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Spezialeinsatzkommando Formation - Backup - Go!

 ·  In fünf Minuten können die Spezialisten des SEK das Polizeipräsidium verlassen, wenn es in Frankfurt einen Amoklauf geben sollte. Um den Täter zu fassen und Tote zu verhindern, würden sie heute mehr riskieren als noch vor zehn Jahren.

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Der Mann mit der Axt soll wissen, was auf ihn zukommt. Deshalb kommt das SEK mit voll aufgedrehter Sirene, lässt beim Bremsen die Reifen quietschen und schlägt Autotüren krachend zu. Drinnen, in dem fünfstöckigen Gebäude, wütet der Mann mit der Axt. Es gibt Verletzte, vielleicht sogar Tote. So viel wissen die Männer, die jetzt aus ihren Autos springen, denn so ist das Szenario. Der Amoklauf in dem ehemaligen Sozialgericht an der Adickesallee ist simuliert, das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Frankfurter Polizei trainiert den Ernstfall. Sieben Beamte formieren sich zu einem Stern, gerade so, dass sie die 360 Grad ihrer Umgebung lückenlos im Blick haben. Wenn einer an der Spitze einen Schritt nach vorn tut, muss am Ende einer einen Schritt rückwärtslaufen. So bewegt sich der Haufen aus Pistolen im Anschlag, Helmen, Uniformen, Maschinen- und Präzisionsgewehren, eine Einheit im Wortsinne, auf das Gebäude zu. Vor der Tür stößt der Mann an der Spitze verbrauchte Luft durch die Nase. Sein Visier beschlägt von innen.

Norbert Kanschus, ein großer Mann mit breiten Schultern und schmalen Hüften, sitzt an einem Tisch im vierten Stock des Polizeipräsidiums und rechtfertigt sich wegen 30 Liegestützen. Wer bei dem vier Tage dauernden Aufnahmetest für das SEK mehr als 30 Liegestütze schafft, der wird interessant für die Spezialeinheit der Frankfurter Polizei, die Kanschus leitet. Die Zahl sei aber nur deshalb so niedrig, weil die Kraft am Ende des Sporttests dran ist, nach Ausdauer und Koordination. 40 Kilogramm wiegt die Ausrüstung, der Helm, die Schutzweste, die Waffe, alles, was jeder SEK-Beamte mit sich herumtragen muss. Nicht nur deshalb, nicht nur wegen der geforderten körperlichen Fitness, blieben von den 30 ausgebildeten Polizeibeamten, die sich zuletzt für das SEK beworben hatten, nur sechs übrig.

Im Sozialgericht umkurvt das SEK die Spur aus Kunstblut, vor sich ein Problem: die Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock. Niemand weiß, was da oben los ist. Treppen sind schwer einzusehen und oben und unten zwei Kategorien, die beim Kämpfen sowieso immer heikel sind, das weiß jeder, der bei einer Schulhofprügelei schon einmal zu Boden gegangen ist. Jetzt liegt auch noch einer auf halber Treppe, der sich das blutende Bein hält. „Er ist oben“, sagt der Mann. „Kannst du gehen? Los, hau ab, raus hier“, schreit ihn einer der Beamten an. Der Polizeikörper rüttelt sich zurecht. „Formation? Backup?“, schreit einer. „Ja“, ein anderer. „Go!“

Der Ton ist rauh, zum Siezen fehlt die für derlei Förmlichkeiten nötige Entspanntheit. „Wir suchen aber keine Rambos, die Türen eintreten“, sagt SEK-Leiter Kanschus. Eine erschütterungsfeste mentale Verfassung, das ist neben der körperlichen Fitness die zweite wichtige Komponente für jemanden, der zum SEK will. In Rollenspielen und Aufmerksamkeitstests müssen die Anwärter beweisen, dass sie das draufhaben. Im Trainingszentrum im Keller des Polizeipräsidiums, wo ein Straßenzug nachgebaut ist mit Bankfiliale und Eckkneipe, müssen sie zum Beispiel die Bierflasche entdecken - bevor einer, der den Aggressor spielt, danach greift. Wenn ein Polizeibeamter den Aufnahmetest besteht, wird er zwölf Wochen lang an der Polizeiakademie in Wiesbaden für seine Arbeit beim SEK geschult und trainiert zwölf Wochen in der Einheit in Frankfurt. Dann muss er raus zu den Einsätzen, zu denen das SEK gerufen wird. Das sind sogenannte Sonderlagen, also besonders gefährliche Situationen wie eine Geiselnahme oder eben ein Amoklauf. Aber das SEK kommt auch, wenn es technisch schwierig wird. Wenn ein Einsatzort nur aus der Luft zu erreichen ist, seilen sich die Spezialisten vom Höheninterventionsteam ab.

