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Sexualforscher Sigusch „Ich war ein ziemlich unangenehmes Kind“

 ·  Als Schüler ist Volkmar Sigusch seinen Lehrern auf die Nerven gegangen. Der Vielbegabte entschied sich gegen die Berufsmusikerlaufbahn - tattdessen wurde er Sexualforscher.

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Sie war steil, aber kurz, die Karriere des Pianisten Volkmar Sigusch. Mit 17Jahren hatte er angefangen zu spielen, ziemlich spät, aber der junge Mann erlernte die Tastenkunst schnell, so wie eigentlich alles, was er lernen wollte. Bald war er der Stolz seiner Klavierlehrerin, durfte an einem Wettbewerb teilnehmen - und gewann den zweiten Preis. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben gewesen, dass er „verloren“ habe, behauptet Sigusch. Das fortgeschrittene Alter - er war damals 19 - tat ein Übriges, um den Traum vom Virtuosendasein zerstieben zu lassen. So wurde aus dem Vielbegabten, der sein Abitur mit Auszeichnung bestand, kein Berufsmusiker, sondern ein Wissenschaftler. Und der Wissenschaftler hatte mehr Erfolg, als dem Pianisten vermutlich je beschieden gewesen wäre.

Seit gut 40Jahren widmet sich Volkmar Sigusch der Sexualforschung. Von 1973 bis 2006 hat er das Institut für Sexualwissenschaft an der Goethe-Universität geleitet. Seitdem ist er im Ruhestand, wobei er vermutlich beleidigt wäre, wenn man dieses Wort in seiner Gegenwart benutzen würde. „Ich habe seit 20Jahren keinen Urlaub mehr gemacht“, sagt er beim Gespräch in der Frankfurter Gemeinschaftspraxis, an deren Eingang jetzt auch sein Name steht. Nach der Emeritierung habe er mehrere Angebote gehabt, unter anderem vom Sigmund-Freud-Institut. Er entschied sich für die Praxisklinik Vitalicum - einige der Ärzte dort waren früher seine Studenten.

Einige kommen maskiert in die Praxis

Sigusch bietet Gesprächstherapien an. Im Vitalicum hat er keine eigenen Räume, aber die braucht er auch nicht, denn er ist nicht ständig dort. Er behandelt nur noch Menschen mit besonders schweren oder seltenen sexuellen Abweichungen. Welcher Art diese Störungen sind, darüber redet Sigusch nicht gern. Manche Neigungen seiner Patienten sind so ausgefallen, dass die Betroffenen schon an der Beschreibung erkennen könnten, dass ihr Therapeut von ihnen gesprochen hat. Auch Prominente suchen seinen Rat, wie er sagt. Einige kommen maskiert in die Praxis, damit sie nicht erkannt werden.

Hetero-, Homo- und Transsexualität, Sadismus und Masochismus, Fetischismus, Sodomie und Pädophilie: Sigusch hat sich mit fast allen möglichen Spielarten des Geschlechtstriebs forschend auseinandergesetzt, mit den gesellschaftlich erwünschten und geförderten, mit den zu Unrecht tabuisierten und jenen, die aus guten Gründen keinesfalls ausgelebt werden dürfen. In seiner Arbeit hat er sich nie auf die Betrachtung medizinisch-funktionaler Aspekte beschränkt. Immer wieder fragt Sigusch, wie die Sexualität des Einzelnen und der Zustand der Gesellschaft miteinander zusammenhängen. Und stets hat er sich gegen die „Psychiatrisierung“ geschlechtlicher Störungen gewandt.

