Zwischen den Weingläsern steht auf einer braunen Kommode ein Sensenmann. Etwa 20Zentimeter hoch und 15Zentimeter breit ist die schwarz bemalte metallene Figur. Friedhelm Sentrup öffnet die Tür zu seinem Balkon und geht nach draußen. Inmitten der Blumentöpfe atmet er tief ein und langsam wieder aus. Die Hände legt er aufs Geländer. „Ich wollte nicht allein wohnen, sondern in einer Gemeinschaft“, sagt der 69 Jahre alte Mann und blickt auf die Wiese vor dem Haus.
Sentrup lebt in einer Hausgemeinschaft in Niederursel, gemeinsam mit elf Frauen und zwei Männern. Die 14Mitglieder wohnen in 13Wohnungen, es gibt ein Ehepaar. Keiner hier ist jünger als 58, die Älteste ist 81Jahre alt. Alle wollen ihre echten Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie sagen, sie wollten sich nicht wichtig machen. Die Bewohner gehören zum Verein „Senioren-Selbsthilfe für gemeinschaftliches Wohnen“, kurz Sen-Se. Jeder hat einen individuellen Mietvertrag mit der Nassauischen Heimstätte, die das Wohnprojekt ins Leben rief. Die Heimstätte ist Eigentümerin des Hauses, das mit Geld des Landes und der Stadt gebaut wurde.
Jeden Dienstag treffen sich die Senioren in ihrem Gemeinschaftsraum, im Erdgeschoss des Hauses, zum Kaffeeklatsch. Diesmal sind vier der vierzehn Bewohner zu dem Treffen gekommen. Ein weißes Tuch mit orangefarbenen Blumen liegt auf dem Tisch des Gemeinschaftsraums. Das Geschirr ist weiß und passt dazu. Sentrup zündet mit einem Streichholz das Teelicht in einer Glasschale an. Sabine Weiß holt noch schnell geschlagene Sahne und eine Schale mit Zucker aus der Küche. Ingeborg Keller hält eine Kaffeekanne in der Hand und setzt sich dazu. Es gibt Rhabarberkuchen, den Katharina Moser gebacken hat.
„Wir sind eine Mixtur, eine ganz individuelle Gemeinschaft“, sagt Sabine Weiß und lächelt immerfort. Die 71Jahre alte Frau hat kurze graue Haare, ihre Stimme ist zart. Für sie gab es zwei Gründe, in eine solche Hausgemeinschaft ziehen. So kann sie Menschen treffen, wenn sie Lust dazu hat, aber in ihrer Wohnung trotzdem für sich sein. Seit 20 Jahren ist Weiß Buddhistin, sie hat lange in Indien gelebt.
Der Verein Sen-Se mit seinen etwa 65Mitgliedern wurde 2001 gegründet, 2004 erwogen die Mitglieder erstmals den Bau eines solchen Hauses für Senioren. Nach sechs Jahren konnten die ersten von ihnen im April 2010 einziehen; sie bilden nun eine von nur drei Senioren-Hausgemeinschaften in der Stadt. Dabei gibt es Interesse für viel mehr solcher Häuser. Annähernd 24Prozent der Frankfurter, die älter sind als 50Jahre, wünschen sich eine Gemeinschaft, in der sie aber eine eigene Wohnung haben können. Das belegt eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie der Stadt. Senioren erhoffen sich demnach, in solchen gemeinschaftlichen Wohnformen ihre Unabhängigkeit zu erhalten, Kontakte zu haben und im Notfall Hilfe zu finden.
„Ich war nicht unbedingt scharf drauf, noch mal zu heiraten“
Für Liebschaften kennen sich die 14Mitglieder aus Niederursel mittlerweile zu gut, da sind sie sich einig. Doch bevor sie zusammengezogen sind, kannten sie sich kaum. Auch kommen sie alle ursprünglich aus verschiedenen Teilen Deutschlands. „Wenn wir uns vorher lange gekannt hätten, dann wären vielleicht einige abgesprungen“, meint Friedhelm Sentrup und lacht. „Es gibt sehr viele unterschiedliche Interessen“, sagt er. „Friedhelm ist der Politikinteressierte von uns“, sagt Weiß. Sentrup besucht gerne Museen und fragt dann die anderen im Haus, ob sie mitkommen wollen. Mit einer Mitbewohnerin geht er oft in Galerien. Wenn einer von beiden eine Einladung zu einer Vernissage hat, nimmt er den anderen einfach mit.
