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Schulbesuch : Die Junkies von der letzten Bank

Dritte Stunde, Deutsch: Die Realschüler Daniel, Kai und Matthias (von links). Bild: Kretzer, Michael

Im Bildungszentrum Hermann Hesse bekommen Abhängige eine zweite Chance, ihren Schulabschluss zu machen. Die Voraussetzung: Sie versprechen, sauber zu bleiben.

          Daniel, Kai und Matthias haben es geschafft. Ihre mittlere Reife haben sie in der Tasche. Die Prüfungen liefen gut, so gut sogar, dass sie zum nächsten Schuljahr in die Oberstufe wechseln. Daniel, Kai und Matthias könnten an diesem Vormittag also gut und gerne woanders sein als in dem kleinen Klassenraum im Bildungszentrum Hermann Hesse in Sachsenhausen. In der Nähe wird der Henninger-Turm abgerissen. Durch das offene Fenster dringt Baustellenlärm in den Klassenraum und die feuchte Hitze der bisher einzigen echten Sommerwoche des Jahres.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Deutsch steht für die dritte und vierte Stunde im Stundenplan. Vor den vier Männern und der Frau liegt das blaue Taschenbuch, um das es geht: „Andorra“ von Max Frisch. Das Drama handelt von dem vermeintlichen Juden Andri, der auch dann für die Gesellschaft und sich selbst ein Jude bleibt, als längst klar ist, dass er überhaupt keiner ist. Einmal Jude, immer Jude - die Vorurteile bleiben. Was Frisch seinerzeit schrieb, hat eine Menge zu tun mit den fünf Schülern, die kurz vor den Ferien zu Schulleiter Jan Große in den Unterricht gekommen sind. „Wie erlebt ihr im Alltag Vorurteile?“, fragt er in die Runde.

          „Bei manchen fangen wir bei null an“

          Würden die Vorurteile stimmen, wäre der Klassenraum leer. Denn wer traut Drogensüchtigen schon zu, sich aufzuraffen, um ihren Schulabschluss nachzuholen? Genau das ermöglicht das Bildungszentrum Hermann Hesse. 140 Schüler mit Suchtproblemen besuchen die staatlich anerkannte Privatschule. Es sind 140 Schüler, die sonst keine Chance mehr hätten, das nachzuholen, was ihnen der Cannabis, das Heroin oder der Alkohol genommen haben.

          Im Schnitt sind sie 25 Jahre alt und haben knapp zehn Jahre lang keine Schule von innen gesehen. „Bei manchen fangen wir bei null an“, sagt Gunter Schmidt, der oberste Sozialarbeiter am Bildungszentrum. In einer Orientierungsphase gewöhnen sich die Schüler wieder an das Lernen. Sieben von zehn, die dieses halbe Jahr überstehen, erreichen am Ende auch einen Abschluss. Finanziert wird ihnen der Schulbesuch in der Regel mit Bafög oder aus Sozialleistungen. Besonders bei älteren Schülern kann das aber kompliziert werden. Die Hermann-Hesse-Schüler passen nicht so recht in das Raster deutscher Kultus- und Sozialpolitik.

          Schüler müssen Drogenabstinenz versprechen

          Weltweit gebe es keine andere derartige Einrichtung, die Süchtige auf den höchstmöglichen Schulabschluss vorbereitet, sagt Schmidt. Süchtig sind sie alle, die in den Kursen und Klassen büffeln. Und süchtig blieben sie bis an ihr Lebensende. „Auch wenn sie derzeit abstinent sind“, sagt Schmidt.

          Dass sie in der Schulzeit ohne Drogen auskommen wollen, mussten alle Schüler versprechen, bevor sie einen Platz bekommen haben. Dass sich nicht jeder daran hält, wissen die Lehrer und Sozialarbeiter. Sie bieten immer wieder ihre Hilfe an, manchmal lassen sie Schüler zum Drogentest antreten. Wenn jemand aber erwischt wird, wie er Drogen anbietet oder einen Mitschüler verleiten will, rückfällig zu werden, gibt es keine Diskussion und keine Toleranz mehr. Seit gut 30 Jahren arbeitet Schmidt nun schon an der Schule. Erst in wenigen Monaten, kurz vor seinem 70. Geburtstag wird er in den Ruhestand gehen und dann knapp die Hälfte seines Lebens damit verbracht haben, das Schulprojekt am Leben zu erhalten.

