Home
http://www.faz.net/-gzn-14cvj
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Meisterschaft im Sportklettern Nach dem „Wandlesen“ in die Isolation

29.11.2009 ·  Die deutsche Sportkletterelite traf in Darmstadt: Erstaunlich viele Teilnehmer kamen aus der Sektion Frankfurt. Das hat einen Grund. Denn ein hauptberuflicher Trainer kümmert sich intensiv um die Kletterer.

Von Tobias Rabe, Darmstadt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Blick auf die Starterliste der deutschen Meisterschaft ließ nur einen Schluss zu: Sportklettern in Frankfurt ist eine weibliche Domäne. Drei von acht Frauen starteten am Wochenende für die Sektion Frankfurt des Deutschen Alpenvereins (DAV), hinzu kamen vier Klettererinnen bei den Junioren. Demgegenüber stand nur Jan Hojer bei den Herren. Andreas Vantorre, Frankfurter Wettkampf- und hessischer Landestrainer, fragt sich oft, warum es dieses geschlechtliche Ungleichgewicht in seiner Sektion gibt. Eine Erklärung hat er nicht: „Es muss Zufall sein.“

Beim nationalen Höhepunkt im neuen Darmstädter Kletterzentrum war Hojer zwar der einzige, aber auch der erfolgreichste Frankfurter in den Senioren-Wettbewerben: der erst 17 Jahre alte Titelverteidiger belegte Platz drei. Deutscher Meister wurde Routinier Markus Hoppe vom Sächsischen Bergsteigerbund vor Thomas Tauporn. Bei den Frauen hangelte sich das 18 Jahre alte Ausnahmetalent Juliane Wurm (Wuppertal) vor 700 Zuschauern zum nächsten Titel. Ines Dull und Luisa Neumärker folgten.

Beste Frankfurterin war Irina Mittelman als Vierte; Luise Raab schied in der Qualifikation aus. Pech hatte Lisa Weisensee. Sie zog sich beim Abgang eine Muskelverletzung im Oberschenkel zu und musste im Finale passen. Bei den Juniorinnen wurde die einzige Darmstädterin, Caroline North, Siebte. Die Plätze fünf und sechs belegten Lara Scharf und Lara Hojer aus Frankfurt. Luise Raab musste sich bei der Jugend A im Superfinale - einem Stechen nach Leistungsgleichheit im Halbfinale und Finale - Isabell Leiner (Zweibrücken) geschlagen geben. Lina Himpel, ebenfalls aus Frankfurt, kam auf Rang fünf bei der Jugend B.

„Im Spitzensport ist der Trainer weitgehend Psychologe“

Nicht alle Frankfurter sind aber auch Frankfurter. Die Hojer-Geschwister und Irina Mittelman kommen aus Köln. Sie starten für die Sektion Frankfurt, weil Trainer Vantorre eine umfassende Betreuung bietet. „Systematische Arbeit im Spitzenbereich gibt es in Deutschland kaum“, sagt er. Der Sportwissenschaftler trainiert seit 2003 hauptberuflich - und ist Mädchen für alles. „Im Spitzensport ist der Trainer weitgehend Psychologe.“ Können seine Kletterer nicht in Frankfurt sein, telefoniert er mit oder kommt zu ihnen. Auch die Sportler nehmen weite Wege auf sich, um bei nationalen und internationalen Wettkämpfen anzutreten. Finanziell lohnt sich das nicht. Die 1000 Euro Prämie für die Seniorensieger bei der deutschen Meisterschaft sind die Ausnahme.

Auffällig ist die Stärke der Jugend. Die drei Erstplazierten bei den Frauen sind jünger als zwanzig Jahre. „Deutschland war im Leistungsklettern lange nicht gut aufgestellt“, sagt Thomas Bucher vom DAV. Vom Jahr 2000 an aber wurden immer neue Kletterhallen gebaut. Plötzlich musste man nicht mehr in die Berge fahren. Und die Jugend lief den Etablierten den Rang ab. Zumal Muskelkraft nicht entscheidend ist - Technik und Beweglichkeit sind gefragt. „Kletterer sind nach Skispringern und Jockeys die dünnsten Sportler. Kinder sind durch ihren Körperbau bestens geeignet“, sagt Vantorre. Heute gibt es im DAV 320.000 Kletterer, neunzig Prozent von ihnen trainieren in der Halle.

