen selten eine Mördergrube macht und die Defizite des Zweiundzwanzigjährigen aufs Neue referierte: „Zu wenig Biss, zu wenig Einsatz, zu wenig Willen!“ Ob es überhaupt noch Sinn mache, auf einen Durchbruch Caios bei der Eintracht zu spekulieren, oder ob es nicht gescheiter wäre, sich von dem Brasilianer zu trennen, wurde Funkel auch gefragt. „Diese Frage ist berechtigt“, lautete seine überraschende Antwort, mit der er – ungewollt – Spekulationen über eine Trennung in absehbarer Zeit Auftrieb gab. Bislang lautete die offizielle Sprachregelung stets: Die Eintracht gibt in diesem speziellen Fall die Hoffnung nicht auf. Nun erzählte Funkel in bester Plauderlaune aber auch, dass sämtliche Versuche, den Brasilianer zur intensiveren Körperertüchtigung zu bewegen, gescheitert seien. „Er ist zu teilnahmslos, schaut zu oft in der Gegend rum, anstatt sich zu konzentrieren. Und nach einer guten Aktion sieht man lange nichts mehr von ihm.“

Funkel meinte, die Mentalität des Spielers sei für dessen bisheriges Scheitern verantwortlich und nicht etwa mangelnde Fürsorge der Eintracht, wie regelmäßig behauptet werde. „Caio ist bestens integriert, er lacht und flachst in der Kabine, hat Kontakt zu vielen seiner Kollegen und mit ihnen seinen Spaß.“ Die spärlichen Resultate der vergangenen Wochen haben also scheinbar noch bei keinem der vielen Eintracht-Protagonisten bislang das Gefühlsleben nachhaltig erschüttert – und trotzdem käme ein Erfolgserlebnis allen zur Abwechslung gerade recht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr