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Klinikum Hanau : Neuer Mut dank Lidschatten, Rouge und Make-up

Aufmunternd: Sieben Frauen lernen im Klinikum Hanau, wie sie sich während der Krebsbehandlung pflegen und schminken können. Bild: Stefanie Silber

Wenn Haare, Wimpern und Augenbrauen während der Chemotherapie ausfallen, leiden viele Frauen. Schminkseminare helfen Krebskranken beim Umgang mit der Krankheit.

          Die Lippen kommen erst nach der Kaffeepause an die Reihe. Schließlich wäre es schade, wenn die gerade fein säuberlich aufgetragene Farbe gleich wieder an der Tasse kleben bliebe und Kuchenkrümel das Bild des glänzend schönen Mundes stören würden. Denn die Frauen, die an diesem Nachmittag im Hanauer Klinikum zusammengekommen sind, wenden viel Mühe auf für die Gestaltung ihrer Lippen. Fachkundige Anleitung bekommen sie von der Visagistin und Kosmetikerin Rafaela Nix.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Zunächst sollen die Frauen mit einem Konturenstift ein kleines Herz in der Mitte des Mundes zwischen Ober- und Unterlippe zeichnen, damit eine Führungslinie entsteht und die Lippen dann von außen nach innen akkurat ausgemalt werden können. Die sieben Frauen, alle Patientinnen des zertifizierten Brustzentrums des Klinikums, sind konzentriert bei der Sache und geben ihrem frisch geschminkten Gesicht unter den aufmerksamen Blicken der Beraterin den letzten Schliff.

          Große zusätzliche Belastung

          Als sie sich vor gut zwei Stunden um den mit Schminkspiegeln, Wattepads und Kosmetiktüchern bepackten Tisch versammelten, waren sie noch recht still und blass. Doch jetzt, nachdem sie Schritt für Schritt den Anweisungen der Kosmetikerin gefolgt sind, ist die Gruppe richtig munter. Jede freut sich über ihr frisches Aussehen. „Was so ein bisschen Farbe alles ausmacht“, staunt eine Teilnehmerin.

          Doch es geht nicht um Farbe und Schönheit allein an diesem Nachmittag, sondern vor allem um die Stärkung des Selbstbewusstseins der Patientinnen. Wie etwa 230.000 Frauen in jedem Jahr bekamen sie vor einiger Zeit die erschütternde Diagnose, an Krebs erkrankt zu sein. Von diesem Moment an bestimmten die Angst vor der Krankheit und die Krebstherapie mit Chemo- oder Strahlenbehandlung ihr Leben.

          Vor allem für Frauen stellen der damit meist verbundene Ausfall der Haare, der Verlust von Wimpern und Augenbrauen sowie Hautirritationen eine große zusätzliche Belastung dar. „Uns ist es wichtig, dass sich die Frauen trauen, sich wieder als Frauen wahrzunehmen“, sagt Sabine Liebeck. Seit zehn Jahren ist die Fachkrankenschwester für die Betreuung von Brustkrebspatientinnen im Brustzentrum des Klinikums zuständig.

          Erfahrungen aus eigener Familie

          Etwa genauso lange organisiert sie mehrmals im Jahr die von der DKMS (Deutsche Knochenmarksspende-Datei) unter dem Motto „look good - feel better“ angebotenen kostenlosen Kosmetikseminare für Krebspatientinnen. Mitmachen können alle Frauen, die eine Krebstherapie durchlaufen oder hinter sich gebracht haben. Auch für Männer, die unter einer Krebstherapie leiden, gebe es laut Liebeck hilfreiche Pflegehinweise. Für ein Seminar habe sich aber noch niemals einer gemeldet, und das werde wohl auch nie passieren. Männer gingen eben ganz anders damit um.

          Die meisten Frauen im Kursus sind an Brustkrebs erkrankt. Dass diese Patientengruppe am stärksten vertreten ist, liegt nach den Worten Liebecks daran, dass die Therapie fast immer mit dem Verlust der Haare und mit Störungen der Haut verbunden ist. Seit mehreren Jahren steht Liebeck die selbständige Hanauer Kosmetikerin Nix zur Seite, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den erkrankten Frauen ein Stück Lebensfreude zu schenken. Der Impuls dafür kam von Erfahrungen, die sie in der eigenen Familie mit Krebserkrankungen gemacht hat. Deshalb ist ihr Einsatz auch ehrenamtlich.

          Augen auch ohne Wimpern betonen

          Medizinische Fragen spricht sie in den Kursen bewusst nicht an. Unterstützt wird die Aktion der Organisation von mehreren namhaften Kosmetikfirmen, die eine Auswahl ihrer Produkte kostenfrei zur Verfügung stellen. So findet jede Teilnehmerin auf ihrem Platz eine Tasche, die neben einer Broschüre mit Pflege- und Schminktipps eine Reihe hochwertiger Kosmetika enthält.

          Nach den Anweisungen der Kursusleiterin wird das meiste gleich ausprobiert. Das beginnt bei der Reinigung der Haut, die von der Therapie stark beansprucht und ausgetrocknet wird. Hygiene spielt dabei eine wichtige Rolle, ebenso die richtige Pflege. Auch der Sonnenschutz darf nicht fehlen, da die Haut oft lichtempfindlich wird. Aber auch das Auftragen von Make-up und Rouge mit einem kleinen Schwämmchen und die Betonung der Augen wollen gelernt sein.

          Den Bogen raus: Ausgefallene Augenbrauen werden nachgezeichnet.
          Den Bogen raus: Ausgefallene Augenbrauen werden nachgezeichnet. : Bild: Stefanie Silber

          Die Wimperntusche in der Tasche können einige allerdings nicht verwenden, da sie gar keine Wimpern mehr zum Tuschen haben. „Heben Sie sie einfach auf“, rät Nix. „Denn der Tag wird kommen, an dem sie die Tusche wieder verwenden können.“ Bis dahin hilft die Visagistin mit Tipps aus, wie die Augen auch ohne Wimpern betont werden können. Ausgefeilt ist die Methode, wie die Augenbrauen möglichst natürlich nachgezeichnet werden können.

          Perücke nicht aus Echthaar

          Um den richtigen Bogen zu finden, setzt die Patientin an bestimmten Stellen Basispunkte, die mit kleinen feinen Strichen verbunden werden. Die Teilnehmerinnen an diesem Nachmittag sind darin besonders geschickt. Auch mit anderen modischen Themen kennen sie sich aus, vor allem wenn es um das verlorene Kopfhaar geht. Offen tauschen sie ihre Erfahrungen untereinander aus und werden dabei immer lockerer. Es wird auch viel gelacht an diesem Nachmittag.

          Nach einer Weile legen die meisten ihre schützende Mütze oder die Perücke zum Schminken ab. Allen steht der fast haarlose Kopf gut, denn er verleiht ihnen ein markantes und souveränes Aussehen. Doch sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen ist nicht einfach. Dann doch lieber die Perücke tragen, die übrigens nicht aus Echthaar sein sollte. Auch das weiß Krankenschwester Liebeck: Das mache viel zu viel Arbeit. Und das Kunsthaar sehe heute ohnehin aus wie echt.

          Informationen zu den Kosmetikkursen der DKMS gibt es unter der Rufnummer 0221/940582-4100.

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