„Das ist die Königsdisziplin, weil man keinerlei Informationen hat“

Der Sport, der in Darmstadt gezeigt wurde, hat mit waghalsigen Manövern in freier Natur wenig gemein - nicht nur, weil dort Lichtkegel und Musik nicht zur Begleitung zählen. Ziel ist es, möglichst hoch zu klettern. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sportler die Route kurz vor dem Wettkampf erstmals sehen. Sechs Minuten bleiben zum „Wandlesen“ vom Boden. Oft wird die Grifffolge gemeinsam erörtert; der kollegiale Umgang ist normal.

Dann geht es in die Isolation. Die Leistung der Konkurrenz ist also eine weitere Unbekannte. „Das ist die Königsdisziplin, weil man keinerlei Informationen hat“, sagt Hauptschiedsrichter Johannes Altner. Anders ist das beim publikumswirksamen Speedklettern. Beim vertikalen Wettlauf geht es nur um Schnelligkeit auf einer genormten Route. Den deutschen Meistertitel sicherten sich in Darmstadt Jonas Baumann (Wuppertal) und Isabell Haag (Schwaben).

„Die zentrale Lage in Deutschland hat uns sicher auch geholfen“

Für das Kletterzentrum Darmstadt war die Meisterschaft eine Premiere. Erstmals fand in dem 2,7 Millionen Euro teuren Komplex, der Ende März 2009 eröffnet wurde, ein Wettkampf statt. „Die Halle ist aufgrund des Platzes für Zuschauer sehr gut geeignet“, sagt Thomas Bucher vom DAV. „Die zentrale Lage in Deutschland hat uns sicher auch geholfen“, sagt der Vorsitzende der gastgebenden Sektion Darmstadt-Starkenburg, Michael Moneke.

Neben München, Dresden und Wuppertal ist man nun Bundesstützpunkt. Dieser Umstand lockte schon die Nationalteams aus Südkorea und Neuseeland an die mehr als 17 Meter hohe Wand. „Wir bemühen uns um solche Gäste, um die Wertigkeit unserer neuen Halle zu steigern“, sagt Moneke.

„Wir haben hundert Kinder. Mehr geht einfach nicht“

So eine Halle hätte Andreas Vantorre auch gerne in Frankfurt. Pläne dafür gibt es, doch an der Finanzierung scheiterte es bisher. Vantorre trainiert seine Besten zumeist in Frankenthal oder in Darmstadt. Aufgrund der begrenzten Kapazität in Frankfurt muss die Sektion Neuanmeldungen ablehnen. „Wir haben hundert Kinder. Mehr geht einfach nicht“, sagt Vantorre, dessen Frau Ingrid Jugendleiterin ist.

In Darmstadt indes hoffen sie auf weitere Wettkämpfe. Wolfgang Wabel, DAV-Abteilungsleiter für Sportklettern, machte mit seinem Fazit des Wochenendes jedenfalls Mut: „Es war ein gelungener Saisonabschluss und eine der besten Meisterschaften der letzten Jahre.“ Am 20. März 2010 werden im neuen Kletterzentrum die hessischen Meister ermittelt. Austragungsstätte des nächsten deutschen Titelkampfs ist Ende November 2010 Leipzig.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Karlsruher Konzern unter Druck

Von Manfred Köhler

Der Energieversorger ENBW im Rhein-Main-Gebiet? Neu wäre das nicht. Der Karlsruher Konzern ist mit 15,1 der Mannheimer MVV Energie beteiligt, die wiederum 48,6 Prozent am Offenbacher Energieversorger EVO hält. Mehr