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Sebastian Jung und Jan Kirchhoff „Du brauchst eine gewisse Arroganz“

 ·  Vom Jugend- zum Bundesligaspieler - und in die U-21-Nationalmannschaft: Sebastian Jung und Jan Kirchhoff sind bei Eintracht Frankfurt und Mainz 05 feste Größen.

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© Wonge Bergmann Hoch hinaus: Die einstigen Mannschaftskollegen Jan Kirchhoff (links) und Sebastian Jung haben den Sprung unter die Besten geschafft.

Der Profi René Schnitzler, der Wettmanipulationen begangen hat, schreibt in seinem Buch, dass jeder junge Spieler zockt und vom Absturz bedroht ist. Haben Sie die Bücher gelesen?

Jan Kirchhoff: Eugen Polanski, der neben mir im Bus sitzt, hat es gelesen, weil er lange mit ihm zusammengespielt hat.

Es entsteht der Eindruck, dass die Fußballwelt viele Gefahren birgt. Was kann davor schützen?

Sebastian Jung: Das Umfeld ist wichtig. Man muss aufpassen, dass man nicht in die falschen Kreise gerät. Da gibt es Fälle - aber dass das bei jedem Fußballer so ist, glaube ich nicht. Da ist die Familie wichtig.

Kirchhoff: Fußball ist schon was Besonderes, das ist nicht zu vergleichen mit normalen Jobs. Wir sind eine Gruppe junger Männer, die sich jeden Tag sieht, das ist eine besondere soziale Struktur. Es birgt natürlich Gefahren, wenn man nur Fußball spielt und damit so viel Geld verdient. Wenn ich mit Kumpels essen gehe, sind mal 15 oder 20 Euro weg, wenn ich mit der Mannschaft unterwegs bin, sind es 50 oder mehr.

Wann nimmt man die großen Summen, die im Spiel sind, so richtig wahr

Jung: Schwer zu sagen, wann man das realisiert. Wenn man ganz normal weiterlebt wie ich bei meiner Familie, dann bekommt man das nicht so mit. Ich habe keine Ausgaben, die andere haben. Ich achte auch gar nicht so darauf, was aufs Konto kommt. Bei anderen entsteht vielleicht das Gefühl, dass man durch das Auto oder die Wohnung zeigen muss, was man hat. Ich versuche mir immer klarzumachen, dass ich als Fußballer ja nicht so lange gut verdiene. Deshalb schleudere ich mein Geld nicht heraus.

Werden Sie dafür belächelt, dass Sie noch zu Hause wohnen?

Jung: Das ist unterschiedlich. Die einen sagen: „Schön, noch bei Mutti zu Hause“, die anderen sagen, dass ich mal langsam rauskommen muss. Aber das hat nichts mit dem Stellenwert zu tun. Da zählt nur die Leistung auf dem Platz für die Anerkennung in der Mannschaft. Da macht es auch keinen Unterschied, wenn du mit dem Porsche vorfährst. Ich denke eher, dass es dich sympathischer macht, wenn du mit einem kleineren Auto ankommst. Das zeigt ja auch, wie man tickt. Wenn man mit 20 mit dem Porsche vorfährt, das kommt nicht gut an in der Mannschaft.

Der Nationalspieler Philipp Lahm schreibt in seinem Buch davon, dass man in der Mannschaft keine Schwächen zeigen darf. Muss man das Bild von den elf Freunden ad acta legen?

Kirchhoff: Wir sind schon auf gewisse Weise Freunde. Wir kommen als Team gut miteinander aus. Aber es ist schwer, im Fußball zu zeigen, dass man ein Problem hat. Man braucht schon die Fassade, dass alles funktioniert. Man muss den Eindruck erwecken, immer knallhart und leistungsbereit zu sein. Sonst wird man ein Stück zur Seite geschoben.

Wann wurde es für Sie ernst mit der Karriere? Wann wurde Ihnen klar, dass Sie es zum Profi schaffen können?

Kirchhoff: Ich habe das nie so wahrgenommen. Man rutscht da so durch. Wenn ich mir überlege, was ich für ein Pensum geleistet habe in meiner Jugend. Ich bin morgens mit der Sporttasche zur Schule, danach mit der Bahn nach Mainz zum Training gefahren, dann nach Hause und ins Bett, und am nächsten Morgen ging das Ganze wieder von vorne los. Irgendwann war ich dann plötzlich erstmals im Profikader. Aber auch das nimmt man nicht als großen Schritt wahr. Für mich war das immer die logische Konsequenz.

