29.12.2011 · Vor 40 Jahren wurde der Musikclub Sinkkasten gegründet. Das Jubiläumsjahr endet mit einer verlorenen Schlacht: An Silvester gehen die Lichter aus.
Von Christian Friedrich, FrankfurtAusgerechnet der Lieblingssessel. Vielleicht hatte jemand Turnübungen darauf veranstaltet. Oder die Armlehne war schlicht altersschwach geworden. Jedenfalls war sie abgebrochen und damit plötzlich die Frage da, ob der Sessel nun auf den Sperrmüll gebracht oder doch weiterhin im Café des Frankfurter Traditionsclubs Sinkkasten herumstehen sollte. Diese kleine Begebenheit ist fast genau ein Jahr her und symbolisiert den vergeblichen Kampf um ein legendäres Musiklokal, das vermutlich auch deshalb zum Jahresende schließen muss, weil ihm die eigene Geschichte immer wieder im Weg stand wie ein altes Möbelstück.
Im Frühjahr dieses Jahres konnte der Sinkkasten Arts Club sein vierzigjähriges Bestehen feiern, doch wurde dieses Jubiläum eher beiläufig erwähnt als groß zelebriert. Die finanzielle Lage war da längst bedrohlich geworden. Am 26. Mai musste der Club schließlich beim Amtsgericht Frankfurt einen Insolvenzantrag stellen.
Damit war, trotz aller Rettungsbemühungen, das Ende eines Veranstaltungslokals eingeläutet, das schon länger nur noch von seiner Geltung als von seiner tatsächlichen Bedeutung gelebt hat. 1971 von Detlef Christoph als Jazzclub gegründet und ursprünglich in einem Kellergewölbe an der Mainstraße beheimatet, wo es auch die namengebenden Sinkkästen, Sickerbehältnisse von Abwasseranlagen, gab, blühte der Club vor allem in den ersten Jahren nach seinem Umzug in die heutigen Räumlichkeiten in der Brönnerstraße auf. Hatte es in den siebziger Jahren sogar durchaus ernst gemeinte Vorschläge gegeben, den Sinkkasten in der damals im Wiederaufbau befindlichen Alten Oper unterzubringen, setzte der Club an der Brönnerstraße eine andere, nicht minder wichtige Traditionslinie in der musikalischen Geschichte Frankfurts fort.
In diesen Räumen war in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem „Storyville“ eines der berühmtesten Jazzlokale Deutschlands untergebracht und dann von August 1970 bis Juli 1971 der so sagenumwobene wie berüchtigte Musikclub „Zoom“. Dieser von Volker „Cooky“ Dahl geleitete Club ist nicht nur von Jörg Fauser in „Rohstoff“ literarisch verewigt worden, sondern auch wegen des dort wohl sehr freizügig gehandhabten Umgangs mit „Rohstoff“ in die Geschichte eingegangen. Die Schließung des „Zoom“ wurde im Juni 1971 vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel verfügt.
Mit solchen halluzinogenen Eskapaden machte der Sinkkasten nicht von sich reden. Vielmehr lockte der Club mit seinem musikalischen Programm die Massen, die manchmal bis auf die Zeil für Eintrittskarten anstanden. Ob Jazz, Blues, Rock, Pop, Kabarett, etablierter Künstler oder Newcomer, der Sinkkasten bot eine Bühne für alles und alle. Weil der Laden brummte, die Disco-Veranstaltungen viele Gästen lockten und die Stadt außerdem viele Jahre lang einen Mietkostenzuschuss in Höhe von 125000 Mark gewährte, fiel wohl niemandem so recht auf, dass der Club ganz allmählich verstaubte.
Wer in den vergangenen 20 Jahren musikalischen Trends auf der Spur sein wollte, fand kaum in den Sinkkasten. Dort rockten die Haudegen zurückliegender Jahrzehnte und fast in Vergessenheit geratene Viertellegenden, die neben ihren Altersgenossen nur noch musikhistorisch interessierte Hörer anlockten. Der heutige Sinkkasten-Chef Rudi Link, im Mai 60 Jahre alt geworden, setzte möglicherweise zu sehr auf den eigenen Geschmack, wenngleich ihm viele Musiker und Künstler aus der Region auf immer dankbar sein werden, weil er ihnen stets Auftrittsmöglichkeiten gewährte. Die Karrieren von „Mundstuhl“ oder den „U-Bahn-Kontrollören in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ begannen an der Brönnerstraße.
Wie der Sinkkasten wurden auch seine treuen Gäste älter, was schließlich auch die Club-Leitung zu einem Umdenken bewog. Link holte sich 2010 in Elise Henning, mit deren Eltern er seit Jahrzehnten befreundet ist, und Nina Kreusel zwei junge Mitstreiterinnen ans Steuer, die dem Club die dringend benötigte Auffrischung bringen sollten. Die beiden öffneten das Programm denn auch für Indie-Rock und Elektro-Pop, ohne gleich alle alten Zöpfe abschneiden zu wollen, wie auch die Episode mit dem alten Sessel zeigte, der Elise Hennings Lieblingssitzmöbel im alten Café des Lokals war. Doch die Hinwendung zu einem jungen, studentischen Publikum kam zu spät.
Dem Vernehmen nach hat der Sinkkasten Mietschulden in sechsstelliger Höhe, was dem als sehr nachsichtig beschriebenen Vermieter irgendwann dann doch zu viel wurde. Das beantragte Insolvenzverfahren wurde am 28. Juli vom Amtsgericht eröffnet und der Rechtsanwalt Fabio Algari als Insolvenzverwalter bestellt. Algari, der sieben der 27 Mitarbeiter des Clubs kündigen musste, versuchte zwar in den vergangenen Monaten mit Hilfe des Sinkkasten-Teams und befreundeten Veranstaltern und Künstlern eine finanzielle Basis für den Fortbestand des Sinkkasten zu finden, doch reichten die Bemühungen um eine Reduzierung der Miete und einige Benefizveranstaltungen nicht aus. Mit der Silvester-Party an diesem Samstag endet die Geschichte des Sinkkasten - zumindest vorläufig.
Seit Beginn des Insolvenzverfahrens laufen Verhandlungen, was aus den Räumlichkeiten werden könnte. Wie Fabio Algari dieser Zeitung sagte, gab es vier ernsthafte Angebote, in der Brönnerstraße weiter für Betrieb sorgen zu wollen. Da die derzeitige Konzession für ein Musiklokal gilt, reichten die Vorschläge von einer Diskothek, über eine Raucherlounge mit gelegentlichen Live-Darbietungen, bis hin zu einer Fortführung als Konzert-Club.
Das ist die wahrscheinlichste Variante, worauf etwa ein für den 6. März im Sinkkasten angesetztes Konzert mit Jonathan Richman hindeutet, das ein bekannter Frankfurter Konzertveranstalter organisiert. In der Stadt kursieren zahlreiche Namen, die Konzession für den Betrieb hat Rudi Link inne, der deshalb weiterhin als ein möglicher Partner genannt wird. Besonders häufig wird der Name des „Artmobil“-Geschäftsführers Klaus Schäffer als neuer Betreiber genannt, der sowohl durch Großveranstaltungen als auch Künstlerbetreuung wie bei Heiner Goebbels und dem Mousonturm die nötige Erfahrung und Kontakte hätte.
Ob und unter welchem Betreiber die Sinkkasten-Räume tatsächlich Anfang März eröffnet werden, ist aber wohl noch nicht geklärt. „Bevor die Tinte unter den Verträgen noch nicht trocken ist“, hielten sich auch Eingeweihte bedeckt halten, hieß es noch am Donnerstag.