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Soziale Stadtentwicklung : „Hürriyet“ am Alemannenweg

Managerin: Marja Glage in der Siedlung Engelsruhe Bild: Marcus Kaufhold

An Programmen, die das Leben in problematischen Vierteln Frankfurts verbessern sollen, mangelt es nicht. Manchmal helfen sie sogar, wie das Beispiel Engelsruhe in Unterliederbach zeigt.

          Ein Einkaufskorb, ein Plüschtier und ein kleiner Berg Sperrmüll: den Rasen zwischen den Reihenhäusern hat offensichtlich jemand mit einer Müllkippe verwechselt. So etwas kommt in den besten Vierteln vor, auch in der Engelsruhe, im Westen der Stadt. Dort gibt es aber immerhin Leute, die etwas dagegen unternehmen. Marja Glage zum Beispiel. Seit 2013 arbeitet die Caritas-Angestellte als Quartiersmanagerin in dem Viertel. Achtlos entsorgter Müll ist eines der Themen, mit denen sie es seither zu tun hat.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Gut 3500 Leute wohnen in der Siedlung, die zum Stadtteil Unterliederbach gehört. Darunter sind viele Ältere, viele Migranten und etwas mehr Arbeitslose als im Durchschnitt. Die meisten kennen die Siedlung allenfalls vom Vorbeifahren. Von der A 66 aus sind die Hochhäuser gut zu sehen. Doch in derselben Siedlung finden sich Reihenhäuser, Alteingessene treffen auf Neubürger, der Wandel macht manchem Angst. Glages Aufgabe ist es auch, die Veränderungen zu erklären, alte und neue Bewohner in Kontakt zu bringen.

          Eine Arbeitersiedlung ohne Arbeiter

          Einer der sichtbarsten Erfolge ist der Kiosk an der Ecke der Straßen Engelsruhe und Alemannenweg. Jahrelang stand der Bau leer, wie in dem Viertel ohnehin viele Läden dichtgemacht hatten, weil das nahe Main-Taunus-Zentrum für viele mehr Anziehungskraft hat als der Krämerladen am Eck. Doch die Quartiersmanagerin konnte helfen, einen neuen Pächter zu finden, der die Wünsche der Bewohner erfüllt. Die „Bild“ hängt im Zeitungsträger direkt neben der „Hürriyet“. Türkischer Tee kostet einen Euro. Glage ist zufrieden.

          Die Entwicklung des Viertels im Westen der Stadt ist eng mit den Farbwerken Höchst verbunden, deshalb geht es ihm so wie anderen Quartieren, dem Gallus etwa: Die Engelsruhe ist eine Arbeitersiedlung, der durch die Deindustrialisierung die Arbeiter abhandengekommen sind. Dafür kommen neue Bewohner. Manche, weil sie eine günstige Bleibe brauchen, andere, weil sie gehört haben, dass es dort mittlerweile auch für Familien geeignete Wohnungen gibt, wie Glage sagt. Zudem sei das Netz an Kitas, Jugendclubs und Beratungsangeboten relativ dicht.

          Glages Auftrag: Bürger motivieren

          Die Engelsruhe ist schon das Ziel einiger Sozialprogramme gewesen. Zunächst gab es Geld von der EU, dann vom Land Hessen, bevor sich mit der Förderung durch das Programm „Soziale Stadt“ auch Bund und Stadt einschalteten und innerhalb von zehn Jahren viele Neubauten möglich machten. Nun ist Quartiersmanagerin Glage für das städtische Programm „Aktive Nachbarschaft“ in dem Viertel unterwegs. Ihr Auftrag: die Bürger motivieren, etwas für ihre Umgebung und damit für sich selbst zu tun.

          Was genau das ist, müssen die Bewohner oft selbst entscheiden. Glage gibt Impulse und unterstützt das Engagement, hilft bei der Organisation, stellt Kontakte her. Wenn, wie neulich passiert, jemand versucht hat, die Grillhütte am Ortsrand anzuzünden, hilft Glage dabei, die Sanierung anzuschieben. Und nur, um das klarzustellen: Die mutmaßliche Brandstifterin stammt nicht aus der Siedlung Engelsruhe, wie Glage sagt. „Problemviertel“ gibt es aus ihrer Sicht ohnehin nicht, allenfalls Quartiere, über die mehr gesprochen werde als über andere. Und über die Engelsruhe wird nicht mehr besonders oft gesprochen. Das hat auch mit gelungener Stadtplanung zu tun.

          Stadtteilfest wird zum Erfolg

          Die staatlichen Programme haben Bewohner und die großen Baugesellschaften an einen Tisch gebracht. Die Diskussionen darüber, wie sich das Viertel wandeln soll und darf, waren nicht immer einfach und sind noch längst nicht vorbei. Doch aus Glages Sicht haben die Partner meistens gute Kompromisse gefunden, etwa wenn es um die Höhe und die Orte von Neubauten ging.

          Nun ist die Engelsruhe eines von mehr als zehn Quartieren, in die das Sozialdezernat ihre Manager entsendet. Sie haben ein kleines Budget und sollen mit den Bewohnern Ideen entwickeln. Glage hatte diese Aufgabe schon in Sindlingen erfüllt, seit 2013 hat sie ein Büro in der Engelsruhe. So wie sich die Viertel unterscheiden, variieren die Ergebnisse ihrer Arbeit. Eine Quartiersmanagerin könne am Ende nur so gut sein wie die Bürger ihres Viertels, sagt Glage. Manche der Ideen kommen gut an, andere weniger. So lockt ein Stadtteilfest zuweilen mehr Leute an, als in die Halle passen, andere Angebote verlaufen im Sande.

          Doch Glage ist davon überzeugt, dass der Ansatz funktioniert. Als Beispiel fällt ihr eine Frau vom Balkan ein. Obwohl sie dort eine Ausbildung als Näherin abgeschlossen hatte, fand sie in Frankfurt keinen Job. Über einen Nähkurs in ihrem Viertel habe sie neue Motivation gefunden und schließlich auch eine feste Anstellung.

          Wer mit seiner Siedlung solch positive Erlebnisse verbinde, meint Glage, der behandele seine Umgebung gut. Und wirft vielleicht sogar weniger Müll auf den Rasen.

          Quelle: F.A.Z.

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