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Unternehmen in Mainhausen : Im Internet bestellen, beim Händler kaufen

Virtueller Doppelgänger: Eine MItarbeiterin von ANWR bearbeitet das Bild eines Schuhs, der vorher eingescannt wurde. Bild: Rainer Wohlfahrt

Zusammen mit Schuhgeschäften baut das Unternehmen ANWR Group eine gemeinsame Internetplattform auf. Dort können Kunden aus Zehntausenden Angeboten wählen.

          Sorgfältig stellt Barbara Döpper den braunen Herrenschuh in einen mannshohen gläsernen Kasten. Dann schließt die Mitarbeiterin der ANWR Group in Mainhausen die Tür, und eine Digitalkamera fertigt eine Serie von 20 Aufnahmen an, während sich der Schuh auf einer Glasscheibe dreht. Auf den Bildern stellt das Computerprogramm den Stiefel automatisch frei, als hätte man Vorder- und Hintergrund mit der Schere exakt weggeschnitten.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für die Stadt und den Kreis Offenbach.

          Die Ergebnisse solcher 360-Grad-Shootings mit der sogenannten Fotobox sind auf der Internetseite www.schuhe.de zu besichtigen, die zur ANWR Group gehört. Die international tätige Handelskooperation, deren Dienste mehr als 6000 Unternehmen der Schuh-, Sport- und Lederwarenbranche nutzen, ist auch im weltweiten Netz aktiv, um Schuhkäufer zu erreichen. Das Besondere ist, dass die ANWR-Mitgliedsunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingebunden sind: Bestellungen, die über schuhe.de eingehen, werden an einen stationären Fachhändler weitergeleitet, der sich ANWR angeschlossen hat. Das jeweilige Unternehmen führt den Auftrag aus und schickt die gewünschten Schuhe zum Kunden. Der wiederum hat nur mit schuhe.de zu tun, wo er seine Bestellung auch bezahlt.

          Sortiment im Netz sichtbar machen

          Bei ANWR in Mainhausen stehen gleich zwei Fotoboxen, doch Döpper muss schuhe.de nicht allein mit Bildmaterial versorgen. Angesichts von 70 000 Damen-, Herren- und Kinderschuhen, die online auszuwählen sind, stehen weitere 28 Geräte inzwischen bei ANWR-Händlern: Sie lichten die bei ihnen vorrätigen Schuhmodelle ebenfalls für das Internetportal ab.

          In Mainhausen laufen die Fäden von schuhe.de zusammen. Dort befindet sich schon seit vielen Jahren die Zentrale von ANWR – eine Buchstabenfolge, die kaum ein Schuhkäufer kennt und die für Ariston-Nord-West-Ring steht. Bis 1919 gehen die Ursprünge der Handelskooperation zurück. Seit 2012 heißt das Unternehmen ANWR Group. Von den etwa 600 Mitarbeitern in 14 europäischen Ländern werden rund 400 in Mainhausen beschäftigt. Zur ANWR Group gehören mehrere Tochtergesellschaften wie ANWR Schuh, Garant, Quick Schuh, Sport 2000 und Goldkrone. Nicht zu vergessen die ANWR Media GmbH, die für schuhe.de zuständig ist.

          Geschäftsführer Alexander Hock war im September 2012 der erste Mitarbeiter; E-Commerce-Manager Eike Michael Höfer kam zwei Monate später hinzu. Vor beiden lag die Aufgabe, die Digitalisierungsstrategie innerhalb der Verbundgruppe aufzubauen. Im März 2013 ging schuhe.de an den Start. Ziel sei gewesen, alle ANWR-Mitglieder mit ihrem Sortiment im Netz sichtbar zu machen und den Mitgliedshäusern den Verkauf über das Internet zu ermöglichen, sagte Hock.