Jung: Es gibt keinen Knackpunkt, an dem der Weg klar wird. Bei mir ging es innerhalb von zwei Monaten. Ich war A-Jugend-Spieler, habe teilweise bei den Amateuren mitgespielt, dann durfte ich mal mit den Profis mittrainieren. Dann hatte ich einen Profivertrag, sollte aber bei den Amateuren spielen. Dann durfte ich zu einem Spiel in Bielefeld nachreisen, wo sich Chris verletzte. Plötzlich hatte ich meinen ersten Profieinsatz. Das ging so schnell, dass ich das gar nicht wahrgenommen habe.

Haben Sie Druck verspürt, weil Sie als großes Talent im Verein galten?

Jung: Nein. Man hat Spaß an der Sache und will einfach nur Fußball spielen. Und eben zu den Profis gehören. Und das geht so ruck, zuck, dass man kaum zum Nachdenken kommt. Wie bei Jan mit der Schule war bei mir ohnehin der ganze Tag verbraucht mit Ausbildung und Training und Schlafen.

Kirchhoff: Mir kam zugute, dass die Erwartungshaltung nie allzu sehr geschürt wurde, vor allem nicht zu meiner Zeit bei der Eintracht. Da haben nicht viele dran geglaubt, dass aus mir was werden kann. Im Grunde war ich immer der Einzige, der gesagt hat: „Das packe ich.“ Entscheidend ist, dranzubleiben und mit einer gewissen Arroganz an sich zu glauben, von sich selbst was zu erwarten.

Gibt es viele, die talentierter waren als Sie und auf der Strecke geblieben sind?

Jung: Sicherlich gab es da mehrere. Die haben ja nicht umsonst in der A-Jugend oder B-Jugend eines Bundesligaklubs gekickt. Da waren einige, bei denen ich dachte: Die schaffen es sicher. Die haben sich dann aber teilweise anders entschieden und lieber in Amerika studiert.

Hätten Sie noch mit Jan als Profi gerechnet, nachdem er damals in Ihrer Mannschaft bei der Eintracht aussortiert worden war?

Jung: Jan wurde meines Wissens nicht aussortiert. Das war doch Deine eigene Entscheidung nach Mainz zu gehen, oder?

Kirchhoff: Nein, nein. Die haben gesagt, dass ich gehen soll.

Sie mussten nach dem Gewinn der A-Jugend-Meisterschaft mit Mainz wegen einer Verletzung an der Achillessehne etwa ein Jahr Pause machen, und Außenstehende haben sich gefragt, wie Sie bei einem so schweren Rückschlag die Ruhe bewahrt haben. Kann so eine Zeit am Ende sogar sinnvoll sein, weil man danach gefestigter ist als vorher?

Kirchhoff: Es war in dieser Zeit einfach nur wahnsinnig schwer und anstrengend, aber im Nachhinein gab es auch Gutes daran - dass ich meinen Freundeskreis zum Beispiel so pflegen konnte, wie es sonst nicht möglich gewesen wäre. Ich konnte Abstand vom Fußball gewinnen, der immer mein ganzes Leben bestimmt hat. Ich habe in dieser Zeit auch mein Abitur gemacht, was ich sicher nicht getan hätte, wenn ich nicht verletzt gewesen wäre. Was den Fußball selbst betrifft: Ich habe noch nie in meinem Leben so hart trainiert wie in der Zeit, ich war sehr ungeduldig, denn alles ging mir zu langsam.

André Schürrle, ein anderer Spieler aus dem Mainzer Meisterjahrgang in der A-Jugend, ist zur gleichen Zeit regelrecht durchgestartet. Wie beobachtet man eine solche Entwicklung, wenn es einem selbst so schlechtgeht?

Kirchhoff: Ich hätte auch gesund nicht den Leistungsstand haben können wie André. Der Junge ist Nationalspieler geworden, er war bei fast jedem Bundesligaspiel der beste Mann auf dem Platz, erst bei uns, jetzt in Leverkusen, da wäre es gewagt gewesen zu glauben, dass ich an dieses Leistungsvermögen herangekommen wäre. Dafür hat André einfach viel zu viel Qualität.

