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Schirn Kunsthalle : Flaneure, Parkettschleifer, bürgerliche Interieurs

Im Schweiße ihres Angesichts: „Die Parkettschleifer“ aus dem Jahr 1875, ein Hauptwerk von Caillebotte, finden ihren Platz an einer Schirn-Wand. Bild: Wonge Bergmann

In der Frankfurter Schirn Kunsthalle wurde am Mittwoch die Ausstellung „Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“ eröffnet.

          Das Ornament der Metropole erschließt sich dem Großstadtneurotiker weniger als dem Flaneur, dem Müßiggänger, dem Dandy, der sonst nichts zu tun hat, als zu beobachten und sich daneben vor allem dem Selbstgenuss hinzugeben. Man könnte Gustave Caillebotte zunächst für einen solchen halten, aber der Schein trügt, auch wenn er mit 25 Jahren finanziell endgültig ausgesorgt hatte. In diesem Alter erhielt er das väterliche Erbe. Und war fortan ganz und gar unabhängig. Die Freuden des Luxus und der Moden beschäftigten ihn freilich nur am Rand, er hatte viel zu tun: als unermüdlicher Förderer der Kunst, der Ausstellungen der Impressionisten organisierte und finanzierte, als erfolgreicher Entwickler und Produzent von Yachten und anderen Booten, nicht zuletzt als begeisterter Segelsportler. Vor allem aber als Maler und Zeichner, dessen Œuvre zwar der impressionistischen Bewegung zuzurechnen ist, das aber als klar identifizierbare Variante des Stils einen durchaus individuellen Charakter hat.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In Teilen befasst es sich mit der modernen Großstadt. Und mit jenen, die sich ihr zugetan fühlen: als Spaziergänger, als Genießer der Moderne, als Zeugen der Veränderung. Denn Paris hatte sich gewandelt. Unter Baron Haussmann wurden Magistralen angelegt, große funktionale Gebäude errichtet, die französische Hauptstadt den Bedingungen des Industriezeitalters angepasst. Breite Avenuen entstanden, die mittelalterliche Anmutung wich einer klassizistischen Großzügigkeit, der Fortschrittsglauben war stärker als die kritischen Bedenken. Caillebottes Bilder zeugen auch von alldem.

          Ein Realismus im impressionistischen Bild

          In der Frankfurter Schirn Kunsthalle ist gestern Abend die hauptverantwortlich von Karin Sagner kuratierte Schau „Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“ eröffnet worden. Die Präsentation vereint etwa 50Gemälde und Zeichnungen des 1848 geborenen, 1894 gestorbenen Künstlers, dazu kommen ungefähr 150 Fotografien von Zeitgenossen. Dabei ergeben sich erstaunliche Einsichten in zwei Parallelwelten: Malerei und Fotografie nehmen sich nicht nur derselben Motive an, sie gleichen einander auch, was die Perspektive, die Bildausschnitte, die Nah- und Fernbetrachtung der Dinge, das Interesse für Details angeht. Caillebottes Vorgehensweise scheint über weite Strecken an den Ergebnissen der Lichtbildkunst seiner Zeit orientiert, die ihre Sujets in der Stadt und im Stadtleben findet.

          Der Künstler bringt auch wegen dieser Beschäftigung mit dem damals noch neuen Medium einen Realismus ins impressionistische Bild, der mit der Haltung Courbets verwandt ist. Dieser hatte wenige Jahrzehnte zuvor unter anderen Steinklopfer in Szene gesetzt und sich damit den Vorwurf der Vulgarität eingehandelt. Eines der Hauptwerke Caillebottes, das jetzt in der Schirn zu sehen ist, hat seinerzeit die Kritiker veranlasst, naserümpfend auf einen penetranten Schweißgeruch hinzuweisen, den es ausströme. Das Gemälde „Die Parkettschleifer“ aus dem Jahr 1875 zeigt tatsächlich drei Männer, die mit entblößten Oberkörpern einer mühevollen Tätigkeit in einem offensichtlich großbürgerlichen Ambiente nachgehen. Die Holzspäne kringeln sich naturalistisch auf dem Boden, und voll aus dem Handwerkerleben gegriffen ist auch die Weinflasche.

          Pariser Straßenansicht bei Regenwetter

          Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Ausstellung zustande kam, langwierige Verhandlungen mit vor allem amerikanischen Sammlern waren nötig, denn das Werk des Künstlers befindet sich zum Großteil in Privatbesitz und ist weit gestreut. Ein anderes Meisterwerk Caillebottes, die Pariser Straßenansicht bei Regenwetter, ist immerhin in einer Vorstudie präsent. Und in einer Fotoarbeit von Thomas Struth, die im Treppenhaus die Ausstellungsbesucher empfängt. Sonst allerdings prunkt die Schau mit zahlreichen großartigen Werken des Franzosen wie der Ansicht der „Pont de l’Europe“, einem ungewöhnlichen männlichen Akt, Landschaften, Porträts, Stillleben, vom romantischen Geist durchwehten Interieurs. Oder leicht ironischen Innenansichten: Der Mann auf dem Bild mit der resoluten Frau im Vordergrund wirkt wie eine Puppe, ein Accessoire, ein Einrichtungsgegenstand.

          Die Ausstellung ist bis 20. Januar in der Schirn Kunsthalle zu sehen.

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