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Sigrid Sigurdsson : Die Kunst der Erinnerung

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Zwei Regale, viele Erinnerungen: Sigrid Sigurdsson in der „Bibliothek der Alten“. Bild: Wonge Bergmann

Die Künstlerin Sigrid Sigurdsson gründet „offene Archive“, die Menschen dann mit ihren Erinnerungen füllen. Frankfurt verdankt ihr die „Bibliothek der Alten“.

          Es ist leicht, Sigrid Sigurdsson zu übersehen. Sie hat sich auf einen der Stühle vor dem Publikum gesetzt, doch die Aufmerksamkeit der Zuschauer gehört den vier Männern und Frauen an ihrer Seite an diesem Abend im Historischen Museum - und den Erinnerungen, die sie aufgeschrieben haben über den März 1944, als die Bomben auf Frankfurt fielen.

          Die vier, fast alle älter als 80 Jahre, sind Autoren der „Bibliothek der Alten“. Sie haben ihre Vergangenheit in Worte gefasst, auf Papier geschrieben oder auf Band gesprochen. Worte, die an diesem Abend Museumsmitarbeiter vorlesen und die erzählen, wie Familien bei Fliegeralarm in den nächsten Bunker rennen. Wie eine Bombe nur einen Augenblick braucht, um aus einem Zuhause einen lodernden Scheiterhaufen zu machen. Und wie eine Mutter zu ihrem Kind sagt: „Jetzt hat uns der liebe Gott vergessen.“

          „Ein begehbares Gemälde“

          124 Autoren zählt die „Bibliothek der Alten“ mittlerweile, 124 Zeitzeugen, die Geschichten aus ihrem Leben erzählt haben oder noch erzählen werden, denn das Projekt soll erst im Jahr 2105 enden. 124 Namen auf den Schildern an den beiden Regalen im Historischen Museum, die diese Geschichten bewahren. „Sigrid Sigurdsson“ steht dort nicht, aber ohne sie hätte es dieses kollektive Gedächtnis Frankfurts nie gegeben.

          Doch Sigurdsson ist keine Historikerin, sie ist Künstlerin. „Die ,Bibliothek der Alten‘ ist ein begehbares Gemälde“, sagt sie. Ein halbes Jahrhundert lang hat sie geschrieben, Trickfilme produziert und gezeichnet. Aber ihr Hauptwerk sind die „offenen Archive“, die sie anlegt und all jenen aufmacht, die dann ihre Erinnerungen hineintragen. „Zeit ist ja vom Menschen gemacht“, sagt sie. Tage, Monate, Jahre - eine künstliche Einteilung von Geschichte, die eigentlich immer weiter fließe. Wie dieser Geschichtsfluss im Gedächtnis zu Erinnerungen wird, hat sie ihr Leben lang fasziniert. Im Gedächtnis der 71 Jahre alten Sigurdsson haben die Greuel des Nationalsozialismus besonders tiefe Spuren hinterlassen, und das liegt an ihrer eigenen Geschichte.

          Wie sie den Auschwitz-Prozess verarbeitete

          Als der Zweite Weltkrieg endete, war sie noch ein Kleinkind. Doch bei ihrer Geburt in Oslo war Norwegen von den Deutschen besetzt. Die Eltern sangen am Theater, der Vater Tenor, die Mutter Sopran, er aus Island und sie Deutsche. „Mein Vater war nicht im Widerstand“, betont Sigurdsson. Er habe nur geglaubt, ihm, dem Isländer, würden die Deutschen nichts tun, wenn er Flugblätter gegen die Besatzung verteilte. Doch sie sperrten ihn in ein Konzentrationslager, erst in Norwegen, später in ein Außenlager von Buchenwald. Zwar überlebte der Vater die Haft, doch 1956 starb er an den Spätfolgen.