Ist ein Abstieg mit einer solchen Leidenszeit vergleichbar - wenn also andere weiter auf hohem Niveau arbeiten, man selbst aber am Boden liegt?

Jung: Das war natürlich schwer, es hat wahnsinnig weh getan, und es tut auch heute noch weh. Ich möchte daran nicht mehr zurückdenken, weil es die bisher schwierigste Zeit in meinem Leben war.

Welche Rolle spielt die deutsche U-21-Nationalmannschaft noch neben dem Vereinsfußball?

Jung: Es ist eine Plattform, auf der man sich präsentieren kann, es geht auf hohem Niveau gegen die Besten. Das allein ist Anreiz genug.

Kirchhoff: Für mich bedeutete sie eine besondere Wertschätzung, eine Art Vorschusslorbeer, weil ich auch in der Zeit berufen wurde, in der ich kein Stammspieler in Mainz war. Dieses Vertrauen hat mir damals sehr geholfen.

Ist die U21 so etwas wie eine Idylle, weil es dort um deutlich weniger Geld als in der Bundesliga geht?

Jung: Es ist jedenfalls interessant, mal nur mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und sich auszutauschen. Aber im Vordergrund steht immer der Wettkampf und die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Man hat es ja bei Mario Götze und André Schürrle gesehen, die haben auch bei uns gespielt - und ruck, zuck haben sie den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft. Das ist natürlich ein Ansporn.

Gibt es so etwas wie ein Netzwerk unter den jungen Spielern?

Jung: Ein Netzwerk würde ich es nicht nennen. Wozu auch, es gibt ja Handys. Das reicht schon für den Austausch.

Und was erfährt man so aus Mainz?

Jung: Ach, das ist doch so eine Partystadt, ein Karnevalsverein (lacht). Nein, es geht vor allem darum, den Werdegang anderer zu verfolgen. Mal zu fragen: Wie redet denn dein Trainer mit dir? Oder redet er überhaupt mit dir?

Kirchhoff: Es gibt einfach mehr Schnittpunkte unter den Spielern, weil wir alle im selben Alter sind. Wir haben eine ähnliche Situation im Verein. Bei Mainz 05 gibt es vielleicht zwei Spieler, die in einer Situation sind wie ich, bei der U21 sind es ein Dutzend.

Von jungen Spielern heute heißt es, sie seien professioneller als Gleichaltrige früher, sehr diszipliniert und fokussiert, das süße Leben spiele keine große Rolle mehr. Fühlen Sie sich als Teil dieser Generation so richtig beschrieben?

Jung: Wir gehen auch mal weg, trinken was oder besuchen eine Disko. Ich glaube aber trotzdem, dass heute alles professioneller geworden ist. Da werden junge Spieler herangeführt. Wir sind vielleicht von der Denkweise etwas anders.

Gehört zu dieser gewachsenen Professionalität auch die Beschäftigung mit Ihrer Position, wer national und international was leistet, wem man vielleicht etwas abschauen kann?

Jung: Man guckt viele Spiele, da weiß man, wer wo und wie spielt und was man sich vielleicht abschauen könnte. Für mich gehört zur Professionalität aber vor allem, dass ich mich mit meinen Gegenspielern beschäftige. Linksaußen sind für mich also wichtiger als rechte Verteidiger.

Trotzdem: Wer ist der beste Rechtsverteidiger der Welt?

Jung: Ich! Nein, Dani Alves vielleicht vom FC Barcelona, auch wenn der mehr Rechtsaußen als Rechtsverteidiger spielt. Und natürlich Philipp Lahm, obwohl ich ihn links noch etwas besser finde als rechts.

Sind das auch Vorbilder?

Jung: Das würde ich nicht sagen. Bei Lahm habe ich früher schon mal genauer hingeschaut, wie er das so macht, aber Idole oder so etwas hatte ich vielleicht in der F-Jugend, mit sechzehn oder siebzehn schon nicht mehr.

Kirchhoff: Ich gucke mir oft an, wie und was andere machen. Letztens habe ich Manchester United gegen Manchester City gesehen, was Yaya Touré da auf meiner Position vor der Abwehr für City gespielt hat, war schon Wahnsinn. Auch ManU hat einen Achtzehnjährigen, Phil Jones, der hat schon sehr beeindruckend gespielt. Oft beobachte ich während eines Spiels nur einen einzigen Spieler, um zu sehen, wie bewegt er sich, wie löst er Sachen, wie verhält er sich auf seiner Position, was passiert taktisch.

