Es lag ein Hauch von Wimbledon über dem Frankfurt Hauptbahnhof. Als sich am frühen Samstag morgen hunderte von Fans mit dem Zug auf den Weg nach Hamburg machten, rückte Volker Sparmann mit einem Picknickkorb an. Erdbeeren und Sekt - der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Eintracht hatte sich auf angenehme vier Fahrtstunden eingerichtet. Mehr noch: Der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, daran gewöhnt, in feinem Zwirn seiner Arbeit nachzugehen, präsentierte sich volksnah im weißen Eintracht-Trikot. Adler auf der Brust, und dann kam es tatsächlich, irgendwo zwischen Fulda und Kassel: "Nie mehr zweite Liga", tönte Sparmann in seinem Abteil. Nie mehr zweite Liga?
Diese Klasse hat die Eintracht nun wieder. Zum dritten Mal, denn das 1:2 von Hamburg und das zeitgleiche 1:1 des 1. FC Kaiserslautern gegen Borussia Dortmund bedeutet für die Frankfurter den dritten Abstieg der Vereinsgeschichte. 1996 ging es erstmals abwärts ins Souterrain des Profifußballs, 2001 gleichfalls. Und nun also auch im Mai 2004.
Natürlich gab es Tränen. Doch weil sich im Prinzip schon früh angedeutet hatte, daß es wegen der miserablen Hinrundenausbeute von nur zwölf Punkten unheimlich schwer werden würde, im Schlußakkord doch noch in der Liga zu verbleiben, konnten sich die Frankfurter früh auf den drohenden Abstieg vorbereiten. Schon nach dem desaströsen 0:3 in Hannover war die kollektive Stimmung derart am Boden, daß Markus Kreuz stellvertretend für seine Mannschaftskollegen die Parole ausgeben konnte: "Das war's dann wohl." Nur dank des Kraftaktes gegen Bochum, belohnt mit der wohl besten Saisonleistung und dem wieder Hoffnung bringenden 3:2, konnte die Eintracht den Spannungsbogen noch bis zum letzten Spieltag aufrechterhalten. Und auch in Hamburg zeigte die Eintracht bei ihrer finalen Vorstellung eine solide Vorstellung, doch der heimstarke HSV war einfach zu stark für die Hessen. Ein Tor von Ioannis Amanatidis, zwei von Mehdi Mahdavikia und Sergej Barbarez - wer wie die Eintracht das eigene letzte Pflichtspiel nicht gewinnt, hat zugleich die Chance verwirkt, erstklassig zu bleiben.
Erstklassig wollten sie bleiben, vor allem ein Kämpfer wie Markus Pröll. Der vor zwei Wochen vom Ersatztorwart zur Stammkraft aufgestiegene Schlußmann zeigte auch in Hamburg eine ambitionierte Leistung, die in eine Vertragsverlängerung münden könnte. "Wir wollten kämpfen bis zur letzten Patrone, aber die klare Linie hat gefehlt." Wie und ob es mit Pröll weitergeht, müssen die kommenden Tagen zeigen. Heribert Bruchhagen, der sich in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender auch um Managementdinge kümmert, ist als Aufbauhelfer und Personalchef gefragt. Prölls Zukunft ist dabei ebenso ungewiß wie die von Christoph Preuß, Du-Ri Cha, Ioannis Amanatidis, Ervin Skela, Andreas Menger und Kapitän Alexander Schur. Marco Russ und Christopher Reinhardt kommen aus der eigenen Jugend und werden zukünftig für den Verjüngungsprozeß stehen, den Bruchhagen zum Programm machen will. Mögliche Neuzugänge wie Benjamin Weigelt (Rot-Weiß Essen), Markus Schuler (Hannover 96) und der seit mehrere Wochen im Gespräch befindliche Francisco Copado (Spielvereinigung Unterhaching) sind weitere Kandidaten für den sportlichen Umbruch und Neuaufbau der Eintracht.
Eine Galionsfigur wie Alexander Schur, der einzige echte Frankfurter im Team der Eintracht, wird dem Klub erhalten bleiben. Seine Vertragsverlängerung noch in dieser Woche ist auch deshalb nur eine Formalie, weil Schur partout bei seinem Lieblingsverein bleiben will. Und während in Hamburg die meisten seiner Mitspieler nach dem erwarteten Abstieg mehr oder weniger sprachlos blieben, nutzte der zweifache Familienvater die Möglichkeit zu einer ersten Analyse. "Die Bundesliga haben wir nicht in Hamburg verspielt", sagte Schur im feinen Klubdreß, mit dem er sich von den vielen mitgereisten Fans verabschiedete. "Der Knackpunkt war 1860. Solche richtungweisende Spiele darf man einfach nicht verlieren." Für das, was auch für Außenstehende in der AOL-Arena sichtbar war, fand Schur die passenden Worte. "Die Enttäuschung jetzt ist nicht so riesengroß wie beim ersten Abstieg. Am Ende hatten wir es ja irgendwie doch alle erwartet. Heute war einfach nicht der Tag der Eintracht."
Es war vor allem nicht die Saison der Eintracht. Relativ leicht wäre der Klassenverbleib zu erreichen gewesen. Doch weil die Mannschaft in entscheidenden Momenten versagte und der Trainer zu viele Fehler machte (siehe Kommentar auf der nächsten Seite), geht dieser dritte Abstieg in die Vereinschronik unter dem Motto "schmerzlich, aber vermeidbar" ein.

