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Veröffentlicht: 30.01.2013, 19:09 Uhr

Schulprojekt Integration durch „Raufen nach Regeln“

Die Mainzer Vordenker Tolga Sancaktaroglu und Baris Baglan hoffen auf weiteren Rückenwind für ihr Projekt, an dem schon fünf Schulen beteiligt sind.

von Uwe Martin
© Wonge Bergmann Botschafter: Der Mainzer Meisterringer Mevlüt Arik (rechts) in seinem Finalkampf gegen den Köllerbacher Virgil Munteanu.

An der Tür zum Lehrerzimmer hängt unübersehbar ein Blatt. Darauf steht: „Ich habe Respekt vor dir! Also habe auch du Respekt vor mir!“ Eingebettet ist der Sinnspruch in eine Sprechblase, die zu Jürgen Klopp führt, dem ehemaligen Mainzer und heutigen Dortmunder Fußballtrainer. Respekt, dieses Wort könnte ein Leitmotiv sein für das Schulprojekt „Raufen nach Regeln“, das der deutsche Ringermeister ASV Mainz 88 vor einigen Monaten ins Leben gerufen hat. Dabei geht es den Verantwortlichen des Traditionsklubs weniger darum, in Schulen neuen Nachwuchs zu akquirieren, wobei mögliche Zugänge ein durchaus willkommener Nebeneffekt sind. „Raufen nach Regeln“ folgt einem gesellschaftspolitisch-erzieherischen Auftrag. Das Projekt soll Kindern mit Migrationshintergrund bei der Integration helfen, Energie und mögliche Aggressionen in richtige Bahnen lenken. Fünf Schulen beteiligen sich mittlerweile mit Arbeitsgemeinschaften (AGs) an dem Projekt, eine davon ist die Realschule plus in Budenheim. Hier betreut Ercam Bayram zweimal in der Woche jeweils 90 Minuten die Ringer-AG, insgesamt 30 Kinder. Bayram ist angehender Lehrer und Trainer bei Mainz 88, er spricht leise, aber bestimmt. Laut werden muss er auch nicht, die nicht mehr ganz so kleinen Raufbolde machen zumeist keinen Stress. Wenn doch, kommen klare Ansagen wie diese: „Konzentration, es ist respektlos, wenn ihr nicht aufpasst!“ Respekt, dazu gehört auch der Abschlag vor und nach jeder Übung. „Es ist wichtig, dass Schüler zu Persönlichkeiten entwickelt werden“, sagt Bayram. Drei müssen passen an diesem Nachmittag, einer hat Grippe, ein zweiter ist kurz zuvor von einem Klettergerüst gefallen, der Dritte hat seine Sportsachen vergessen.

Aber Seyar ist dabei. Der Zwölfjährige kommt aus Afghanistan, schon sein Onkel war Ringer. In seinem Heimatland ist Ringen ein Volkssport, Kulturgut. In Deutschland eher weniger. Ganz abgesehen vom Schmuddelimage, das dem Ringen hierzulande noch immer anhaftet. „Seyar setzt seine Kraft schon sehr dosiert ein“, sagt Bayram. Er geht mit Seyar auf die Matte, kommt nach einem Beinangriff in Rückenlage, geht in die Brücke, dreht sich auf den Bauch, befreit sich spielerisch - Ende des Anschauungsunterrichts mit einem, der es schon kann. Demnächst will Seyar beim Vereinstraining der 88er vorbeischauen, derzeit spielt er Fußball, er muss noch restlos überzeugt werden.

In anderen Bundesländern schon auf dem Lernplan

„Raufen nach Regeln“ hat einige Väter. An erster Stelle den 88-Klubchef Tolga Sancaktaroglu, einen Mediziner, und natürlich Baris Baglan, den Sportlichen Leiter und Trainer. Baglan ist Lehrer an der Realschule plus in Mainz-Mombach und leitet dort die Ringer-AG. Der Stadtteil Mombach und die Verbandsgemeinde Budenheim liegen geographisch direkt nebeneinander, etwa drei Kilometer voneinander entfernt. In Mombach werden die Klassen 8 bis 10 unterrichtet, in Budenheim die 5. bis 7. Klassen. Eingestiegen in das Projekt ist auch die Carl-Zuckmayer-Schule im Mainzer Stadtteil Lerchenberg, hier leitet 88-Ringer Davyd Bichinashvilli die AG - der Held des Finalhinkampfs gegen den KSV Köllerbach. Bichinashvilli leitete damals mit einem Schultersieg die Wende ein, ist Diplom-Sportlehrer und wird wie seine Projektleiterkollegen über Sponsoren bezahlt. Der Schriftzug „Raufen nach Regeln“ auf den Einteilern der Bundesliga-Ringer ist zu Saisonbeginn an Gönner und Geldgeber verkauft worden. Dank der medienwirksamen Auftritte in den vergangenen Wochen dürfte sich das Projekt über die Stadtgrenzen hinaus herumgesprochen haben.

„Mir hat der Sport bei der Integration geholfen“, sagt Baglan, dessen Diplomarbeit den Titel hat: „Pädagogische Aspekte für die Einführung des Ringens als Schulsportart.“ In Bayern und Nordrhein-Westfalen stünde Ringen bereits auf dem Lehrplan, sagt Baglan. In Mainz und Umgebung haben sich dem Schulprojekt insgesamt schon mehr als 100 interessierte Kinder angeschlossen. Gerade jetzt, nach dem Gewinn der deutschen Mannschaftsmeisterschaft und dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, hoffen die Vordenker Sancaktaroglu und Baglan auf weiteren Rückenwind. Das Land Rheinland-Pfalz hat sich schon lobend geäußert, Möglichkeiten zur Unterstützung sollen ausgelotet werden. „Die Begeisterung, mit der die Kinder dabei sind, macht uns unheimlich viel Spaß. Alles, was in Richtung multikulturell geht, ist unser Ding“, sagt Baglan.

Weiterhin eine Randsportart

Wobei die Integration nur ein Ansatz ist. Vermittelt werden soll mit „Raufen nach Regeln“ zunächst Spaß an der Bewegung. Begonnen wurde Anfang des Schuljahres mit einfachen Fang- und Kampfspielen. Dass viele Kinder dabei Schwierigkeiten hatten, sich überhaupt anzufassen, war eine recht unerwartete Erkenntnis. Baglan spricht von „Entkörperlichung“ in einer Welt, die von Spielkonsolen und Smartphones dominiert werde. Für das Ringen, die körperkontaktintensivste aller Sportarten, kommen weitere Aspekte wie Selbstdisziplin und Empathie für den direkten Trainingspartner zum Tragen. „Wir möchten das Projekt in so viele Schulen wie möglich bringen“, sagt Baglan.

Der Anfang ist gemacht, Fluktuation innerhalb der AGs gibt es kaum. „Es hat bis jetzt durchaus so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben“, ergänzt der 88-Vorsitzende Sancaktaroglu. Phantasievorstellungen mit utopischen Steigerungsraten geben sich beide aber nicht hin. Schließlich sei Ringen trotz der jüngsten Erfolge in Mainz und der öffentlichen Anerkennung weiterhin eine Randsportart.

Quelle: F.A.Z.

 

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