          Bis August zeigt Sigurdsson in der „Bibliothek der Alten“ auch ihr Werk „Die Pause“:
          Bis August zeigt Sigurdsson in der „Bibliothek der Alten“ auch ihr Werk „Die Pause“: : Bild: Wonge Bergmann

          Ihre gerechte Strafe erhielten viele Täter des „Dritten Reichs“ erst spät, andere nie. Der erste große Prozess gegen das SS-Personal von Auschwitz begann 1963 in Frankfurt. Einen Tag lang saß auch die Hamburger Kunststudentin Sigurdsson als Zuschauerin im Gerichtssaal. „Mir ist aufgefallen, dass alles, was zwischen dem Gesprochenen lag, viel wichtiger war“, erzählt sie. Um diese Redepausen zu verbinden, zerschnitt sie damals symbolisch ein Tonband und knotete die Schnipsel wieder zusammen. Wirklichkeit wurde ihre Idee erst dank moderner Technik: Inzwischen sind die Aufnahmen des Prozesses online abrufbar, und Sigurdssons Sohn Gunnar hat die Pausen digital aneinandergefügt. Das Werk heißt „Die Pause“ und ist noch bis 2. August in der „Bibliothek der Alten“ im Historischen Museum zu hören.

          Die Kunst des Sammelns

          Von den Aussagen bleiben darin nur das Atmen der Angeklagten und der Zeugen, ihr Zögern und der erste und letzte Laut vor und nach der Pause. Täter wie Opfer lässt Sigurdsson zum Reden ansetzen und ihnen die Worte schon beim zweiten Ton im Hals stocken. So macht sie die Sprecher zu Schweigenden, und dieses Schweigen steht auch für die Sprachlosigkeit über die Nazi-Verbrechen in der Nachkriegszeit.

          Kunst und Geschichte: Historische Dokumente, die sie gesammelt hat.
          Kunst und Geschichte: Historische Dokumente, die sie gesammelt hat. : Bild: Wonge Bergmann

          Doch Sigurdssons wahre Kunst ist die Kunst des Sammelns. 1993 fuhr sie mit einem Dolmetscher durch 24 polnische Dörfer, die KZ-Häftlinge auf ihrem Todesmarsch durchquert hatten, und ließ Zeitzeugen ihre Geschichten erzählen. Da hatte sie schon mit der „Architektur der Erinnerung“ begonnen, einem 180 Quadratmeter großen Raum im Osthaus-Museum im westfälischen Hagen. Für dieses Projekt hat sie 800 Reisebücher an Freiwillige ausgegeben, die irgendwo draußen in der Welt Hunderte weiße Seiten mit Worten und Bildern füllen. Dann kehrt das Buch in das Museum zurück, und was die Schreiber mitgebracht haben von ihren Reisen, wird ein Stein in der „Architektur der Erinnerung“. Die Grundmauern aber bilden Sigurdssons eigene Werke, zahllose Geschichten und Zeichnungen, dazu Vitrinen voll mit historischen Schriftstücken, Briefen, Zeitungen und Alben, teils aus dem „Dritten Reich“, aber etwa auch eine alte Cicero-Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert. Sigurdsson sammelt Erinnerungen, eigene und fremde, die gemeinsam keine kohärente Geschichte erzählen sollen, sondern eine eigene Welt aus Gedanken und Fragmenten schaffen - eine Metapher für das Gedächtnis, in die der Besucher eintauchen kann.

          Bis heute lebt Sigurdsson mit ihrem Mann in Hamburg. Nur Gast sei sie im von ihr erdachten Archiv in Frankfurt, das die Kuratorin Angela Jannelli betreut. Jeder kann sich dort durch die gesammelten Leben blättern. Wenn die „Bibliothek der Alten“ 2017 in das neue Ausstellungshaus des Historischen Museums umzieht, soll sie umbenannt werden. „Bibliothek der Generationen“ wird die Sammlung dann heißen, weil sie weit in die Zukunft reicht. Bis 2055 kommen jedes Jahr zwei neue Autoren hinzu, die dann ein halbes Jahrhundert Zeit haben, um eine Kiste oder ein Buch für ihr Fach in der Bibliothek zu füllen, jedes „eine Art Zeitkapsel“, sagt Sigurdsson. Und in 90 Jahren, wenn sie diese Welt schon lange verlassen hat, dann soll der letzte Strich des begehbaren Gemäldes am Platz sein und die letzte Zeitkapsel im Regal stehen.

          Quelle: F.A.Z.

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