          Bildungszentrum ist eine staatlich anerkannte Privatschule

          Entstanden ist es 1971. Mehrere Junkies waren davon überzeugt, dass ihre Abhängigkeit nicht unbedingt bedeuten muss, dass sie auf Schulbildung verzichten müssen. Sie organisierten sich zunächst Studenten, die ihnen etwas beibrachten. Daraus entwickelte sich eine Bildungseinrichtung, die mittlerweile vom Verein Jugendberatung und Jugendhilfe getragen wird. Viele der Schüler wohnen zunächst in Wohngruppen des Vereins, der auch Beratungsstellen betreibt.

          Die Zeit war damals günstig, die Landesregierung war experimentierfreudig genug, um das Projekt zuzulassen. Mittlerweile ist das Bildungszentrum Hermann Hesse eine staatlich anerkannte Privatschule. Über die Jahrzehnte haben gut 1300 Schüler einen Abschluss gemacht, knapp 200 von ihnen den Hauptschulabschluss, 360 das Abitur. Die Schüler legen die gleichen Prüfungen ab wie Jugendliche an herkömmlichen Schulen.

          Maximal zehn Schüler in einer Klasse

          Die Identifikation mit dem Bildungszentrum kennt bei manchen Absolventen keine Grenzen. Wie Schmidt erzählt, war eine Schülerin auf der Abschlussfeier so gerührt, dass sie gesagt habe, sie wünschte, ihre Kinder würden später auch hier zur Schule gehen.

          Es sind keine geraden Lebensläufe, die auf die Stühle in den kleinen Klassenräumen des Bildungszentrums Hermann Hesse führen. Viele der Schüler haben Jahre an die Drogen verloren. Diese Zeit aufzuarbeiten ist eine der Aufgaben der Lehrer und Sozialarbeiter in Sachsenhausen. Mehr als zehn Schüler werden nicht gemeinsam unterrichtet. So entwickeln sich Beziehungen, die eng genug sind, Vertrauen aufzubauen. Die meisten Lehrer duzen ihre Schüler, obwohl diese schon erwachsen sind. Das spiegele das Familiäre wider, findet Schulleiter Große.

          Nicht ständig, aber immer wieder müssen sich die Schüler ihrer Sucht stellen. „Man fühlt sich automatisch anders“, antwortet Matthias auf die Frage seines Deutschlehrers nach den Vorurteilen, wie sie in „Andorra“ geschildert werden. Aber wer sich der Vorurteile bewusst sei, könne gut damit umgehen, auch mit den eigenen. Zwischen Drama-Analyse und Selbsthilfe liegen nur wenige Minuten.

          An der Wand hinter den Schülern hängt neben der Weltkarte eine Liste. Zwei Listen, um genau zu sein: Sie enthalten die Gründe für Schlafstörungen und Mittel dagegen. Sport treiben, viel Zeit an der frischen Luft verbringen, Struktur ins Leben bringen, lauten die Ratschläge. Hilfreich könnten sie auch in den bald beginnenden Sommerferien sein. Dann werden die Schüler sicher mehr Zeit an der frischen Luft verbringen. Für die Struktur in ihrem Leben wird kein Stundenplan mehr sorgen. Hoffentlich aber auch keine Drogen.

          Unsere Serie „Schulbesuch“

          Bisher erschienen: Parkschule Rüsselsheim (15. Mai); Elisabethenschule Hofheim (27. Mai), Weibelfeldschule Dreieich (14. Juni); Gymnasium Mainz-Oberstadt (18. Juni); Eugen-Kaiser-Schule (21. Juni).

          Quelle: F.A.Z.

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