Es gibt Mittelstürmer, für die ist ein Spiel miserabel gelaufen, wenn sie kein Tor geschossen haben. Nicht umsonst nennt man sie die großen Egoisten des Fußballs. Wie aber muß sich Ioannis Amanatidis nach der Partie gegen Schalke 04 am Tag des großen Regens und der großen Stadionpanne (siehe Kommentar) gefühlt haben? Der Angreifer Nummer eins bei Eintracht Frankfurt durchlitt einen fürchterlichen Arbeitstag: Von einem Treffer war er weit entfernt, er kam nicht einmal zum Torschuß. In der 35. Minute sah er nach einem Foul die Gelbe Karte, und ihm war anzusehen, daß er aus Frust zugetreten hatte. Sieben Minuten später war das Spiel für ihn beendet. "Der Muskel hat zugemacht", berichtete der Zugang vom 1. FC Kaiserslautern später. Und so fügte der 23 Jahre alte Grieche seinen bislang sieben durchwachsenen Saisoneinsätzen einen besonders mißlungenen achten hinzu.
Im Grunde ist Amanatidis derzeit so etwas wie das Gesicht der sportlichen Krise bei der Eintracht, die nach dem 0:1 gegen Schalke auf dem letzten Tabellenplatz angekommen ist. Er, der mit etwa 1,5 Millionen Euro teuerste neue Spieler, steht vor allem für die chronische Harmlosigkeit des Aufsteigers. Drei Tore in acht Spielen, darunter keines von Amanatidis, so selten hat kein anderer Verein der Bundesliga getroffen. Zum Vergleich: Werder Bremen bringt es als Klassenbester auf 21 Tore. Nun kommen Krisen, und sie gehen wieder; auch Amanatidis wird noch treffen. Bisher aber sind ihm vor allem Eigentore unterlaufen. Dazu gehört, daß es mit Selbstkritik bei ihm nicht allzu weit her ist. Die Gelbe Karte gegen Schalke etwa, seine dritte in dieser Saison, sah er wegen eines klassischen Frustfouls. Nach einem harmlosen Zweikampf mit Dario Rodriguez und einem Pfiff des Schiedsrichters gegen ihn, stocherte Amanatidis noch ein wenig am Bein seines Gegners herum. Seinen am Boden liegenden Konkurrenten beschimpfte er daraufhin von oben herab wüst. Er sei sich keiner Schuld bewußt, sagte Amanatidis. Rodriguez sei "eine Schwuchtel". Es sei von einem "Bonus der guten Mannschaften" beim Schiedsrichter auszugehen.
Ähnlich schnell, wenn auch nicht ganz so direkt, war Amanatidis bei der Beantwortung der Schuldfrage für diese sechste Saisonniederlage nach teilweise gutem Spiel gegen einen nicht besseren, aber routinierteren und effektiveren Gegner. "Die Konsequenz" habe gefehlt, "der letzte Paß" - und unausgesprochen klang das wie: der letzte Paß auf mich. Über die verteidigenden Kollegen, die in der 64. Minute den entscheidenden Treffer durch Sören Larsen zugelassen hatten, sagte er: "Jeder weiß, daß so etwas nicht passieren darf. Wir hatten dreimal die Gelegenheit zu klären." Es sind Tage und Worte wie diese, die die Frage erlauben, wie gruppentauglich einer wie Rückkehrer Amanatidis ist. Einzelgänge werden bei Erfolg nachsichtig verziehen, im Mißerfolg stoßen sie bitter auf. In seiner ersten Spielzeit in Frankfurt war der Angreifer erfolgreich, auch wenn der Verein 2004 abstieg. In seiner zweiten ist er es noch nicht.
Nicht nur angesichts der schwachen Zwischenbilanz ist erstaunlich, warum der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen und Trainer Friedhelm Funkel ihren teuren Zugang stärken mußten, indem sie seinen Vorgänger schwächten. Ohne Amanatidis habe die Eintracht "ein Defizit auf der Mittelstürmerposition" gehabt, sagte Bruchhagen, der Arie van Lent und einem anderen Neuen, Francisco Copado, damit wenig schmeichelte. Im Chor mit Funkel befand er zudem öffentlich, van Lent sei recht langsam für die Bundesliga. Immerhin schaffte es der stets loyale Routinier, gegen Schalke deutlich mehr aufzufallen als Amanatidis, den er nach dessen Verletzung ersetzte. Van Lent, der natürlich kein Sprinter vor dem Herrn ist, war präsent, rackerte, kam zu Torchancen. "Wir haben teilweise gut gespielt, aber uns fehlt das Selbstvertrauen", sagte er. "Ich hoffe, daß es schnell besser wird - sonst sieht es düster aus."
Allzu schnell kann Besserung allerdings nicht eintreten, denn auch die Eintracht ist wegen der Länderspielpause zur Untätigkeit gezwungen. Danach erst warten als nächste Gegner die Mitaufsteiger Duisburg (16. Oktober) und Köln (22./23. Oktober). Solche Spiele müssen gewonnen werden, um im Abstiegskampf eine Chance zu haben, heißt es gemeinhin. So sehen es auch die Verantwortlichen der Eintracht. Torwart Oka Nikolov, der, noch angeschlagen und verunsichert, auch gegen Schalke vom jungen Jan Zimmermann solide vertreten wurde, dürfte dann wieder dabei sein. Ioannis Amanatidis auch. "In drei, vier Tagen ist alles vorbei", sagte er über seine Verletzung. Funkel wäre froh darüber, berichtete aber, daß dem Stürmer noch in der Kabine eine Spritze gesetzt wurde. Dessen Reaktion habe durchaus Schlimmeres befürchten lassen: "Er hat geschrieen, als ob sie ihm das halbe Bein abnehmen würden."