“Raum klar“, schreit ein Beamter aus einem Zimmer im Sozialgericht. Seine Kameraden schleifen den zweiten Verletzten, der zwischen den Kunstblutschlieren im Treppenhaus des Sozialgerichts liegt, in das gesicherte Zimmer. Der Rettungssanitäter unter den SEK-Beamten packt aus, was er dabeihat: Infusionsbeutel mit isotonischer Kochsalzlösung, Mullkompressen, Rettungsdecke. Die Beamten tun das Nötigste sofort.

Es gibt ein Foto, aufgenommen am 26. April 2002, das ist ein Symbol dafür, was früher schiefgelaufen ist bei der Polizei. Auf dem Bild duckt sich ein Streifenpolizist hinter einen Rettungswagen und hält seine Waffe über die Kühlerhaube, in Richtung der Gutenbergschule in Erfurt. Während die Polizei draußen abgewartet hat, hat Robert Steinhäuser in der Schule 16 Menschen erschossen. Norbert Kanschus nennt das eine „Echtlage der Vergangenheit“, ein real existierender Amoklauf, wegen dem sich das, was die Polizei tut, grundlegend verändert hat. Gebe es heute eine Situation, wie es sie in der thüringischen Hauptstadt gab, im baden-württembergischen Winnenden und erst unlängst im amerikanischen Newtown, dann würden die Polizeibeamten das Gebäude sofort stürmen. Um einen Amoktäter von seinem Tun abzuhalten, um Tote zu verhindern, fordert die Taktik von ihnen jetzt, sich in größere Gefahr zu begeben. „Ein kalkulierbares Risiko“, sagt Norbert Kanschus, das man nur eingehe, wenn man seine eigenen Chancen zu gewinnen gut einschätze. Seine Leute, die in Frankfurt das Ad-hoc-Team bilden, diejenigen also, die bei einem Notruf innerhalb von fünf Minuten das Polizeipräsidium in Richtung Amoklauf verlassen würden, sind gut ausgebildet. Sie trainieren die Hälfte ihrer Arbeitszeit. Ein Luxus ist das, sagt Kanschus.

Als der Mann mit der Axt durch den Flur rennt, geht plötzlich alles ganz schnell. Ein Beamter schießt aus seiner Elektroschockpistole, der Täter geht zu Boden. Ein Polizist ist sofort bei ihm, tastet ihn ab. „Zwei Messer am Körper des Täters“, sagt er und legt dem Mann Handschellen an.

“SEK befreit eingesperrte Mutter im Taunus“. Die Schlagzeile schreit von der Pinnwand in Kanschus’ Büro herunter. Das hat nichts mit Stolz zu tun, sagt Kanschus, er beobachte nur die Wahrnehmung seiner Jungs sehr genau. Es ist nicht so, dass diese mit ihren 40 Kilogramm Ausrüstung am Körper die ganze Zeit im Polizeipräsidium sitzen und auf den nächsten Einsatz warten. Wenn es aber zu schwer einzuschätzenden Situationen komme wie der Anfang Dezember am Roßmarkt, dann halten sich die SEK-Beamten in echter Alarmbereitschaft, bereit, sofort auszurücken. Damals ging die Polizei davon aus, dass sich ein Räuber mit einer Pistole in einem Bürogebäude verschanzt hatte. Der Verdacht bestätigte sich nicht, das SEK musste nicht eingreifen. Dieses Mal nicht.

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Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr