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Schlaganfall-Behandlung „Bridging-Therapie“ gegen Blutgerinnsel

10.02.2012 ·  Der Chefarzt der Neurologie am Klinikum Höchst hat eine Behandlungsmethode für Schlaganfälle aus Heidelberg mitgebracht. Sie soll gravierende Spätfolgen bei den Patienten reduzieren.

Von Ingrid Karb
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Es hätte auch anders ausgehen können. Er könnte jetzt hilflos und gelähmt im Bett liegen. Oder gar nicht mehr da sein. Aber Heinrich G. fühlt sich unverändert. Noch liegt er im Krankenbett, erhält eine Infusion und wird mit Monitoren überwacht. Dabei kann er schon aufstehen und gehen. Der 67 Jahre alte Kelkheimer hatte einen schweren Schlaganfall und kam vor wenigen Tagen mit halbseitiger Lähmung und Sprachausfall ins Klinikum Höchst. Er habe noch nicht realisiert, was ihm da geschehen sei, meint der Rentner. Alles sei so schnell gegangen.

Dass „alles so schnell“ ging, war sein Glück. Denn bei einem Schlaganfall sei „Zeit das Entscheidende“, sagt sein Arzt im Klinikum Höchst, Thorsten Steiner. Wenn der Patient nicht innerhalb von viereinhalb Stunden behandelt werde, drohten ihm schwere bleibende Schäden, berichtet der Chefarzt der Klinik für Neurologie. Auch könne er an den Folgen sterben, vor allem an übermäßigem Druck im Hirn aufgrund von Wasseransammlung in den Zellen.

Oft geht es darum, die Blutung zu stoppen

Mit einer Arbeit über derartige „maligne Media-Infarkte“ wurde Steiner, 1961 in Bielefeld geboren, habilitiert. An der Uniklinik Heidelberg hatte er an Studien zur Behandlung von Schlaganfallpatienten mitgearbeitet, bevor er vor einem halben Jahr die Nachfolge des langjährigen Chefarztes Hansjörg Schütz in Höchst antrat.

Die schlagartig auftretenden Symptome wie Lähmungen oder Sprachstörungen entstünden, wenn die Hirnzellen nicht richtig durchblutet und dadurch nicht mit Sauerstoff versorgt würden, erklärt der Neurologe. Schuld daran könne sowohl ein Blutgerinnsel sein, das eine Ader verstopfe, als auch ein geplatztes Gefäß. Ein Fünftel der Schlaganfälle sei auf eine Blutung im Hirn zurückzuführen, sagt Steiner. Hiervon seien vor allem jüngere Patienten betroffen. Bei ihnen gehe es darum, die Blutung zu stoppen.

Vom Poltern aufgeschreckt

Die meisten Schlaganfälle entstünden jedoch durch ein Blutgerinnsel. Mit der intravenösen Gabe eines blutverdünnenden Mittels werde versucht, dieses aufzulösen. Bei jedem Gehirninfarkt sterbe Gewebe ab. Je schneller die Blutzufuhr wieder hergestellt werden könne, desto geringer seien die Schäden im Gehirn.

Auch bei Heinrich G. war ein Blutgerinnsel der Auslöser. Der Sonntag sei zunächst normal verlaufen, berichtet der Patient. Er habe sich keinesfalls unwohl gefühlt. Doch plötzlich sei ihm das Handtuch „entglitten“. Er habe es aufgehoben, aber gleich wieder fallengelassen. Dann sei er „zusammengeklappt“, berichtet der Rentner. Vom Poltern aufgeschreckt, sei seine Frau ihm zu Hilfe geeilt. Sie habe sofort den Notarzt alarmiert.

Wegen des kritischen Zustandes wurde das neue Verfahren angewendet

Den Helfern war gleich klar, dass Heinrich G. einen Schlaganfall erlitten hatte. Er war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Er habe noch mitbekommen, wie im Rettungswagen über Funk geklärt worden sei, in welche Klinik er kommen solle, sagt Heinrich G.. In der Rhein-Main-Region gibt es von Wiesbaden bis Hanau acht Kliniken mit einer sogenannten Stroke unit zur Behandlung von Schlaganfallpatienten. Allein in Frankfurt sind es vier: die Uniklinik, das Klinikum Höchst, das Nordwestkrankenhaus und das Katharinenkrankenhaus. G. kam ins nächstgelegene Klinikum in Höchst.

Die radiologische Untersuchung habe ergeben, dass G. einen Gehirninfarkt hatte, der durch ein Blutgerinnsel ausgelöst worden war, sagt Steiner. Der Zustand seines Patienten sei so kritisch gewesen, dass er gleich mehrere Gerinnsel als Ursache vermutete. Deshalb habe er sich entschieden, ein neues, in Heidelberg getestetes Verfahren anzuwenden.

Gute Erfahrungen gemacht

Bei der „Bridging-Therapie“ werden Medikamente nur verabreicht, um die Zeit bis zur Operation zu überbrücken, erklärt der Experte. Mit Hilfe eines Katheters werde dann das Blutgerinnsel mechanisch aus der Blutbahn entfernt. Die Operation könne nur in Zusammenarbeit mit einem Neuroradiologen gemacht werden, der Bilder der Hirngefäße erstellt. Dafür ist die Höchster Klinik eine Kooperation mit der Uniklinik in Heidelberg eingegangen. Der dortige Leiter der Neuroradiologie, Martin Bendszus, leitet auch die im Aufbau befindliche Abteilung in Höchst. Zu den Kernarbeitszeiten ist ein Oberarzt im Klinikum. Nachts und am Wochenende kommt ein Arzt in Rufbereitschaft aus Heidelberg.

Ein Gerinnsel am Ende der Halsschlagader habe bei G. die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen, sagt der Neurologe. Eine „Thrombolyse“, also die Medikamentengabe allein hätte hier vermutlich nicht gewirkt. Gerade bei schweren Schlaganfällen habe sich die Bridging-Methode bewährt, berichtet der Arzt. Studien in Heidelberg hätten ergeben, dass die Hälfte der so behandelten Patienten nicht an gravierenden Spätfolgen litt. Statistisch blieben dagegen 70 Prozent aller Schlaganfallpatienten behindert.

In Höchst seien im vergangenen halben Jahr vier Schlaganfallpatienten auf diesem Weg operiert worden. Drei von ihnen hätten danach kaum Beeinträchtigungen gehabt. Auch Heinrich G. kann die Klinik schon bald verlassen, wird jedoch noch eine Weile von Therapeuten bis zur vollständigen Rehabilitation betreut. In Zukunft muss er allerdings regelmäßig Medikamente nehmen - um einen weiteren Schlaganfall zu verhindern.

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Jahrgang 1965, Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

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