Home
http://www.faz.net/-gzg-74koj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schlafforscher Ulrich Koehler im Gespräch „Sechs Stunden Ruhe reichen nicht aus“

Der Schlafforscher Ulrich Koehler darüber, wie wichtig Phasen der Regeneration sind, wie verschieden Menschen auf Störungen durch Fluglärm reagieren und zu welchen Erkrankungen Schlafmangel führen kann. Und weshalb die Schule zu früh beginnt.

© dpa Vergrößern Schlaf ist messbar: Die moderne Medizin hat viele Möglichkeiten zu erforschen, woran es liegt, wenn Körper und Geist nicht zur Ruhe kommen wollen.

Wann und wodurch werden Sie morgens meistens wach?

In der Regel durch den Wecker um 6.30 Uhr. Am Wochenende jedoch, wenn ich länger schlafe, spontan.

Wie lange schlafen Sie?

Im Durchschnitt sechseinhalb Stunden. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal durch den Schichtdienst in der Klinik oft eher unphysiologisch schlafen.

Das heißt?

Es entspricht nicht dem normalen Ablauf, der Schlaf ist nicht, wie bei allen Schichtarbeitern, an die normale Tag- und Nachtrhythmik angepasst.

Was zeichnet guten Schlaf aus?

Dazu muss man etwas über die Physiologie des Schlafes wissen. Früher hatte man geglaubt, Schlaf sei nur ein passiver Zustand, bei dem sämtliche Aktivitäten - körperlich und geistig - reduziert seien. Das war ein Trugschluss. Ganz im Gegenteil, Schlaf ist kein passiver Ruhezustand. Unser Organismus, insbesondere das Gehirn, ist höchstgradig aktiv und bereitet uns, wenn alles zur Zufriedenheit läuft, sozusagen optimal auf den nächsten Tag vor. Im Schlaf durchlaufen wir verschiedene Stadien, zum einen die Leicht- und Tiefschlafstadien, zum anderen die Traumschlafstadien; Letztere sind benannt nach den schnellen Augenbewegungen (REM, rapid eye movement).

Was passiert wann?

Die typische Nacht, die in der Regel gegen 23 Uhr beginnt, hat zwei bis drei Tiefschlafphasen in der ersten Nachthälfte, die unterbrochen werden durch Traumschlafphasen. Diese Traumschlafphasen kommen, in etwa neunzigminütigem Abstand, wieder und werden zum Morgen hin immer länger. In der zweiten Nachthälfte haben wir dann vermehrt leichten Schlaf und kaum noch Tiefschlaf.

Wie erholt man sich am besten?

Schlaf ist dann gut und effektiv, wenn man am folgenden Tag ausgeschlafen und leistungsfähig ist. Ausreichender Tief- und REM-Schlaf sind für die in unserem Körper ablaufenden Prozesse dabei von elementarer Bedeutung. Der Tiefschlaf als eigentlich „erholender und entmüdender“ Schlaf muss ausreichend vorhanden sein. Ebenso auch der REM-Schlaf, der, nach heutigen Kenntnissen, wichtig ist für die tagtägliche Verarbeitung der im Gehirn eintreffenden Informationen sowie deren Speicherung und Löschung.

Zehntausende Menschen im Rhein-Main-Gebiet, die in den Einflugschneisen des Frankfurter Flughafens leben, müssen für ihren Schlaf mit der Zeit zwischen 23 und 5 Uhr, während ein Flugverbot herrscht, auskommen. Reicht das?

Wenn man die Schlafphysiologie und die biologischen Rhythmen berücksichtigt, so ist das pauschalierte Zeitsegment von 23 bis 5 Uhr sicherlich nicht ausreichend. Die im Organismus der Lebewesen ablaufenden Prozesse wie Regelung der Körpertemperatur, des Blutdrucks, der Hormone, des Schmerzempfindens, des Immunsystems und anderes werden durch eine innere Uhr als Taktgeber geregelt. Diese innere Uhr wird durch äußere Zeitgeber wie den Licht-Dunkel-Wechsel beeinflusst und entspricht in etwa einem 24-Stunden Rhythmus.

Aber jeder reagiert darauf verschieden?

Der Chronotyp eines Menschen gibt Auskunft darüber, wie die innere Uhr seinen individuellen Tagesrhythmus bestimmt. Das bedeutet: Wann ist seine bevorzugte Schlaf- und wann seine Wachzeit. Späte Chronotypen, sogenannte Eulen, gehen spät zu Bett und schlafen morgens dementsprechend länger. Frühe Chronotypen, „Lerchen“, gehen früh zu Bett und stehen früh wieder auf.

Ist diese Typisierung naturgegeben?

Der Chronotyp eines Menschen ist sowohl alters- als auch geschlechtsabhängig. Kleine Kinder sind relativ frühe Chronotypen, die sich in der Schüler- und Auszubildendenzeit immer mehr in Richtung späte Chronotypen entwickeln. Bei Jugendlichen besteht die mit Abstand größte Diskrepanz zwischen Bedarf und Dauer des Schlafs. Viele Schüler und Auszubildende leiden demzufolge unter Schlafmangel, da sie abends nicht in die Federn kommen und morgens zu früh in die Schule oder an den Ausbildungsplatz müssen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Klarträume Fliegen lernen

Schweben, Feuerbälle werfen, um die Welt reisen – Menschen, die ihre Träume bewusst manipulieren können, erleben das als berauschendes Gefühl. Klarträume werden immer öfter zum Freizeitvergnügen. Auch die Forschung interessiert sich dafür. Mehr Von Anna Schughart

18.01.2015, 10:08 Uhr | Gesellschaft
Prinz William sorgt sich um schwangere Kate

Prinz Williams Terminplan ließ ihm keine Ruhe am Montag. Stunden nachdem offiziell verkündet wurde, dass er und seine Frau Kate ein zweites Baby erwarten, erschien der Prinz in Oxford, im Vorübergehen ließ er sich zu einem kleinen Kommentar hinreißen. Mehr

09.09.2014, 10:28 Uhr | Gesellschaft
Power Napping Schlaf festigt das Gedächtnis von Babys

Ein Nickerchen nach dem Lernen ermöglicht schon Babys im Alter von wenigen Monaten, sich Handlungen besser zu merken - das fand ein Forscherteam von der Ruhr-Universität Bochum heraus. Mehr

12.01.2015, 14:48 Uhr | Wissen
Debatte in Frankreich Mutter darf ihr Kind nicht in Heimatort beerdigen

Nachdem der Bürgermeister der französische Ortschaft Champlan die letzte Ruhe für das Baby einer Roma-Familie verweigert haben soll, ist das verstorbene Kind nun in einer Nachbargemeinde beerdigt worden. Der Bürgermeister soll zuvor davon gesprochen haben, dass die wenigen Plätze auf dem Friedhof Menschen vorbehalten seien, die Steuern bezahlten. Mehr

06.01.2015, 11:10 Uhr | Gesellschaft
Deutscher Schnee (1) Weißer Rausch am Wurmberg

Braunlage im Harz schläft seit Jahrzehnten vor sich hin und träumt von einem florierenden Tourismus. Nun sollen es die Skifahrer richten – auch blutige Anfänger. Mehr Von Andrea Diener

24.01.2015, 06:00 Uhr | Reise
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.11.2012, 18:57 Uhr

Historischer Lückenschluss

Von Matthias Trautsch

Im Viertel Nied plant die Stadt Frankfurt ein neues Gymnasium. Das hat viel Gutes. Doch die beteiligten Lehrer stellt es vor eine Herausforderung, denn die Ansprüche an die neue Schule sind hoch. Mehr 1