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Veröffentlicht: 18.06.2017, 13:52 Uhr

Hilfe bei Schlafproblemen Schlafen auf Rezept

Kommen Schlaf und Erholung zu kurz, liegen die Nerven schnell blank. Wenn Schäfchen zählen nicht mehr hilft, suchen viele Patienten Rat im Schlaflabor.

von Marie Lisa Kehler, Frankfurt
© Hedwig, Victor Hilfsmittel: In der Schlafklinik erklärt Oberarzt Ralf Strehmel einem Patienten, wie die Schlafmaske funktioniert.

Als er bei Freunden am Tisch einschlief, lachten sie über ihn. Als er wenige Tage später am Steuer seines Wagens einnickte, war niemand mehr zu Scherzen aufgelegt. Die Sache mit der Müdigkeit wurde für Gerhard Schmudde ernst, und zum ersten Mal in seinem Leben bekam er richtig Angst. Eine Emotion, die er eigentlich nicht mehr kannte. Denn Schmudde war in den Jahren zuvor eigentlich immer nur noch eines: müde. Genau genommen, wusste er nicht einmal mehr, wie es sich anfühlte, ausgeschlafen zu sein.

Gerhard Schmudde ist nur einer von geschätzt 2,4 Millionen Hessen, die über einen schlechten Schlaf klagen. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK hervor. Schmudde machte sich also auf die Suche nach dem erholsamen Schlaf. Dass er schnarchte – das wusste er. Schließlich sagte es ihm seine Frau jeden Morgen. Und so probierte er es mit Nasenpflastern, versuchte die schnarchlastige Rückenliege-Position zu vermeiden.

„Schnarchen ist keine Krankheit“

Nichts half. „Ich fühlte mich wie in einer depressiven Phase. Egal wo ich war, ich wollte nur noch ins Bett“, erinnert sich der Achtundsechzigjährige. Bei der Arbeit fiel es ihm schwer, die Augen offen zu halten. Schmudde war im Empfangsbereich beim Hessischen Rundfunk tätig. „Da kamen Politiker, Schauspieler, Künstler. Ich musste doch fit sein.“ Aber er war nicht fit. Schon lange nicht mehr.

Heute leitet Gerhard Schmudde gemeinsam mit seiner Frau eine Selbsthilfegruppe für Schlafapnoe und Atemstörungen. „Ich bin wieder ein ganz anderer Typ“, sagt er. Zu verdanken habe er das seiner Frau, die ihn zum Arzt schleppte, und seiner „neuen Freundin“. So nennt er die Schlafmaske, die er nach dem Besuch in einem Schlaflabor verordnet bekam. Schmudde wurde verkabelt, sein Atem, seine Herzfrequenz und sein Puls überwacht. Die Ärzte fanden heraus, warum er trotz der acht, neun, manchmal sogar zehn Stunden Schlaf niemals erholt war. Er hatte Atemaussetzer. Und die lassen den Sauerstoffgehalt im Blut sinken. Eine Stressbelastung für den Körper.

Ralf Strehmel kennt viele Patienten wie Gerhard Schmudde. Der Oberarzt leitet das Schlaflabor im Krankenhaus Sachsenhausen. Zu ihm kommen Menschen, die den Leidens- und Leistungsdruck nicht mehr aushalten. Die so müde sind, dass sie den Alltag nicht mehr bewältigen können. Drei Tage und Nächte verbringen die Patienten im Schnitt im Schlaflabor. In dieser Zeit werden sie körperlich untersucht und ihr Schlafverhalten analysiert. Strehmel nennt das „Schlafen auf Rezept“ und unter klinischen Bedingungen. Der Mediziner betont: „Schnarchen ist keine Krankheit.“ Unterschätzt würden allerdings die Spätfolgen: Probleme mit dem Blutdruck, Herzrhythmusstörung, ein gestiegenes Schlaganfallrisiko – nur ein Auszug aus der langen Liste.

Hilfsmittel für Schnarcher

Das Schnarchen gehe bei vielen Patienten mit Atemstörungen einher, so der Oberarzt. Der gemessene „Rekord“ im Schlaflabor liegt bei 120 Atemaussetzern je Stunde. Manche nur wenige Sekunden lang, andere bis zu zwei Minuten. „Es ist erstaunlich, was der Körper aushält“, sagt Strehmel. Sind die Atemaussetzer zu lang, reagiert der Körper mit einem reflexartigen Luftschnappen auf die Sauerstoff-Mangelversorgung. Durch das Wechselspiel von Schnarchen, Atempausen und Luftschnappen sei ein Abgleiten in die Tiefschlafphase kaum möglich. Aber genau die sei wichtig für die körperliche Erholung, sagt der Mediziner. Erst wenn ein Patient über eine Dauer von drei Monaten über schlechten Schlaf klagt, spricht Strehmel von einer Schlafstörung.

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