Der brillante Junge in Schwierigkeiten in der DDR

Dabei ist Sigusch selbst Arzt, mit Ausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie. Dass er Medizin studieren würde, wenn es schon nicht zum Starpianisten reichte, war angesichts seiner Bestnoten in der Schule naheliegend. „Ich war ein ziemlich unangenehmes Kind“, erinnert er sich mit feinem Lächeln. „Die Lehrer hassten mich, weil ich sie korrigiert habe.“ Es gab noch andere Gründe dafür, dass der brillante Junge bald in Schwierigkeiten geriet. Die Siguschs lebten in der DDR, der Vater hatte einst eine Sparkasse geleitet. „Wir waren eine ,Verräterfamilie‘ und galten als ,antisozialistisch‘.“ Für einen Spross aus solchen Kreisen war die Arztlaufbahn im Realsozialismus eigentlich versperrt.

Sein Spitzenzeugnis und die Intervention eines Gönners verhalfen Sigusch doch noch zu einem Studienplatz. Aber schon bald kam er mit dem System in Konflikt. Weil er in einem gemieteten Haus an der Zonengrenze mit Kommilitonen verbotene Frühschriften von Marx gelesen hatte, verdächtigte ihn die Stasi, er wolle eine Widerstandsgruppe gründen. Sigusch kam in Haft, wurde wieder freigelassen und konnte zunächst weiterstudieren.

Mit Kittel und Sezierbesteck in den Westen

Eines Tages, im Präparierkurs an der Charité, zischte ihm ein Mitstudent im Vorbeigehen zu: „Morgen früh...“ Da wusste Sigusch: „Die holen mich ab.“ Mit Kittel und Sezierbesteck flüchtete er in den Westen. Damals, im März 1961, stand die Mauer noch nicht. Die Verfolger waren ihm schon auf der Spur, er lief ihnen buchstäblich davon. „Ich war 100-Meter-Mannschaftsmeister.“

Nach Zwischenstationen in Übergangslagern kam Sigusch nach Frankfurt. Dort setzte er die Ausbildung zum Mediziner fort, bereichert allerdings um das Fach Psychologie. Er hörte Horkheimer und Adorno und empfing dabei eine Prägung, die sein wissenschaftliches Wirken mitbestimmte. Dass er aber als „Achtundsechziger“ wahrgenommen wird oder als Herold der sexuellen Revolution jener Jahre, darüber kann sich Sigusch ärgern. Das Etikett ist nicht nur deshalb falsch, weil er den Hauptakteuren an Jahren etwas voraus war: Als die Revolte ihren Höhepunkt erreichte, war er schon an der Uni Hamburg tätig, hatte das Staatsexamen hinter sich und vertrat seinen Chef in Psychiatrievorlesungen.

Nur Rudi Dutschke gefiel ihm

Auch intellektuell wahrte der Nachwuchsforscher Distanz zu den Straßenkämpfern und Hörsaalrevolutionären. „Den Achtundsechzigern habe ich irritiert, staunend, lächelnd gegenübergestanden. Spitzenleute der Bewegung waren in Sachen Karl Marx unbelesen.“ Nur Rudi Dutschke gefiel ihm. „Ich fand es faszinierend, dass er es wagte, mit Leuten wie Ernst Bloch öffentlich zu diskutieren.“

Siguschs Interesse für die Psychiatrie hatte sich aus dem Wunsch gespeist, Krankheiten wie Schizophrenie heilen zu können. In Hamburg erschloss er sich ein Tätigkeitsfeld, das über die Medizin hinausreichte. Als Erster weltweit habilitierte er sich 1972 im Fach Sexualwissenschaft. Gleich darauf berief ihn die Universität Frankfurt als jüngsten Medizinprofessor auf einen Lehrstuhl.

