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Schulserie (3) - Realschulen Berufsvorbereitung und Aufstiegschancen

23.01.2009 ·  Von den Realschulen ist öffentlich kaum etwas zu hören. Das muss kein schlechtes Zeichen sein. Überschaubarkeit und klare Strukturen tun vielen Kindern gut. Die Zukunft des Schultyps ist aber ungewiss.

Von Matthias Trautsch
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Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, die Realschulen gäbe es gar nicht mehr. Die bildungspolitische Debatte jedenfalls wird von anderen beherrscht: den Gymnasien mit G8 und Leistungsdruck am einen Ende des Spektrums und den unter ihrem schlechten Image leidenden Hauptschulen am anderen. Von den früheren Mittelschulen aber ist kaum noch etwas zu hören.

„Wir sind ein bisschen vergessen“, räumt Marlen Schulze, die Leiterin der Louise-von-Rothschild-Schule in Bornheim, ein. Dabei müssten sich die Realschulen mit ihrem Angebot keinesfalls verstecken. Kinder mit mittlerem Leistungsniveau seien dort gut aufgehoben. „Bei uns haben sie etwas mehr Zeit als an einem Gymnasium.“ Bis zum Realschulabschluss dauert es sechs Jahre, danach können gute Schüler eine gymnasiale Oberstufe besuchen. Den Weg zum Abitur legen sie dann in insgesamt neun Jahren zurück, während es am Gymnasium nur acht sind.

Persönliche Bindung

Die Louise-von-Rothschild-Schule ist zu Beginn dieses Schuljahres aus der Bornheimer Real- und der Weidenbornschule hervorgegangen. Grund für die Fusion waren die zurückgehenden Realschülerzahlen. Ihren Hauptsitz hat die zusammengelegte Schule im Gebäude der ehemaligen Weidenbornschule am Günthersburgpark. Zwölf Klassen werden dort unterrichtet, sieben weitere besuchen die Dependance an der Rohrbachstraße, wo früher die Bornheimer Realschule beheimatet war.

An den zwei Standorten der Rothschild-Schule lernen insgesamt 520 Kinder. Das sind für eine Realschule eher viel. Auf die meisten der 15 Frankfurter Realschulen gehen nur zwischen 300 und 500 Kinder. Zum Vergleich: Die großen Gymnasien und Gesamtschulen zählen weit mehr als 1.000 Schüler. Für Schulze ist die Überschaubarkeit eine Stärke ihrer Schule. Es gehe „etwas intimer“ zu als andernorts. Auch führe ein Lehrer eine Klasse von der 5. bis zur 10. Stufe. Dadurch entstehe eine persönliche Bindung - „und dies ist auch gewünscht“.

Erst Realschule, dann Oberstufe

Die pädagogischen Ziele der Rothschild-Schule beschreibt Schulze als „Zwei-Säulen-Modell“. Zum einen würden die Kinder und Jugendlichen auf die spätere Berufsausbildung vorbereitet, etwa im Fach Arbeitslehre, in Praktika oder mit Bewerbungstraining. Die Lehrer förderten die Entwicklung eines guten Arbeits- und Sozialverhaltens, auf das auch potentielle Arbeitgeber viel Wert legten. Zum anderen qualifiziere die Realschule für einen weiteren Bildungsweg. Geeignete Schüler hätten etwa die Möglichkeit, nach dem Abschluss auf ein berufliches Gymnasium zu gehen. Aber auch der Wechsel auf die Oberstufe eines herkömmlichen Gymnasiums sei kein Einzelfall, sagt Schulze. Beispielsweise sei die Schulsprecherin der damaligen Weidenbornschule, nachdem sie die mittlere Reife gemacht hatte, auf das Goethe-Gymnasium gewechselt.