Über junge Spieler wird früh öffentlich spekuliert, wie lange bleiben sie bei ihrem Verein, wohin könnten sie gehen, welche Spitzenvereine wären am Ende erreichbar. Lässt man so etwas an sich heran?

Jung: Natürlich nimmt man so etwas wahr. Dass andere Vereine Interesse haben zum Beispiel, dass man einen gewissen Stellenwert hat.

Wären Sie nach Bremen gegangen? Werder wollte Sie ja haben, aber Heribert Bruchhagen hat nein gesagt.

Jung: Wenn Bruchhagen nein sagt, dann ist auch nein. Ich habe hier einen Vertrag bis 2014.

Bei Ihnen, Jan, war das anders. Sie wurden ungeduldig, wollten spielen und haben über ein Ausleihgeschäft nachgedacht. Hatten Sie Angst davor? Oder wollten Sie in Mainz bleiben?

Kirchhoff: Es gibt zwei Beweggründe, einen Verein zu wechseln: Man ist unzufrieden und will etwas anderes versuchen. Oder man will mehr, weil man zu gut ist. Bei mir war es die Unzufriedenheit. Ich wollte unbedingt spielen. In Mainz habe ich die Chance nicht gesehen. Es lief ja auch wahnsinnig gut, da war keine Lücke für mich.

Jan, wie gehen Sie mit Kritik Ihres Trainers Thomas Tuchel um, der so etwas wie Ihr Ziehvater ist?

Kirchhoff: Es ist immer ein autoritäres Verhältnis gewesen. Der Trainer als mein Vorgesetzter sitzt am längeren Hebel. Es ist ein Arbeitsverhältnis. Ich kenne ihn lange, ich schätze ihn. Ich kenne seine Arbeitsweise. Er weiß, was in mir vorgeht. Die Wahrnehmung, die er von mir hat, stimmt. Er hat mich richtig analysiert. Das ist auch der Grund, warum ich in Mainz geblieben ist.

Sebastian, hat Trainer Armin Veh auch mit Ihnen solche Strategiegespräche geführt?

Jung: Ähnlich. Er sagt immer, ich mache schon viel im Spiel. Aber ich muss noch mehr machen. Noch mehr nach vorne laufen. Noch öfters flanken.

Kirchhoff: Stimmt doch auch. Wenn du sieben Mal mit einem 200er-Puls nach vorne gelaufen bist, warum machst du nicht auch noch Sprint Nummer acht und neun, wenn es denn geht?

Jung: Solche Dinge habe ich auch aus Wolfsburg gehört. Aber glücklicherweise nicht miterlebt (lacht).

Haben Sie bei all Ihrer Jugendlichkeit und Belastbarkeit auch schon mal Wehwehchen und sagen sich, heute mag ich nicht aufstehen?

Jung: Ich denke, das geht jedem so. Es gibt Tage, da hat man überhaupt keinen Bock, muss aber trotzdem ins Training fahren. Das ist normal. Das hat doch jeder mal, der eine Arbeit verrichtet. Aber wenn man dann auf dem Platz steht, gibt man richtig Gas. Sonst hätte ich ja auch liegen bleiben können.

Kirchhoff: Ich weiß nicht, wie es bei dir ist. Aber ich krieche nach jedem Spiel vom Platz. Es geht komplett an Grenzen und darüber hinaus. Ich kann nicht schlafen und liege morgens bis um fünf Uhr wach. Aber nach Massage und Wechselbädern geht es wieder.

Gehen Sie privat ab und zu noch mal auf den Bolzplatz?

Jung: Keine Zeit. Ich habe so viel Training und Spiele. In der Sommerpause kann es aber mal vorkommen.

Müssen das gleich starke Gegner sein?

Jung: Nein, nein. Ich gehe da mit meinen Kumpels hin und spiele locker mit. Da will ich Spaß haben, da spiele ich Hacke, Spitze, einszweidrei.

Jan, und Sie?

Kirchhoff: Kein Bolzplatz mehr. Nur ab und zu im Schwimmbad kicken.

Das Gespräch führten Uwe Marx, Daniel Meuren und Ralf Weitbrecht.

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Von Matthias Alexander

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