          Digitale Visitenkarte

          Manche Geschäfte hatten damals schon einen eigenen Internetauftritt; für andere bedeutete dies Neuland. Schuhe.de verfüge über keine Ware und habe auch kein Lager, sondern sei ausschließlich darauf ausgelegt, den stationären Handel zu unterstützen, machte Hock deutlich.

          Stattlich: der Sitz der ANWR Group in Mainhausen
          Stattlich: der Sitz der ANWR Group in Mainhausen : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Eine kleine Präsenz für alle ANWR-Mitgliedsunternehmen stand am Anfang von schuhe.de. Heute werden dort Visitenkarten für 6800 Filialen von Schuh-, Sport- und Lederwarengeschäften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angezeigt. Ebenfalls schon 2013 ging in Mainhausen die erste Fotobox in Betrieb, denn „was die Händler nicht haben, sind Bilder“, erinnert sich Hock. Bis Ende 2013 waren 3000 Schuhe fotografiert. In Phase zwei begann man, die Warenwirtschaftssysteme der Händler an schuhe.de anzuschließen: Schuhe, die der jeweilige Händler vorrätig hatte, wurden dadurch auf seiner digitalen Visitenkarte sichtbar, sofern ein Foto vorlag.

          Modell finden „so einfach wie möglich“

          Heute sind 1430 Filialen auf diese Weise mit dem Internetportal vernetzt. Um möglichst viele Schuhe im Internet zeigen zu können, begann ANWR 2014, weitere Fotosysteme in Schuhgeschäften zu installieren und die Geräte direkt mit schuhe.de zu verbinden. Der Vorteil für den Händler, der die bei ihm eingehenden Schuhe fotografiere, liege darin, dass damit sein komplettes Sortiment bei schuhe.de abgebildet werde, hob Hock hervor. Da immer mehr Bilder geliefert würden, nähere man sich von Saison zu Saison einer Fotoquote von 100 Prozent des Angebots, sagte Höfer.

          Von Anfang 2015 an konnten die Händler ihr Sortiment nicht nur online präsentieren, sondern dort auch zum Kauf anbieten. Im Februar 2016 folgte die nächste Phase: Auf der Hauptseite von schuhe.de werden den Kunden seither zuerst die unterschiedlichen Schuhmodelle angezeigt. Hat der Kunde gefunden, was ihn interessiert, und die passende Größe ausgewählt, kann er online bestellen; der Zufall entscheidet, welcher Händler den Auftrag erhält. Der Kunde sieht aber auch, in welchen Filialen sein Wunsch-Schuh noch vorrätig ist. Nach Angaben von Hock gelang es, die Zahl der Filialen mit aktivierter Verkaufsfunktion allein in den vergangenen zwölf Monaten auf 660 zu verdoppeln. Man habe zuerst die Händler vernetzen müssen, um jetzt „das größtmögliche, breiteste und am höchsten verfügbare Sortiment abbilden zu können“. Dem Endkunden wolle man es „so einfach wie möglich machen, das für ihn richtige Modell zu finden“.

          Austausch mit Kollegen

          Auf 25 bis 30 Mitarbeiter, jeweils zur Hälfte in Mainhausen und Karlsruhe, ist schuhe.de angewachsen. Weiterentwicklung, Endkundensupport und Marketing sind in Mainhausen, Technik und Grafik in Karlsruhe angesiedelt. Mit Entwicklung und Umsätzen sei man sehr zufrieden, sagte Hock. Bei Ausbau und Reichweite liege man „super im Plan“. Für die stationären Händler habe man „ein schönes Pfund auf den Weg gebracht“. Voraussichtlich Ende 2017 wird der Internetauftritt ein neues Layout bekommen. Außerdem soll eine Kundenkarte eingeführt werden.

          Händler, die in ihrem Geschäft einen Schuh nicht mehr in der richtigen Größe vorrätig haben, werden künftig über schuhe.de das fehlende Modell von einem Kollegen anfordern können. Seit Ende Januar wird dieser Service bei 20 Händlern getestet.

          Quelle: F.A.Z.

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