Derzeit gibt es in Frankfurt rund 5.300 Realschüler. Dies ist weniger als ein Drittel der Gymnasiasten, andererseits aber mehr als das Doppelte der Hauptschüler. Ähnlich, wenn auch nicht so drastisch wie an den Hauptschulen, sinken die Anmeldezahlen. Über kurz oder lang könnte dies zu einer Zusammenlegung der beiden Schulformen führen. Ein Vorbild wäre die sächsische Mittelschule. Dort lernen die Schüler bis zur siebten Klasse gemeinsam. Dann teilt sich die Schule in einen Haupt- und einen Realschulzweig auf. Dieses System gilt als einer der Gründe für Sachsens Sieg im jüngsten Pisa-Ländervergleich.

Gesamtschulen

Auch im hessischen Nachbarland Rheinland-Pfalz fusionieren derzeit Haupt- und Realschulen, dort unter dem Namen „Realschule plus“. 122 Bildungsstätten dieser Art werden nach den Sommerferien die Arbeit aufnehmen. Während einer zweijährigen Orientierungsstufe sollen die Kinder zunächst gemeinsam unterrichtet werden. Bei der integrativen Form wird auch danach zusammen gelernt, bei der kooperativen Form streben die Kinder je nach Leistungsfähigkeit den Abschluss „Berufsreife“ oder die mittlere Reife an. In Hamburg will die schwarz-grüne Koalition unterdessen zum nächsten Schuljahr die „Stadtteilschule“ einführen. Diese soll Haupt-, Real- und Gesamtschulen ersetzen und neben dem Abitur einen mittleren Abschluss, vergleichbar mit dem Realschulabschluss, ermöglichen.

Der hessische Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) hält trotz dieser Entwicklungen in anderen, teils von Parteifreunden regierten Bundesländern an der Trennung von Haupt- und Realschulen fest. Zumindest bisher, denn von Seiten der Hauptschulen, die in der jetzigen Form keine Zukunft mehr haben, nimmt der Druck zu. Das wissen auch die Rektoren der Realschulen. Sie beschäftigen sich deshalb mit einer möglichen gemeinsamen Zukunft von Haupt- und Realschulen. Allerdings dürfe es nicht bei einer reinen Zusammenlegung bleiben, sagt Till Lieberz-Groß, Leiterin der Anne-Frank-Schule und Sprecherin des Arbeitskreises der Realschulrektoren Frankfurt. Um ein zweigliedriges Schulsystem erfolgreich zu gestalten, müsste es ihrer Meinung nach zu einer kompletten Neuordnung aller Schulen neben dem Gymnasium kommen. Auch die Gesamtschulen müssten dabei einbezogen werden.

„Gutes System nicht aufgeben“

„Was wir uns vorstellen, sind Sekundarschulen oder Stadtteilschulen, die eine echte Alternative zu G8 sein müssten“, sagt Lieberz-Groß. Dort müssten auch Schüler mit einem höheren Bildungsanspruch gefördert werden. „Wir Realschulen wollen unser hohes Niveau, das auch Kindern mit Migrationshintergrund Aufstiegschancen bietet, halten und verbessern.“ Eine solche Sekundar- oder Stadtteilschule müsste nach Ansicht des Arbeitskreises stärker strukturiert sein als etwa die Gesamtschulen. Dabei könnte sie an die Erfahrungen der Realschulen anknüpfen, etwa an das dort gängige Klassenlehrerprinzip oder ans zielgerichtete Hinarbeiten auf einen Abschluss.

Solange eine solche Strukturreform noch nicht auf dem Weg ist, wollen die Rektoren für eigenständige Realschulen kämpfen. „Wir wollen ein gut funktionierendes System nicht aufgeben, ohne dass man etwas Besseres zur Hand hat“, sagt Lieberz-Groß. „Deshalb sind wir zurzeit der Meinung, dass man die Realschulen sich entwickeln lassen sollte.“ Dazu gehörten die weitere Umstellung auf Ganztagsbetrieb und mehr Personal - aber nicht nur Lehrer, sondern auch Psychologen und Sozialpädagogen. Denn neben ihrem Bildungsauftrag, so Lieberz-Groß, müsse auch die Realschule immer mehr Aufgaben der Jugendhilfe übernehmen.

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Jahrgang 1972, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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