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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schirm-Rhotert schließt Ein Leben für den Regenschirm

 ·  Nach mehr als 125 Jahren schließt im März Schirm-Rhotert am Liebfrauenberg. Chefin Siglinde Fassauer bleibt bis zur letzten Minute. Sie kennt es nicht anders.

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© Hoang Le, Kien Vergrößern Wird bald Geschichte sein: Schirm-Rhotert am Liebfrauenberg.

Siglinde Fassauer ist eine der Letzten ihrer Art. Drei Regenschirme stehen in dem Ständer direkt an der Tür ihres kleinen Ladens: der eine beige-braun-kariert, der andere aus roter Baumwolle mit grün-roter Bordüre, der dritte dunkelrot. Sieben weitere Stockschirme stehen in ihrer Wohnung in Bornheim. Fassauer sagt, sie würde das Haus niemals ohne den passenden Schirm verlassen. „Wenn ich das nicht so mache, wer denn sonst?“, fragt sie.

Siglinde Fassauer ist eine kleine schmale Frau mit kurzen, kastanienfarbenen Haaren. Sie ist 69 Jahre alt und führt seit 16 Jahren das Geschäft Schirm-Rhotert am Frankfurter Liebfrauenberg. An den Wänden stehen die Schirme in Reihen: Damenschirme mit Leopardenmuster, Metallspitze und bernsteinfarbenem Kunstharzgriff. Daneben die blauen und schwarzen Herrenschirme mit Holzgriff, rechts hinten in der Ecke Kinderschirme in Rosa, vorne auf dem Tresen ein Ständer mit Knirpsen. Anfang März wird der Laden schließen, nach mehr als 125 Jahren. Dass Fassauer ihn seit Jahren leitet, geht vor allem auf ihren inzwischen verstorbenen Ehemann zurück.

Wiederaufbau des Geschäfts nach dem Krieg

Die Geschichte des Ladens begann im 19. Jahrhundert. Namensgeber war Aloys Rhotert. 1848 gründete er in Wuppertal einen Betrieb, der Sonnen- und Regenschirme herstellte. Bald verlegte er das Geschäft nach Düsseldorf, von wo aus er oft die Messe in Frankfurt besuchte. Zwischen 1875 und 1880 siedelte Rhotert ganz nach Frankfurt um, zunächst an den Rossmarkt, 1885 an den Liebfrauenberg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Altstadt und damit auch Schirm-Rhotert zerstört wurden, wurde das Geschäft wieder aufgebaut. Etwa 1948 trat Karl Fassauer in das Geschäft ein, Siglindes späterer Schwiegervater. Ihm hatte zuvor ebenfalls ein Schirmgeschäft gehört: Schirm Fassauer in Bockenheim. 1957 lernte Siglinde dessen Sohn Werner kennen, 1967 heirateten sie. Nach Karl Fassauers Tod 1968 übernahm Werner das Geschäft, und auch Siglinde Fassauer stieg mit ein. Sie hatte zuvor eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin absolviert.

„Das war dann abgeschlossen“, sagt sie heute, denn die sechziger Jahre waren nun einmal noch nicht die Zeit, in der von der Ehefrau so etwas wie eine eigene Karriere erwartet wurde. Von nun an kümmerte sie sich um Buchhaltung und Verkauf, packte Schirme aus, klebte Preisschilder auf. „So ist es gelaufen“, sagt sie und lächelt. „Da musste man seinen Mann stehen“, fügt sie hinzu. Bereut habe sie diesen Schritt nicht, aber sie habe eben auch keine anderen Pläne gehabt.

Bei gutem Wetter nur 15 Kunden am Tag

Doch hochwertige Regenschirme zu verkaufen ist ein Geschäft, das sich heute nicht mehr lohnt. Wenn es regnet, hat Fassauer 50 bis 60 Kunden. Bei gutem Wetter sind es vielleicht 15 am Tag. Die meisten sind Stammkunden und kaufen schon seit Jahrzehnten bei ihr. Das Problem sei, dass keine jungen Kunden nachrückten.

In den frühen sechziger Jahren liefen die Geschäfte richtig gut, wie sie sagt. Durch das Wirtschaftswunder warf der Laden genug Geld ab für Fassauer und ihren Mann, die Schwiegereltern, drei Näherinnen, drei Verkäuferinnen und einen Metallbauer. Damals, erzählt Fassauer, fanden im Palmengarten noch Modenschauen mit Schirmen statt. Frauen waren erst mit Schirm, Hut und Handschuhen richtig angezogen, die Männer gingen mit Spazierstock in die Stadt.

Schirme wurden zu billigen Bedarfsartikeln

Doch die Kleidung wurde legerer, Regenschirme wurden Bedarfsartikel, die es für wenig Geld bald auch in Drogerien gab. Auch die Produktion änderte sich: Regenschirme wurden günstig in Fernost hergestellt, Reparaturen lohnten sich nicht mehr. Schon 1968 hörten die Fassauers auf, selbst Schirme zu nähen, und erledigten nur noch Reparaturarbeiten. Heute ist die Werkstatt das Lager. Die kaputten Schirme ihrer Kunden schickt Fassauer zum Hersteller, kleinere Näharbeiten erledigt sie selbst. Siglinde Fassauer übernahm 1996 den Laden, als ihr Mann mit 53 Jahren starb. Sie sagt, er sei ihre große Liebe gewesen. 1957 hatten sie sich beim Konfirmandenunterricht kennengelernt, gingen dann zur Handelsschule. Seit 1962 waren sie zusammen. Sportlich und zuversichtlich sei er gewesen, erzählt sie. Immer habe er sie wieder aufgerichtet. Selbst, als er schon Krebs hatte, war er es, der sie tröstete, in den Arm nahm, Tee für sie kochte, wie sie berichtet.

Nun leitet sie den Laden allein. An zwei Tagen in der Woche hilft eine Mitarbeiterin für jeweils fünf Stunden aus. Seit 1996 machte Fassauer nur einmal Urlaub, fuhr an die Ostsee. Sie will nicht sagen, wie viel Umsatz sie macht, sie sagt nur: Sie kann von den Einnahmen leben, aber natürlich hätte sie gerne mehr Mitarbeiter eingestellt.

In ihren Laden wird nun ein Schuhgeschäft ziehen, wie Fassauer weiter erzählt. Ihr Sohn arbeitet als Computerfachmann, er wollte das Geschäft nicht übernehmen. Und irgendwie scheint es, als ob Siglinde Fassauer darüber gar nicht unglücklich ist.

Die Träume, die sie noch hat, sind klein: sich um den Enkel kümmern, an die Nordsee fahren. In der rechten Ecke ihres Ladens, wo Telefon, Kaffeemaschine und Taschenrechner stehen, hängt ein Foto ihres Mannes: Es zeigt einen Mann mit vollem Gesicht und dunklem Haar, karierter Krawatte und Pfeife in der Hand. Am Holzrahmen klebt ein Zettel. „Ich kann, weil ich will, was ich muss“, steht da. „Wenn Sie so wollen“, sagt Siglinde Fassauer hinter dem Tresen, „stehe ich aus Liebe hier.“

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