Home
http://www.faz.net/-gzg-75tp8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schulkinowochen Kinosäle als Klassenzimmer

Sehen lernen: Die diesjährigen Hessischen Schulkinowochen beginnen Ende Februar.

© DIF Autobiographie als Trickfilm: Ari Folman rekonstruiert in „Waltz With Bashir“ seine Erinnerung an den Libanonkrieg.

Den Film als Schulfach gibt es in Deutschland bis heute nicht, als Kunstgattung wird er häufig noch immer belächelt, meist mehr als Unterhaltung oder Zerstreuung begriffen, seine ästhetisch eigene Formsprache wird überwiegend an Bildungsinstitutionen kommuniziert. So verwundert es nicht, wenn der Film als Medium an Schulen meist nur dazu dient, anhand einer Handlung einen fachlich oder ideologisch relevanten Unterrichtstoff zu transportieren. Dass der Film im Zusammenspiel von Kamera und Montage und damit von Ton, Bild, Farbe, Raum und Zeit funktioniert, haben die Franzosen längst begriffen, nie anders erfahren, sie sind mit dem Film als siebter Kunst aufgewachsen. Von solch einer Cinéphilie ist Deutschland noch weit entfernt.

Dennoch gibt es seit ein paar Jahren auch hier Versuche, Schüler das Sehen zu lehren. Eine dieser hoffnungsvoll stimmenden Initiativen sind die Schulkinowochen, die in Hessen dieses Jahr am 28.Februar beginnen. Das gilt allerdings nur, wenn nicht bloß ein Kanon der richtigen Filme abgearbeitet wird, sondern die Schüler stattdessen gelehrt werden, Filme richtig zu sehen. Sie sollten sensibilisiert werden für die Erzählmittel des Films und damit für den Film als Sprache und die Einzigartigkeit des Erlebens im Kino.

Fokus auf dem animierten Film

In der Wiesbadener Caligari-Filmbühne wurde das Programm der 7.Hessischen Schulkinowochen, die bis zum 13.März dauern, nun vorgestellt. Den „Kinosaal zum Klassenzimmer“ werden zu lassen gefalle ihr, sagte Antje Witte, die als Leiterin des Frankfurter Kinos „Orfeos Erben“ ihre Räume zum fünften Mal bereitstellt. Es sei spannend, mitzuerleben, wie die anfängliche Unruhe einer konzentrierten Stille und am Ende der Vorführung dem Diskussionsbedarf weiche. „Eine Beobachtung, die wir alle teilen können“, ergänzte Claudia Dillmann, Direktorin des Deutschen Filminstituts und des Deutschen Filmmuseums Frankfurt. Viele Schüler sähen bei den Schulkinowochen erstmals einen Film in ganzer Länge, „ohne dabei zu telefonieren oder sich zu unterhalten“. Die „beiläufige Partizipation“ zugunsten eines „konzentrierten Sehens“ aufzugeben sei für viele eine neue Erfahrung. „So setzen wir bei den Basics an“, bilanzierte Dillmann ihre Beobachtungen.

Auch Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP) beschwor das „Gemeinschafterlebnis Kino“ und die „Medienkompetenz als Schlüsselqualifikation der Schulen“, in denen „mit und über Medien“ gelehrt werde, weshalb es gerade für Lehrer nötig sei, das Handwerkszeug zu erlernen, mit dem sie Filme wie Bücher einordnen könnten. Deshalb hielten die Schulkinowochen für die Lehrkräfte auch über den Veranstaltungszeitraum hinweg Fortbildungsangebote bereit. Mit dem nötigen Optimismus referierte Beer die Teilnehmerzahlen der Schulkinowochen. Mit 47000 Schülern und Lehrern habe Hessen im vorigen Jahr einen Rekord verzeichnen können, verglichen mit dem Jahr zuvor, handele es sich um eine Steigerung um zwölf Prozent. In ganz Deutschland hätten im vorigen Jahr 700000 Schüler und Lehrer das Angebot genutzt, ergänzte Michael Jahn von der gemeinnützigen Gesellschaft „Vision Kino – Netzwerk für Film- und Medienkompetenz“, die die Schulkinowochen im Bund ausrichtet und von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) unterstützt wird.

In Hessen werden von Ende Februar an 100 Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Kurzfilme zu sehen sein, in insgesamt 72 Kinos, der Fokus liegt in diesem Jahr auf dem animierten Film. Zu den gezeigten Werken zählen Trickfilm-Glanzlichter wie „Waltz With Bashir“, „Persepolis“ und „Wallace & Gromit total“, Dokumentationen wie „Vergiss mein nicht“ und „More Than Honey“, Klassiker wie „La grande illusion“ und Spielfilme wie „Der Junge mit dem Fahrrad“ und „The Artist“. Wissenschaftler, Pädagogen und Filmemacher führen in die Filme ein.

Die Hessischen Schulkinowochen richten sich an Schüler aller Jahrgangsstufen und Schultypen. Anmeldeschluss ist der 17.Februar. Informationen unter www.schulkinowochen-hessen.de.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Manifest für Europa Es lebe der Streit!

Was will es sein, dieses Europa: Ein Herr- und Knecht-Europa? Eine Konsumgüter-Handelszone? Manifest für ein Europa, das endlich einen Begriff von sich selbst findet. Mehr Von Byung-Chul Han und Christian Schüle

18.08.2015, 12:23 Uhr | Feuilleton
Rolle in Big Eyes Herausforderung für Christoph Waltz

Kinder mit riesigen Augen – das ist das Markenzeichen der Bilder, für die sich Walter Keane feiern lässt. Doch tatsächlich hat seine Frau Margaret die Big Eyes genannten Werke geschaffen. Je länger das Ehepaar diese Lüge lebt, desto unwohler fühlt sich Margaret damit. Regisseur Tim Burton besetzte den Film nach einer wahren Geschichte mit Christoph Waltz und Amy Adams in den Hauptrollen. Im Interview sprechen die Darsteller über die Herausforderungen im Film. Mehr

22.04.2015, 16:19 Uhr | Feuilleton
Jungschauspielerin Ist ein bisschen verrückt gerade

Mit dem Film Freche Mädchen fing sie an, da war sie erst 14. Als dann vor drei Jahren mit einem Tatort der Durchbruch kam, war sie überrascht. Emilia Schüle hat keine Allüren und wirkt jünger, als sie ist. Dabei ist sie ein Vollprofi. Mehr Von Julia Schaaf

20.08.2015, 13:47 Uhr | Gesellschaft
Flugzeugabsturz Trauer um Schüler und Lehrerinnen aus Haltern in NRW

Der Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Haltern am See, Bodo Klimpel, bestätigte, dass 16 Schülerinnen und Schüler eines Spanischkurses des 10. Jahrgangs sowie zwei Lehrerinnen des Gymnasiums im Flugzeug saßen. Der mit den Tränen ringende Bürgermeister sprach vom schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt. Mehr

27.03.2015, 14:21 Uhr | Gesellschaft
Im Kino Straight outta Frauenfeindlichkeit

Die Rapper Dr. Dre und Ice Cube haben es geschafft – und darüber einen Film gemacht. Mit der Haltung in Straight outta Compton stimmt etwas nicht, aber das ist genau richtig so. Mehr Von Antonia Baum

27.08.2015, 15:04 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 17.01.2013, 19:55 Uhr

Ein gutbestelltes Haus

Von Manfred Köhler

Während andere Banken mit diversen Krisen hantieren, stehen die Helaba und die DZ Bank wie ein Fels in der Brandung. Das Erfolgsrezept der Helaba hat eine wichtige Zutat. Mehr 1 0