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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Schul-Empfehlungen "Gymnasium ist nicht immer der Königsweg"

03.02.2005 ·  Drei, zwei, eins, Zeugnis. Am Freitag bekommen Hessens Schüler den Zwischenstand im laufenden Schuljahr schwarz auf weiß bescheinigt - und das wird sie kaum kaltlassen. Ebensowenig wie die Eltern der ...

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Drei, zwei, eins, Zeugnis. Am Freitag bekommen Hessens Schüler den Zwischenstand im laufenden Schuljahr schwarz auf weiß bescheinigt - und das wird sie kaum kaltlassen. Ebensowenig wie die Eltern der Viertkläßler, die ihrerseits mehr heimbringen als nur ein Papier mit Beurteilungen in verschiedenen Fächern darauf. "Schulform-Empfehlung" heißt der etwas sperrige Begriff, um dessen Bedeutung sich derzeit viele Gespräche drehen: Grundschullehrerinnen (Männer sind selten in diesem Beruf) müssen den Erziehungsberechtigten jetzt darlegen, welche Art Schule sie von der fünften Klasse an geeignet finden für die Jungen und Mädchen, die sie noch bis zum Sommer unterrichten.

Wenn es so kommt, wie viele Pädagogen erwarten, wird die Zahl der abweichenden Einschätzungen von Pädagogen und Eltern und damit die Zahl der Konflikte diesmal größer sein als sonst. Grund ist die Neufassung des Hessischen Schulgesetzes und - wie der Vorsitzende des hessischen Philologenverbandes, Knud Dittmann, sagt - "die Verwerfungen", die mit der Verkürzung der Gymnasialzeit auf die Schullandschaft zukämen.

Seit im Jahr 2000 die abgebenden Grundschulen in Hessen verpflichtet wurden, eine Schulform-Empfehlung auszusprechen - bei Beibehaltung des Wahlrechts der Eltern -, wird diese Regelung, mit der viele gut leben können, auch kritisiert. Denn ein Kind, von dem seine Lehrer denken, es sei auf einer Realschule gut aufgehoben, von dem die Eltern aber hoffen, daß es auch auf einem Gymnasium zurechtkommen werde, kann letzteres besuchen, Entsprechendes gilt für die Realschule. Allerdings droht Schülern, wenn ihre Leistungen nicht ausreichen, die sogenannte Querversetzung auf die nächstniedrigere Schulform - und dagegen hilft kein Einspruch. Vom nächsten Schuljahr an können sogar alle Kinder, auch die für den jeweiligen Bildungsgang empfohlenen, bis in die Jahrgangsstufesieben hinein querversetzt werden.

Es hat schon Gymnasien gegeben, in denen die Querversetzungsquote nach sechs Monaten hundert Prozent betrug, an anderen Schulen nur zehn Prozent - die Bandbreite ist enorm. An dem Dreieicher Gymnasium, das Knud Dittmann leitet, sind von derzeit 180 Kindern in der Jahrgangsstufefünf nur 14 ohne eine Gymnasialempfehlung aufgenommen worden; drei von ihnen mußten die Schule schon nach dem ersten Halbjahr verlassen. Es würden wohl noch mehr, meint der Schulleiter, im Schnitt die Hälfte derer ohne Empfehlung habe stets so große Schwierigkeiten, daß eine pädagogische Entscheidung, sie nicht zu behalten, unausweichlich sei. "Das ist eine Qual für die Kinder", sagt der Verbandsvorsitzende und hebt in diesem Zusammenhang noch einmal hervor, daß er ein entschiedener Gegner der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist, auch weil dadurch die Konflikte um die Schulformempfehlung verschärft würden: Durch die Einführung der zweiten Fremdsprache schon in der sechsten Klasse beispielsweise gerieten Gymnasiasten künftig bereits zu einem frühen Zeitpunkt unter enormen Streß; heute schon sei absehbar, daß viele diesem nicht standhalten könnten. Und in Schulbezirken, in denen die Gymnasien in diesem Jahr auf den schnelleren Weg zum Abschluß umstellten, entstehe jetzt starker Druck auf die Grundschulen - durch die Eltern. Wo klar sei, daß der Bildungsgang Gymnasium anstrengender werde, sinke die Zahl der Kinder, die für diesen empfohlen werden könnten, meint Dittmann, und es steige die Zahl der Mütter und Väter, die der Empfehlung nicht zustimmten.

"Das Gymnasium muß nicht immer der Königsweg sein", sagt Günter Fischer, der eine Grundschule in Stockstadt leitet und stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbands hessischer Schulleiter ist. An seiner Einrichtung bekommen Kinder gemeinhin eine Gymnasialempfehlung, wenn sie in Deutsch und Mathematik eine Zwei haben. Das wiederum schließt nicht aus, daß auch Kinder, die im einen oder anderen Fach nur "befriedigend" abschließen, als geeignet empfohlen werden, das liegt im Ermessen der Klassenkonferenz. Verbindliche, vom Land festgesetzte Vorgaben für eine Empfehlung gibt es in Hessen, anders als etwa in Baden-Württemberg, nicht. Dort müssen schon seit mehr als zehn Jahren Grundschüler einen Notendurchschnitt von 2,5 haben, errechnet aus allen Zensuren exklusive der Kopfnoten, um sich für den gymnasialen Bildungsweg zu qualifizieren.

Obwohl solche standardisierten Verfahren ihre Vorteile haben mögen, wollte Fischer nicht mit ihnen arbeiten: "Wir empfinden es als Vorteil, daß wir nicht auf die Dezimalstelle genau rechnen müssen, sondern das einzelne Kind beurteilen können." Noten seien ohnehin nicht objektiv, sagt Ilse Marie Krauth, Vorsitzende der Landesgruppe Hessen des Grundschulverbandes. Manchmal belohnten Zensuren auch "den Fleiß der Mutter, die mit dem Kind übt und übt". Und "selbstverständlich" könne auch ein Kind mit einer Drei in Deutsch oder Mathematik für den Besuch eines Gymnasiums geeignet sein, fügt sie hinzu, entscheidend seien "Schlüsselqualifikationen": "Kann das Kind eigenständig arbeiten? Wie ist seine Arbeitsorganisation?"

Divergierende Ansichten zwischen Lehrern auf der einen und Müttern und Vätern auf der anderen Seite wird es wohl so lange geben, wie es Schule gibt, "Konflikte sind nicht die Regel, liegen aber in der Natur der Sache", meint zum Beispiel eine Frankfurter Lehrerin mit langer Berufserfahrung. Eltern sollten den Grundschulen grundsätzlich vertrauen, meint Günter Fischer. Dringend überwunden werden müsse die nach wie vor weitverbreitete, wenn nicht zunehmende Ansicht, daß "die Wahl der Schulform jetzt die Art des späteren Abschlusses zwingend vorwegnimmt". JACQUELINE VOGT

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