Biologisch ganz korrekt geht es nicht zu: Da sollen die Erstklässler die aus dem Zoo ausgebüxten Tiere wieder in die richtigen Käfige zurückbringen, und dann kommen „Bäar“, „Käänguru“ und „Kääfer“ zusammen, der „Lööwe“ mit der Schildkrööte“ und den „Frööschen“, die „Wüürmer“ ziehen zu dem „Büüffeln“. Die acht Kinder lernen nicht, welche Tiere tatsächlich zusammenleben, sie sollen vielmehr die Wörter richtig und prononciert aussprechen. In den Tagen vor den Ferien geht es um neue Buchstaben und um Umlaute.
Die Kinder besuchen eine Sprachheilschule, und dort sollen Defizite beim Sprechen und Hören verschwinden. Kleine Klassen mit maximal zwölf Kindern findet man hier, insgesamt besuchen 110 Mädchen und Jungen die Schule am Kiefernwäldchen in Griesheim. Lernbehindert seien sie nicht und auch nicht weniger intelligent als Kinder in der Grundschule, hebt Schulleiterin Sabine Krämer hervor. Doch sie hätten Anspruch auf sonderpädagogische Förderung. Stottern alleine reiche nicht, um in Griesheim aufgenommen zu werden, da müsse schon eine Sprechverweigerung diagnostiziert werden. Die Ursachen der Handicaps sind vielfältig: Es gibt medizinische Gründe, aber auch psychosomatische. Auch litten manche Kinder unter Sprachlosigkeit im Elternhaus, verbrächten zu viel Zeit vor dem Bildschirm; Kindern depressiver Mütter fehle es an Kommunikation. An der Schule gibt es Vorklassen mit höchstens acht Kindern und vier Grundschulklassen, alles jeweils zweizügig.
Sie legt Wert auf richtige grammatikalische Endungen
Wie sehr der Unterricht ritualisiert ist, wie sehr er sich in kleinen Schritten an der Erfahrungswelt der Kinder orientiert, lässt sich an dem Zoo-Beispiel sehen. Zunächst begrüßen Kinder und Lehrerin einander mit einstudierten Floskeln, immer deutlich ausgesprochen. Die Kinder wiederholen den Wochentag, das Datum, die Jahreszeit, immer in ganzen Sätzen. Die Lehrerin legt Wert auf grammatikalische Endungen, damit sie sich in das Gehör und in die Gewohnheit einprägen.
Die Schule am Kiefernwäldchen nimmt Jungen und Mädchen von den 16 Grundschulen im Westteil des Kreises Darmstadt-Dieburg auf, wenn sie in der Regelschule überfordert sind oder dort eine angemessene Förderung nicht möglich ist. Meist gelingt es der Sprachheilschule, dass die Kinder nach zwei Schuljahren wieder an ihre ursprüngliche Schule zurückkehren können. Parallel dazu gehen die 18 speziell auf Sprachheilkunde ausgebildeten Grundschullehrer für Stunden an die Grundschulen. Man arbeitet zusammen. Sollte es nicht gelingen, in den Grundschuljahren ein Kind ausreichend auf die fünfte Klasse vorzubereiten, steht als weiterführende Schule die Herderschule in Darmstadt bereit.
Die Lehrkräfte entwickeln mit den Eltern einen individuellen Förderplan für die Kinder
Die Schule am Kiefernwäldchen orientiert sich am Lehrplan für Grundschulen. Der Unterricht in kleinen Gruppen ist an die Bedürfnisse der Klassen angepasst. Bevor ein Kind in die Sprachheilschule wechselt, diagnostizieren Lehrer, Therapeuten und Ärzte, wie die sprachliche Entwicklung verlief, das Lernverhalten, die Motorik. Danach entwickeln die Lehrkräfte einen individuellen Förderplan, der mit den Eltern abgestimmt und halbjährlich evaluiert wird. Das Lehrerkollegium besteht aus Sprachheilpädagogen, Sozialpädagogen, Logopäden und einer Lerntherapeutin.
Die Schule ist erst seit wenigen Jahren eine selbständige Einrichtung. Sie wuchs aus der benachbarten Carlo-Mierendorff-Schule heraus, bekam jährlich einen Raum mehr und bezog schließlich vor einem Jahr einen Neubau in unmittelbarer Nachbarschaft.
Die Schule wurde für Nachhaltigkeit und hochwertige Architektur ausgezeichnet
Die Gebäude fallen auf, und am „Tag der Architektur“ waren sie ein Anziehungspunkt. Die Darmstädter Architektin Ramona Buxbaum hatte die Idee, die Schule als Baumhäuser zwischen die Kiefern zu stellen. Deshalb bekam die Einrichtung den Namen „Schule am Kiefernwäldchen“. Nur wenige Bäume mussten gefällt werden. Die drei Gebäude wurden aufgeständert. Das Haus in der Mitte beherbergt unten Lehrerzimmer und Verwaltung, oben sind jeweils die Klassenräume, zwei für jeden Jahrgang und die Vorklassen, untergebracht. Überdachte Stege verbinden sie.
Mit ihrem Raumprogramm überzeugte Buxbaum schnell die Schulabteilung im Landratsamt, dass der rechte Winkel nicht so gut geeignet ist, wenn es um gute Akustik geht. So entstanden vieleckige Räume aus Holz mit Blick ins Wäldchen, schräge Stützen aus Massivholz tragen sie. Es gab Auszeichnungen für Nachhaltigkeit und die hochwertige Architektur.
Der Kontakt zu früheren Schulkameraden bleibt bestehen
Die Lehrer sind zumeist zufrieden. Wenn sie klagen, dann darüber, dass die Klassenräume größer sein könnten - die Vorgaben sprachen dagegen - und der unversiegelte Waldboden Schmutz mit sich bringe, vor allem bei Regen.
Die Schüler kommen aus Griesheim und den umliegenden Kreiskommunen. Der Schulträger zahlt für einen Bus, der alle zur Schule bringt, die mehr als zwei Kilometer entfernt wohnen. Üblicherweise dauert der Unterricht von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Zwei bis drei Stunden mehr als an der heimischen Grundschule fällt hier an. In Deutsch gibt es mehr Lese- und Schreibstunden. Manchmal kommt auch nachmittägliche Sonderbetreuung mit Sprachheillehrern hinzu, doch üblicherweise verbringen die Kinder den Nachmittag zu Hause oder in Betreuungseinrichtungen ihrer heimatlichen Grundschule. So soll auch der Kontakt nicht verloren gehen zu früheren Schulkameraden. Und nach den Ferien werden ohnehin einige wieder dorthin zurückkehren.