Das Geschlechtliche im sozialen Kontext

Fortan war eine akademische Auseinandersetzung über Sexualität ohne Rückgriff auf Siguschs Thesen kaum noch denkbar. Mit seiner „Kritischen Sexualwissenschaft“ stellte er das Geschlechtliche in einen sozialen Kontext und bekämpfte die „Normopathie“, die Kriminalisierung und Ächtung von Praktiken, die vom akzeptierten Durchschnitt abwichen. Zum Verkünder eines amoralischen Liberalismus ist er dabei nicht geworden. Eine pädophile Neigung etwa darf nach seiner Überzeugung niemals ausgelebt werden, weil eine gleichberechtigte Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern unmöglich ist. Vehement streitet Sigusch aber dafür, dass derart veranlagten Männern geholfen wird, bevor sie Strafbares tun. Eine Therapie könne durchaus Erfolg haben, und deshalb müsse die Gesellschaft die nötigen Mittel dafür bereitstellen. Im Moment seien die Hilfsangebote unzureichend, obwohl Missbrauchsskandale wie jene in der katholischen Kirche und an der Odenwaldschule die Republik erschüttert hätten.

Seine Befürchtung, dass aller zeitgeistigen „Aufgeklärtheit“ zum Trotz in Deutschland kein Platz für die Sexualwissenschaft mehr sein könnte, dass im Umgang mit geschlechtlichen Störungen wieder eine biologistische Betrachtungsweise die Oberhand gewinnt, sah Sigusch 2006 bei seiner Emeritierung bestätigt. Der Fachbereich Medizin nutzte die Gelegenheit, mit seinem Lehrstuhl gleich das ganze Institut abzuwickeln. Scharf attackierte er deswegen 2007 in einem Aufsatz die Universitätsleitung und die damalige Landesregierung unter dem CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch. Schon damals hat Sigusch aber gerne darauf hingewiesen, dass seine Arbeit auch von manchem Konservativen geschätzt werde. Heute sagt er: „Es war keine politische Entscheidung, das Institut für Sexualwissenschaft zu schließen. Sie wollten nur das Geld, das ins Institut floss.“

Wie ein Spiel mit Matrjoschka-Puppen: In jeder Geschichte steckt eine neue

Sigusch klingt enttäuscht, wenn er über dieses unerfreuliche Kapitel spricht, aber nicht verbittert. Dafür ist er viel zu beschäftigt; die Arbeit an seinem Nachruhm fordert ihn voll und ganz. „Ich möchte in einem Buch meine Sexualtheorie hinterlassen.“ Es wird ein komplexes Werk werden, für die Allgemeinheit kaum verdaulich. Sigusch muss viel Literatur dafür studieren, das strengt ihn an, er liest nicht mehr so gerne, wie er sagt.

Dass er eine schwere gesundheitliche Krise durchlitten hat, ist ihm in der Unterhaltung kaum anzumerken; noch immer sieht er jünger aus, als er ist. Wenn er aus seinem Leben erzählt, ist das wie ein Spiel mit Matrjoschka-Puppen: In jeder Geschichte steckt eine neue. Sigusch wäre ein hochinteressanter Talkshowgast, er bekommt auch immer wieder Anfragen, aber er lehnt sie alle ab. „Ich kann dort schließlich nicht über meine Patienten reden, wie es die Leute gerne hätten.“

„Meine Existenzform ist das Schreiben“

Stattdessen widmet er sich seinen Buchprojekten, denn „meine Existenzform ist das Schreiben“. Die Musik spielt immerhin auch noch eine Rolle in seinem Leben, wenn auch nur eine kleine. Lange hat er keine Klavierkonzerte mit jungen Solisten besucht - das Jugendtrauma, die „Niederlage“ im Wettbewerb, wirkte nach. Aber in seiner Wohnung steht ein schönes, altes Piano, das ihm Alexander Mitscherlich besorgt hat. Länger hat Sigusch nicht darauf gespielt, jetzt erklingt es wieder öfter. Bach und Chopin gehören zu seinen Lieblingen.

Aber es müssen nicht immer die höchsten geistigen Genüsse sein, bei denen der Gelehrte entspannt. Als er im Krankenhaus lag, hat Sigusch eine beinahe sentimentale Zuneigung zu einer Fernsehserie entwickelt. Nun kann es passieren, dass es den Professor emeritus wochentags gegen 18 Uhr vor den Bildschirm zieht. Dann läuft in der ARD „Verbotene Liebe“.

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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