29.08.2007 · Eintracht-Profi Markus Weissenberger im Interview über die EURO 2008 im eigenen Land, kleine Mutmacher, große Hoffnungen - und Erfolgsrezepte der griechischen Vereinskollegen.
Eintracht-Profi Markus Weissenberger im Interview über die EURO 2008 im eigenen Land, kleine Mutmacher, große Hoffnungen - und Erfolgsrezepte der griechischen Vereinskollegen.
In der Bundesliga spielen Profis aus aller Herren Länder, Österreicher aber sind selten. Sind Sie in dieser internationalen Spielklasse die wahren Fußball-Exoten?
Exoten würde ich uns nicht nennen. Aber es stimmt, Spieler wie ich oder Martin Harnik von Werder Bremen sind die Ausnahme.
Warum ist das so?
Man muss den Mut haben, ins Ausland zu gehen, es muss ja nicht gleich die erste Liga sein. Es gab bei uns zuletzt einige gute Spieler, die ins Ausland wollten, aber aus ihren Verträgen nicht herauskamen. Das sind verpasste Chancen.
Ist dies für Sie angesichts der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz eine normale Bundesligasaison?
Nein, mit diesem Ziel vor Augen ist es das nicht. Ich stelle alles hintenan, versuche, meine Form zu finden, gesund zu bleiben und mich bei der Eintracht in die Mannschaft zu kämpfen. Es ist wichtig, eine gewisse Anzahl von Spielen zu machen. Wenn ich das schaffe, habe ich gute Chancen, dabei zu sein.
Stammspieler sind Sie bei der Eintracht aber nicht.
Ich war oft verletzt, aber wenn ich gespielt habe, dann ordentlich. Ich sehe meine Chancen.
Was fordert Nationaltrainer Josef Hickersberger?
Ohne Spielpraxis wird es auch für mich nicht gehen. Ich muss den Trainer von mir überzeugen, auch wenn ich in Frankfurt nicht so oft spielen sollte.
Auf welchem Niveau spielt die österreichische Nationalmannschaft?
Wir sind in einer Phase, in der wir uns entwickeln. Wir haben zuletzt 1:1 gegen Tschechien gespielt, das war schon ein richtig gutes Zeichen. Aber es war nur ein kleiner Schritt. Wir müssen uns noch in vielen Bereichen verbessern. Ganz wichtig war zuletzt der WM-Erfolg unserer U 20, die Vierter geworden ist. Da waren viele gute Spieler dabei, die jetzt den nächsten Schritt machen müssen – am besten im Ausland, denn da entwickelt man sich weiter.
Werden österreichische Spieler hierzulande gerne übersehen oder unterschätzt?
Inzwischen nicht mehr, weil endlich gute Spieler nachkommen. Nur: Sie müssen den Schritt auch wagen. Es wird in Deutschland, Italien oder Spanien ein ganz anderer Fußball gespielt, da heißt es: arbeiten, arbeiten, arbeiten – und den Kopf nie in den Sand stecken.
Welches Ziel hat Österreich bei der EURO 2008?
Wir wollen die Gruppenphase überstehen. Wenn das erreicht ist, schaffen wir vielleicht eine Überraschung.
Mit welchen Stärken?
Dem Teamgeist. Da sind wir sehr, sehr gut. Dass wir technisch mit den Spitzenmannschaften nicht mithalten können, ist jedem bewusst. Aber dass man mit einem eisernen Willen Berge versetzen kann, darauf arbeiten wir hin.
Die beiden Griechen bei der Eintracht, Ioannis Amanatidis und Sotirios Kyrgiakos, können Ihnen vielleicht verraten, wie man als großer Außenseiter Europameister wird – wie Griechenland 2004.
Die hatten viele Kartoffeln eingesteckt.
Wie bitte?
Sie haben alle Glücksschweinchen zusammengekauft, die sie finden konnten. Aber man hat auch gesehen, wie viel man mit Disziplin erreichen kann.
Jürgen Klinsmann hatte vor der WM 2006 in Deutschland bewusst das große Ziel Titelgewinn ausgegeben. Ist das in Österreich auch so?
Nein, das war noch nie ein Thema bei uns. Wir sind realistisch. Die Vorrunde zu überstehen und dann in ein Fahrwasser zu kommen, das ist unser Ziel. Mit dem Titel haben wir uns noch nicht befasst. Das wäre vermessen.
