http://www.faz.net/-gzg-76yt5

Sophie Hunger : Hintergründig, reflektiert, charmant

  • -Aktualisiert am

Offen für alles: Sophie Hunger in der Centralstation. Bild: Rosenkranz, Henner

Sophie Hunger überzeugt mit neu besetzter Band und zum Pop tendierender Musik in der Darmstädter Centralstation.

          Besonders Dichter und Denker sind sich einig, dass das menschliche Dasein vor allem um Veränderung kreist. Für Sophie Hunger, die als Diplomaten-Tochter an wechselnden Orten der Welt aufwuchs, gehört Bewegung von jeher zu den Konstanten des Lebens. Ihre rasante Karriere mit ausgedehnten internationalen Tourneen dürfte ihre Musik und ihre Persönlichkeit zusätzlich inspiriert haben. Seit gut vier Jahren bezaubert die Schweizerin mit hintergründigen Songs, reflektierten Texten und individueller Imaginationskraft. Dabei wirkte sie oft als natürliche Antithese zur allgegenwärtigen Nivellierung. Ihr ironischer Witz bringt routinierte Talkmaster aus dem Tritt und jedes ihrer vier Alben zeigt auf seine Art entschiedenen Gestaltungswillen. Die enorme Resonanz von Presse und Publikum haben Hungers Bodenhaftung nicht gekappt, ihr Selbstbewusstsein aber gestärkt. Das zeigt sich heute in verschiedenen Facetten.

          War die Produktion des Albums „1983“ noch eine etwas überstürzte, intuitive Antwort auf dessen Vorgänger „Monday’s Ghost“, hat sich Hunger für ihre aktuelle CD „The Danger Of Light“ viel Zeit genommen. Zielstrebig suchte sie einen neuen Produzenten und ließ sich auf die Herausforderung ein, mit prominenten amerikanischen Musikern zu arbeiten. Natürlich klingt auch dieses Werk nach Sophie Hunger, allein schon, weil ihre unverkennbare Stimme mehr denn je auch im Studio zu voller Größe aufblüht. Dennoch markieren die Aufnahmen eine weitere Wende, die sich nun beim Konzert in der ausverkauften Darmstädter Centralstation manifestiert - konsequenter, als noch vor einem halben Jahr abzusehen war.

          Klavier, Trompete oder Synthesizer: Anérilles übernimmt es

          Während die jüngsten Studioaufnahmen teilweise von rockiger Gitarre geprägt sind, übernimmt live das Rhodes-Piano des neuen Bandmitglieds Alexis Anérilles eine tragende Rolle. Der Multiinstrumentalist aus Paris setzt sich mitunter auch an Hungers Klavier, steuert knappe Motive auf Flügelhorn und Trompete bei und sorgt mit Synthesizer und Effekten für elektronisch angehauchte Momente. Ebenfalls neu auf der Bühne ist Sara Oswald, die ihrem Cello harmonische Linien, scharfkantige Stakkati und obertonreiches Flirren entlockt. Bassist Simon Gerber bläst jetzt in zwei Songs eine lyrische Klarinette; der variable Schlagzeuger Alberto Malo kann sich nun, da die Band zunehmend eingespielt ist, wieder auf spannende rhythmische Akzente konzentrieren. Manche älteren Songs wie

          „Shape“ oder „My Oh My“ zeigen in umgekrempelten Arrangements interessante Facetten und eine unerwartete Dynamik. Mehr denn je richtet sich in dieser Konstellation alle Aufmerksamkeit auf Sophie Hunger, deren souverän-charmante Präsenz selbstverständlich durch das neunzigminütige Konzert trägt - auch ohne ihren langjährigen Gegenpol Michael Flury. Dessen markant-eigenwilliges Spiel auf der Posaune hatte bislang großen Anteil am charakteristischen Sound der Band. Sein Ausstieg unterstreicht den ästhetischen Wandel, der sich im Lauf der Produktion schon anbahnte.

          Jazz hat als Impulsgeber ausgedient, der Blues schimmert hingegen auch in aktuellen Stücken wie „Heharun“ oder „Das Neue“ durch. Folk-Einflüsse zeigen sich noch in seltenen Momenten, wenn Hunger wie beim schweizerdeutschen Lied „Spiegelbild“ allein mit der akustischen Gitarre auftritt. Selbst in Balladen ist ihre ehemals fragile Ausstrahlung einer unaufdringlichen inneren Gewissheit gewichen. Gradlinigere Songs, direktere Texte und ein generell mehr zum Pop tendierender Sound mögen vielleicht nicht jeden Fan der ersten Jahre durchgängig überzeugen. Für Sophie Hunger scheint indes auch in Zukunft vieles möglich. Diese Offenheit gehört sicher ebenfalls zu den Qualitäten einer profilierten Sängerin und Songschreiberin.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Bis die Ohren bluten

          Opernausstellung in London : Bis die Ohren bluten

          Was sehen wir im Museum, wenn das Thema „Oper“ heißt? Gehört Musiktheater nicht vor allem auf die Bühne? Das Londoner Victoria and Albert Museum inszeniert eine vermeintlich elitäre Gattung.

          Massenflucht der Rohingya Video-Seite öffnen

          Burma : Massenflucht der Rohingya

          Die Zahl der aus Burma fliehenden muslimischen Rohingya ist nach Angaben der Vereinten Nationen drastisch gestiegen. Sie fliehen vor Gewalt und Hunger. Im Süden von Bangladesch droht sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation eine Cholera-Epidemie auszubreiten. In den Flüchtlingslagern werden Platz, Wasser und Nahrung knapp.

          Sie sitzt jetzt mit am Tisch

          Album der Woche : Sie sitzt jetzt mit am Tisch

          Ein beeindruckendes Debüt: Mit „Take Me Apart“ schießt Kelela, amerikanische Tochter äthiopischer Einwanderer, direkt in die Riege großer schwarzer Musikerinnen, die Empfindsamkeit als Stärke begreifen.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.