03.06.2009 · Stadionlogen, Sitze der Luxusklasse, Karten und Trikots wollen erst einmal verkauft werden. Und das in einer Zeit, in der Einsparungen ohne Alternative sind.
Von Marc HeinrichEine sportlich enttäuschende Spielzeit hinterlässt mit ein wenig Verzögerung auch auf der Geschäftsstelle ihre Spuren: Bis Pfingsten haben knapp 1000 Fans der Eintracht ihr Dauerkartenabonnement für die Heimspiele in der WM-Arena gekündigt. Ob aus Frust über ausgebliebene Erfolge oder weil sie sich das Vergnügen nicht mehr leisten möchten oder können, darüber kann nur gerätselt werden. Nur so viel ist zweifelsfrei klar: Die frei gewordenen Saisontickets gehen von 10. Juni an über die Vereinshomepage aufs Neue in den Verkauf.
Wobei die Absatzchancen, das lehrt die jüngere Frankfurter Fußball-Vergangenheit, trotz allem nicht die schlechtesten sein dürften. Auch in der zurückliegenden Runde, als die Elf von Trainer Friedhelm Funkel weitestgehend im Niemandsland der Tabelle vor sich hin agierte, war die Anziehungskraft ungebrochen, kamen im Schnitt 47.000 Besucher ins Stadion. Das Spiel ist ausverkauft! Früher war das bei den Partien im Stadtwald eine Nachricht – heute eher eine Selbstverständlichkeit. Nach der Sommerpause wird die Gesamtzahl der Saisontickets abermals auf 26.000 begrenzt. Damit ist eine fast fünfzigprozentige Auslastung des Stadions bei allen kommenden 17 Heimspielen garantiert.
„Kein Anstieg des Etats“
Doch auch bei der Eintracht ist die Wirtschaftskrise angekommen. Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende, macht kein Hehl daraus, dass sich die Rahmenbedingungen verschlechtert haben. „Zum ersten Mal in 22 Berufsjahren erlebe ich vor der neuen Saison keinen Anstieg des Etats, sondern Einsparungen“, sagt er. Dadurch werde die Planung „schwieriger als bisher“. Schlechte Nachrichten kamen zuletzt vor allem aus der Sponsoring-Abteilung. 15 Prozent aller Firmen gaben ihre Abos an die Eintracht zurück. „Im Bereich der Business-Sitze sind wir in der Lage, die Kündigungen durch Wartelisten auszugleichen“, berichtet Bruchhagen, „doch bei den Logen erwarten wir einen Rückgang der Erträge.“
Eine Loge kann pro Jahr je nach Ausstattung und Größe einen sechsstelligen Betrag einbringen. Ein schicker Ledersessel, der sogenannte Business-Seat, ist der zahlungskräftigen Klientel annähernd 4000 Euro wert. „Rund vierzig Prozent der Einnahmen eines Bundesligaklubs stammen aus den Bereichen Hospitality, Werbung und Sponsoring“, sagt Philipp Hasenbein, Geschäftsführer bei Sportfive. „Sie sind die wichtigste Erlösquelle für die Vereine.“ Um wie viel Geld es dabei geht, wird deutlich, wenn die Eintracht ihr Budget für die Saison 2009/2010 auf etwa 64 Millionen Euro beziffert.
3300 Vip´s
Sportfive, Vermarkter mit Sitz in Hamburg, kümmert sich seit fünf Jahren bei der Eintracht um die Betreuung der Geschäftskunden – mittlerweile mit neun Angestellten. Rund 3300 sogenannte Very Important Persons zieht es regelmäßig zu den Frankfurter Heimpartien. Weil die Stadt als Sitz von Banken und Finanzdienstleistern hart vom Konjunktureinbruch getroffen wurde und der nachhaltige sportliche Misserfolg jüngst auch nicht gerade geschäftsfördernd war, spricht Hasenbein von einer „Herausforderung, die gleiche Abschlussquoten wie in der Vergangenheit zu erzielen“.
Anders als Bruchhagen sieht er die Ausgangslage aber nicht pessimistisch. 83 Logen besitzt die Eintracht – bis zum 34. Spieltag am 23. Mai waren sie allesamt vergeben. „Wenn diesmal zwei oder drei beim ersten Spiel nicht verkauft sind, ist das nicht automatisch eine schlechte Leistung.“ Wer jetzt langfristig bucht, kann, so berichten Kunden, mit Preisnachlässen rechnen. Vor allem Mittelständler halten sich offenbar mit Engagements zurück. Was noch auffällt: Obwohl durch alle Branchen hinweg die Gewinne sinken, scheinen viele nicht auf die Buchung der VIP-Pakete verzichten zu wollen, um mit ihren Kunden weiterhin in lockerer Sportatmosphäre über Dienstliches plaudern zu können. „Fußball-Sponsoring hat über Jahre Wirkung bewiesen, deshalb werden Unternehmen nicht so schnell auf ein solches Marketinginstrument verzichten wollen“, sagt Hasenbein.
Zeichen der Zeit erkannt
Und mit speziellem Blick auf die Eintracht: „Die früheren Wachstumsraten der Vergangenheit werden wir sicher nicht mehr erzielen. Doch die Konsolidierung setzt auf hohem Niveau ein.“ Diese Ansicht teilt die Deutsche Fußball Liga. Die Betroffenen hätten die Zeichen der Zeit erkannt, meint Geschäftsführer Christian Müller: „Die Klubs sind auf das veränderte Umfeld eingestellt, rechnen mit konstanten oder leicht rückläufigen Überschüssen – und passen ihre Aufwendungen entsprechend nach unten an.“
Andere Szenebeobachter sind sogar zuversichtlich, dass gerade solide wirtschaftende Vereine wie die Eintracht und die Bundesliga insgesamt eines nicht allzu fernen Tages zu den Profiteuren der Wirtschaftsflaute zählen: „Die Finanzkrise ist das Beste, was passieren konnte“, behauptet Hartmut Zastrow, Vorstand des Marktforschungsunternehmens Sport+Markt. Denn sie treffe andere Länder härter. Und deshalb werde die deutsche Eliteliga wettbewerbsfähiger.
Eintracht schaut nach oben
So seien in Südeuropa viele Klubs hochverschuldet, Teams wie der FC Valencia könnten ihren Spielern nicht mehr pünktlich Gehälter zahlen. Zwar lebten viele Vereine schon seit langem auf Pump. Bislang sei ihr Überleben aber durch stete Zuschüsse der Kommunen oder Bankkredite gesichert worden. „Damit ist nun Schluss“, sagt Zastrow. Auch für Sportfive, das international mit den TV- und Marketingrechten von über 250 Klubs handelt, überwiegen momentan die Chancen eindeutig die Risiken. „In jeder Bundesliga-Stadt ist der Enthusiasmus so hoch wie nie zuvor“, sagt Hasenbein. „Das packende Meisterschaftsfinale und der spannende Abstiegskampf haben die Attraktivität des Fußballs hierzulande noch einmal gesteigert.“
Die Eintracht, die Hasenbein perspektivisch als „deutschen Top-Sechs-Klubs“ einstuft, wird sich zunächst darauf einstellen müssen, dass mancher Anhänger bei den Ausgaben für den liebsten Zeitvertreib in kleinem Rahmen kürzer tritt: bei der Anschaffung von Trikots, Schals oder Fahnen. Doch an der Stimmung in den Stadien werde sich dadurch fürs Erste nicht viel ändern. „Bis beim Fußball richtig gespart wird, muss schon viel passieren“, prognostiziert auch Zastrow, „vorher wird eher die Anschaffung der Couch um ein Jahr verschoben.“