Es gibt also keinen Klinsmann-Effekt in Österreich?
Doch. Auch wir haben inzwischen moderne Trainer, die nach modernen Methoden arbeiten und wissen, wo es langgeht. Und natürlich haben wir auf Klinsmann reagiert. So gibt es auch Fitnesstests und persönliche Trainingsprogramme für Nationalspieler. Aber bis wir die Früchte ernten, wird es noch eine Weile dauern.
Steht der frühere Bundesligaspieler Andreas Herzog, Hickersbergers Assistent, für diese Modernisierung?
Der Herzog hat ja selbst jahrelang in Deutschland gespielt und kennt Klinsmann aus der gemeinsamen Zeit bei Los Angeles Galaxy. Aber auch Hickersberger ist immer offen für Neues. Alle haben sich weiterentwickelt, weil jeder weiß, woran es krankte.
Welcher Trainertyp ist Hickersberger?
Er spricht sehr viel mit den Spielern, zum Teil auch ernst und fordernd, ist aber auch Kumpeltyp. Man kann mit ihm über alles reden und eine Menge Spaß haben. Da kommen Lockerheit und Ernst zusammen. Auch das ist wie bei Klinsmann.
Welche Rolle spielt Herzog?
Zu ihm gehen viele junge Spieler, um sich Rat zu holen.
Kommen die nicht zu Ihnen als erfahrenem Spieler?
Auch. Ich versuche jeden zu pushen, schnauze aber auch mal Spieler zusammen, wenn sie sich hängenlassen. Ich versuche jedenfalls immer vorneweg zu gehen.
Es heißt, ausländische Spieler und Trainer seien eine Bereicherung für jede Liga. Hat das Modell Red Bull Salzburg mit den Verantwortlichen Giovanni Trapattoni und Lothar Matthäus dem österreichischen Fußball etwas gebracht?
Red Bull ging es natürlich nicht um den österreichischen Fußball, sondern um den eigenen Erfolg. Trapattoni ist ein Spitzentrainer, aber die Frage ist, ob die ausländischen Spieler, die sie geholt haben, so viel besser sind als die österreichischen.
Die Schweiz gilt seit Jahren als Musterbeispiel für gute Ausbildung im Fußball, viele Spieler haben sich in den europäischen Spitzenligen durchgesetzt. Warum hinkt Österreich so weit hinterher?
Die Schweizer haben früher erkannt, wie man Nachwuchsspieler heranführt. In dieser Beziehung ist in Österreich ein bissel geschlafen worden. Andere Länder wie Frankreich oder Deutschland hatten auch schon Durststrecken. Allerdings dauert unsere schon deutlich länger, wir hatten praktisch Stillstand.
Was hätte bei der EM einen höheren Stellenwert: ein Sieg gegen die Schweiz oder gegen Deutschland?
Beides wäre gleich viel wert. Sicher sind Spiele gegen Deutschland etwas Besonderes. Wichtig ist aber, dass wir unser Ziel im Auge behalten – die Vorrunde zu überstehen.
Deutschland hat sich während der WM neu kennengelernt. Ist so etwas auch in Österreich möglich?
Die Euphorie wird sicher ähnlich sein, wenn auch in einem ganz anderen Maßstab. Viele Fans werden unser Land kennenlernen – und mit einigen Kilo mehr nach Hause fahren, weil das Essen bei uns so gut ist.
Wäre es für die österreichische Fußballseele verkraftbar, wenn der große Rivale Deutschland im eigenen Land Europameister werden würde?
Natürlich. Unter uns Spielern gibt es ohnehin keinen Neid. Und diese Rivalität ist doch eher ein Thema von gestern. Deutschland kann eine richtig gute Rolle spielen. Die Mannschaft hat sich seit der WM gefunden. Egal, wer spielt, es passt einfach, weil alles ineinandergreift.
Sie werden nach der EM 33 Jahre alt sein. Ist da ein Karriereschnitt wahrscheinlich, zum Beispiel eine Rückkehr nach Österreich?
Ich will möglichst viel spielen. Wenn meine Leistungen gut sind, wird man sehen, was kommt. Vielleicht gibt es für mich dann noch mal einen Vertrag im Ausland für ein, zwei Jahre.
Könnte dieses „Ausland“ auch weiterhin Eintracht Frankfurt sein.
Natürlich. Ich fühle mich sehr wohl hier.