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Defizitäre Uni-Kliniken : Selbst für schwere Fälle gibt es nicht mehr Geld

Hängepartie: Die Uni-Kliniken Frankfurt und Mainz arbeiten weiter am Ziel, die Ertragswende zu erreichen. Das Uni-Klinikum Gießen und Marburg ist längst profitabel Bild: Hoang Le, Kien

Die Unikliniken in Frankfurt und Mainz leiden unter Etat-Defiziten, im Gegensatz zum Uni-Klinikum Gießen und Marburg. Auch eine höhere Belastung durch Forschung und Lehre belastet sie.

          Mit Klinik-Geschäftsführern ist es wie mit Fußballtrainern: Stimmen die Ergebnisse nicht, werden sie ausgewechselt. Das ist in diesem Jahr schon an der Mainzer Universitätsmedizin geschehen, wo nach einem Jahresdefizit von 26,1 Millionen Euro für 2016 sowohl die Vorstandsvorsitzende Babette Simon als auch das kaufmännische Vorstandsmitglied Elke Frank ihren Rückzug bekanntgaben. Auch in Frankfurt werden Konsequenzen gezogen: Der Aufsichtsrat des Universitätsklinikums hat mitgeteilt, dass die kaufmännische Direktorin Bettina Irmscher das Klinikum nach fünf Jahren zum Jahresende verlässt.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu den Hintergründen dieser Entscheidung wollten sich weder das Klinikum noch das hessische Wissenschaftsministerium als Dienstherr äußern. In der Mitteilung hieß es, Irmscher wolle sich nach „langjähriger erfolgreicher Tätigkeit“ neuen beruflichen Herausforderungen stellen. Anlass für die Trennung ist aber vermutlich auch hier die wirtschaftliche Entwicklung des Klinikums.

          Zwischendurch ein Überschuss

          Dabei hatte Irmscher bis 2016 das operative Ergebnis von Jahr zu Jahr verbessern können. 2015 gelang es der Uniklinik sogar, einen Überschuss von 1,1 Millionen Euro auszuweisen. Das Jahr 2016 schloss die Uniklinik jedoch mit einem Defizit von 4,7 Millionen Euro ab. Das war zwar ebenso hoch wie das des Jahres 2014, allerdings ist in der Zwischenzeit der Jahresumsatz von knapp 350 Millionen auf 436,8 Millionen Euro gestiegen.

          Nicht immer einig: Hessen-SPD-Chef Schäfer-Gümbel und CDU-Chef und Ministerpräsident Bouffier (rechts)

          Anders als die Häuser in Frankfurt und Mainz ist das Uni-Klinikum Gießen und Marburg längst profitabel. In den vergangenen Jahren sind die Gewinne sogar gestiegen. Die Frankfurter und die Mainzer Unikliniken sind aber nicht die Einzigen ihrer Art, die mit Defiziten kämpfen. In Freiburg etwa wurde 2016 ein Verlust von fünf Millionen Euro und in Mannheim sogar von 23 Millionen ausgewiesen. Erfolgreich haben dagegen die Universitätskliniken Heidelberg, Würzburg, Ulm und Köln gewirtschaftet. „In Relation zum Umsatz ist der Gewinn allerdings gering“, sagt Jens Bussmann von der Geschäftsstelle des Verbands der deutschen Universitätskliniken in Berlin. Denn die Universitätskliniken stünden vor besonderen finanziellen Herausforderungen.

          Sorgenkinder Ambulanzen

          „Gerade die Hochschulambulanzen waren nie auskömmlich finanziert“, berichtet Bussmann. Die Ambulanzen sind Anlaufstellen für Patienten, für deren Beschwerden Haus- und Fachärzte keine eindeutige Ursache finden konnten. Auch stationär werden von den Universitätskliniken viele Patienten mit seltenen und schweren Erkrankungen aufgenommen, die an anderen Kliniken abgewiesen wurden oder nicht versorgt werden können. Auch wenn deren Behandlung teuer ist, erhalten die Universitätsklinika nicht mehr Geld als andere Krankenhäuser, sondern einen Festbetrag, der den durchschnittlichen Behandlungskosten für die Erkrankung entspricht.

          Während sich Schwerpunkt-Krankenhäuser oder private Kliniken auf lukrative Behandlungen konzentrieren können, muss eine Universitätsklinik für die Aus- und Weiterbildung von Ärzten ein vielfältiges Angebot vorhalten. „Wir können und wollen unser Leistungsspektrum nicht an der Vergütung orientieren“, hatte der Ärztliche Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums, Jürgen Graf, in einem Gespräch im Oktober hervorgehoben. Fachgebiete, die nicht kostendeckend arbeiten, kann das Klinikum nicht einfach schließen. „Wir benötigen Fächer wie Rheumatologie und Diabetologie für die Lehre“, sagte Graf damals. Schließlich würden zwei Drittel aller Fachärzte an den Universitätskliniken ausgebildet.

          Die Ausgaben für Lehre und Forschung, die von Land, Bund und aus Drittmitteln finanziert werden, von denen für die Krankenversorgung, für die die Krankenkassen aufkommen, zu trennen, ist auch nicht immer einfach. So dauert zum Beispiel eine Visite oder eine Operation länger, wenn Studenten dabei etwas erklärt wird. Die Universitätsklinika entwickeln darüber hinaus neue Behandlungsmethoden, die später auch an anderen Kliniken zum Einsatz kommen.

          Die Möglichkeiten zu sparen sind folglich begrenzt. Deshalb bemüht sich der Verband der Universitätskliniken um neue Finanzierungsregeln. Einen pauschalen Systemzuschlag, wie von einigen gefordert, wird es mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) allerdings nicht geben.

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