„Ich war nicht unbedingt scharf drauf, noch mal zu heiraten“, sagt die 79 Jahre alte Ingeborg Keller. Sie ist verwitwet, ihre Tochter lebt in Norddeutschland, und sie wollte nicht allein hinter einer verschlossenen Tür wohnen. Keller war eine der Ersten, die in das Haus einzog. Damals hatte sie erst einmal Angst, allein in ihrer neuen Wohnung zu sein, sodass eine Mitbewohnerin bei ihr auf dem Sofa übernachtete. „An sich liegt mir der Gedanke, in so eine Gemeinschaft zu ziehen. Obwohl es eigentlich eine Eigenheit von jungen Leuten ist“, sagt Keller. Eine Wohngemeinschaft, in der sie sich die Küche teilen muss, ist nicht so ihr Fall, aber eine Hausgemeinschaft schon.
Eine Mitarbeiterin des Vereins Netzwerk für Gemeinschaftliches Wohnen, Birgit Kasper, empfiehlt interessierten Senioren, sich vor dem Einzug etwas kennenzulernen. Damit könnten sie verhindern, dass sie sich einsam fühlten, obwohl sie miteinander wohnten. Gemeinschaftliche Wohnformen sind Kaspers Meinung nach nicht für jeden geeignet. Es gebe Konflikte, die Frage sei dann, ob man tolerant genug sei und sich auch einmal zurücknehmen könne.
50 Jahre in Nieder-Eschbach
Eine 80 Jahre alte Nachbarin aus dem Haus nebenan schiebt die Glastür zum Gemeinschaftsraum auf. In der Hand hält sie verpackte Fußball-Bildchen, die sie Katharina Moser überreicht. „Oh, da wird sich aber mein Enkel freuen“, sagt Moser. An ihren Ohren baumeln goldene Ohrringe mit einer Perle. Wenn sie von ihrem Enkel erzählt, leuchten ihre wasserblauen Augen. Das letzte Mal am Telefon habe er der Hausgemeinschaft einen schönen Gruß ausrichten lassen.
Moser ist mit 81 Jahren die älteste Mitbewohnerin. Ihr Mann und sie hatten schon eine altersgerechte Wohnung gesucht. 2009 verstarb er dann. Annähernd 50 Jahre lang hat sie in Nieder-Eschbach gewohnt. „Es ist mir erst schwergefallen umzuziehen, aber ich fühle mich jetzt hier angekommen“, sagt Moser, „und wenn ich aus dem Fenster gucke, denke ich mir: ,Hach, ist das schön.‘“ Moser kocht viel. Gute Hausmannskost, wie Sabine Weiß berichtet. „Wenn man weiß, es geht jemandem nicht gut, bringt Katharina ihm von ihrem Essen“, ergänzt Ingeborg Keller. Moser sei eine der Aktivsten von ihnen, habe viele Freunde und sei immer unterwegs, sagt Weiß. Die anderen nicken. „Solange ich das machen kann, mache ich das“, sagt Moser. Einmal im Monat geht sie wandern. Mit dem Internet fängt sie aber gar nicht erst an. „Ich hab Angst vor jedem Gerät, ob’s eine Waschmaschine oder eine Spülmaschine ist.“
Sie kümmerten sich umeinander
Für viele Frauen sei diese Wohnform vor 20 Jahren undenkbar gewesen, sagt Birgit Kasper vom Netzwerk für Gemeinschaftliches Wohnen. Heute sei das Leben in einer solchen Hausgemeinschaft für sie eine Art Emanzipation. Seit etwa zwei Jahren nehme in Großstädten das Interesse zu. Die Leute machten sich öfter Gedanken darüber, wie sie später wohnen wollten; ihnen werde klar, dass das Wohnen im Alter ein neuer Lebensabschnitt sei. Senioren ziehen nach den Worten Kaspers vorwiegend in eine Hausgemeinschaft, um nicht allein zu sein. Bei den meisten sei die Familienphase insofern beendet, als der Partner gestorben sei, sie geschieden oder die Kinder ausgezogen seien. Auch könnten manche sich kein akzeptables Altenheim leisten.
Im vergangenen Winter ging es manchen Hausbewohnern in Niederursel schlecht, einige lagen im Krankenhaus. „Das ist eben so, daran müssen wir uns gewöhnen“, sagt Ingeborg Keller. Sie kümmerten sich umeinander. Manchmal singen sie dienstags auch - mit einer Sängerin, die Friedhelm Sentrup von der ehrenamtlichen Demenzbetreuung im Diakonischen Werk kennt, für die er sich engagiert. Gelegentlich kochen sie abends zusammen. Und manchmal sehen sie sich gemeinsam einen Film im Kino an. Für den nächsten haben sie sich schon entschieden. Er heißt: „Und wenn wir alle zusammenziehen?“