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Schirn-Ausstellung „Kunste zur Text“ In der Endlosschleife des Betriebs

 ·  Unter dem Titel „Kunste zur Text“ wird in der Schirn eine Ausstellung mit Arbeiten von Michael Riedel gezeigt. Sie handelt von einer geschlossenen Sphäre, die gleichwohl universelle Ansprüche anmeldet: der Kunstwelt.

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Traum oder Albtraum: Dem Kunstkosmos entflieht niemand. Sobald das Leben zur Kunst erklärt wird, gibt es kein Entrinnen, nur Ahnungslosigkeit. Aus der sozialen Plastik allerdings, als die Joseph Beuys unser aller gesellschaftliches Dasein begriffen hat, ist bei Michael Riedel endgültig und unumkehrbar der universelle, von narzisstischen Interessen geölte Betrieb geworden, in den vielleicht nicht jeder ein Künstler ist, aber zu jedem Zeitpunkt und völlig unverhofft zum Teilkunstwerk werden kann.

Die Dinge vollziehen unter der Prämisse, dass Kunst immer und überall ist, ohnehin einen Wesenswandel, der ihrer Gestalt nicht anzumerken ist: Aus einem schweren Motorrad wird beispielsweise das wichtigste Element einer Skulptur, Hinweise, wie sie in Flyern oder Einladungskarten gegeben werden, mutieren in neuem Kontext zu Hauptinhalten, graphische Kleinformen zu malerischen Großwerken, Quelltexte aus dem Internet wandeln sich, in Poster umgesetzt, zum reale Wände strukturierenden Gestaltungsmittel. In der Frankfurter Schirn Kunsthalle wird dem 1972 in Rüsselsheim geborenen, an der Städelschule ausgebildeten Riedel jetzt eine erste Retrospektive, wie es heißt, gewidmet.

Das Wohlbefinden im Paralleluniversum

Die Welt als Kunstwelt, eine geschlossene Abteilung. Nirgends ein Ausweg. Also lautet die Empfehlung, sich in ihr einzurichten. Viel zu feiern. Party zu machen. Dazu gehören gute Musik und Leute, die sie auflegen. Auch eine gleichermaßen exzellente und bodenständige Küche trägt zum Wohlbefinden im Paralleluniversum bei. Wie die Freitagsküche, die Riedel einst mit ein paar Freunden gegründet hat und die es seit kurzem an anderem Ort wieder in Frankfurt gibt, in der Mainzer Landstraße 105 nämlich. Hilfreich ist ohnehin der Zusammenschluss von Wissenden, die gelegentlich so tun, als seien sie von dieser Welt, aber permanent im Bewusstsein leben, einer anderen anzugehören. Das ist nicht völlig neu.

Schon einem Hohepriester wie Warhol gelang die Transzendierung des vermeintlichen Alltags in die Kunstsphäre mühelos: Wer mit der Factory in Berührung kam, erhielt plötzlich eine andere Bedeutung. Wie etwa auch Kartons für Putzkissen der Marke Brillo per künstlerischem Dekret zu Objekten der Hochkunst geadelt wurden. Das alles hatte auch schon seine komischen Aspekte. Insofern unterscheidet sich das parodistische, mit überraschenden Wendungen operierende Schaffen von Riedel gar nicht so sehr von denen früherer Heroen der Kunstmagie, die per Beschwörung den Status von Menschen und Sachen änderten.

Eine Ausstellung über die Eitelkeiten des Kunstbetriebs

Im Fall von Riedel allerdings liegt der Schwerpunkt auf Phänomenen, die schon längst in aller Klarheit und Deutlichkeit in den Kunstzusammenhang eingeführt und eingefügt wurden. Er kopiert und stellt nach, arbeitet sich an modernen Formen und der Moderne im Allgemeinen ab, bewegt sich auf einer Endlosschleife von Wiederholungen, Umgestaltungen, Reproduktionen. Im Ausstellungsraum „Oskar-von-Miller-Straße 16“ hatten er und seine Mitstreiter in den ersten Jahren des vergangenen Jahrzehnts Konzerte, Lesungen, Clubveranstaltungen, Vernissagen, Ausstellungen wiederholt, nachempfunden, persifliert. Eine denkwürdige Performance fand 2002 statt, als Parallelaktion zur Eröffnung einer Schau mit Gilbert and George im damals noch an der Schönen Aussicht angesiedelten White-Cube-Portikus: Zwei Schauspieler, von Riedel und Michael Loesch engagiert, ahmten zwei Stunden lang in einem gewissen Abstand nach, wie die beiden echten englischen Künstler durch die Frankfurter Kunstnacht schweiften.

Die Schirn-Präsentation ist eine Ausstellung über Ausstellungen wie über die Eitelkeiten des Kunstbetriebs. So viel Selbstbezüglichkeit war selten. Die Avantgarde mit ihren ästhetischen und ethischen Ansprüchen ist wenig mehr als ein Zitat. Ihre endlose Fortführung, letztlich ihren Leerlauf dokumentiert Riedel, indem er etwa ein großes schwarzes Stofftuch mit der Schere traktiert und das Ergebnis, jeweils anders gehängt, als Vorlage für abstrakte Tafelbilder nutzt. Die ihrerseits zu neuen Arbeiten anregen können. Irgendwelche Sichtweisen verändert das nicht. Bleiben nur Küche und Musik, um nicht länger darüber nachdenken zu müssen.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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