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Veröffentlicht: 24.01.2012, 19:08 Uhr

Schiedsrichter Tobias Stieler Erstklassig unauffällig

Seine Schiedsrichter-Prüfung legt er mit 14 ab. Mit 18 steht er vor der Entscheidung: „pfeifen oder selbst spielen?“ Jetzt ist Tobias Stieler in Bundesliga aufgestiegen.

von Steffen Schneider, Offenbach
© dpa Arbeit im Gespann: Stieler ist von der Fahne an die Pfeife aufgestiegen

Viel schlimmer als bei seinem zweiten Bundesligaspiel kann es für Tobias Stieler nicht mehr kommen. Am 13. September 2008 war der Linienrichter im Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 im Einsatz: Schalke führte schnell 3:0, Dortmund schien geschlagen. Mit einem Kopfballtor brachte Neven Subotic dann seine Mannschaft wieder ins Spiel, das tatsächlich 3:3 endete - durch zwei Tore Alexander Freis, an denen auch der Unparteiische aus Obertshausen nicht unerheblichen Anteil hatte: Beim ersten übersah er eine deutliche Abseitsstellung, das zweite resultierte aus einem unberechtigten Handelfmeter. Stieler spricht heute von einer „ganz krassen Fehlentscheidung“, Das Fachblatt „Kicker“ bewertete die Leistung des von Schiedsrichter Lutz Wagner angeführten Gespanns anschließend mit der glatten Note sechs.

„Das muss man ausblenden. Ich habe damals eine Woche keine Zeitung gelesen“, sagt Stieler. Seine Karriere erlitt durch die Unachtsamkeiten keinen Knick: Stieler stabilisierte seine Leistungen als Spielleiter in der zweiten Liga. Er fiel fortan dadurch auf, nicht aufzufallen - ein größeres Lob gibt es nicht für jene Spezies, die sich nur bei groben Fehlern gesteigerter medialer Präsenz erfreuen kann. Die DFB-Schiedsrichterkommission belohnte kürzlich die guten Leistungen Stielers und beförderte ihn: Der Dreißigjährige gehört jetzt zu jenem Kreis von 21 Kollegen, die Spiele in der deutschen Eliteklasse pfeifen dürfen. „So ganz aus heiterem Himmel kommt das nicht, ich hatte gehofft, dass es mich trifft“, sagt Stieler. Er ersetzt Marc Seemann, der seinen Platz nach einem nicht bestandenen Leistungstest zu Saisonbeginn hatte räumen müssen, und er ist neben dem Wiesbadener Tobias Welz der zweite Hesse in der Bundesliga.

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Stieler ist ein besonnener Mann

Stieler ist keiner, der sich unterkriegen lässt; nicht von Fehlern vor 80.000 Zuschauern im Dortmunder Stadion, auch nicht von seinem holprigen Start als Unparteiischer. Schon mit 14 Jahren legte er die Prüfung zum Schiedsrichter ab. „Die ersten Spiele waren aber eine mittlere Katastrophe“, erinnert er sich. Seinem kontinuierlichen Weg nach oben tat dies indes keinen Abbruch, er stieg Liga für Liga auf und stand irgendwann vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Spielen oder pfeifen? Stieler entschied sich für Letzteres und beendete schon mit 18 Jahren seine Laufbahn als Torhüter der SG Rosenhöhe Offenbach. „Wir verfolgen seinen Weg sehr genau. Dass er jetzt sogar ganz oben pfeifen darf, macht uns alle stolz“, sagt Patrick Ihlefeld, der Vorsitzende der SG-Fußballabteilung. Wesentlich leichter sei es nun, junge Schiedsrichter zu rekrutieren, schließlich könne man immer auf einen verweisen, der es aus Offenbach bis in die Bundesliga geschafft habe.

Mehr als 3000 Euro verdient ein Unparteiischer dort pro Spiel. „Was viele jedoch nicht sehen, ist der Aufwand, den man dafür betreibt“, sagt Stieler. Der Jurist arbeitet in einer großen Kanzlei in München, eine volle Stelle hat er aufgrund seines reiseintensiven Hobbys allerdings nicht. Außerdem: Nicht selten ist das Honorar Schmerzensgeld. Stieler etwa wird im sozialen Netzwerk „Facebook“ von einer Gruppe namens „Alle gegen Tobias Stieler! Den schlechtesten Schiedsrichter der Welt!“ beleidigt. Einige raten ihm dort, sich schon mal den nächsten Zahnarzttermin auszumachen oder sich einen Bodyguard zu besorgen. Stieler sieht dies als „Begleiterscheinung“ seines Sports. „Das gehört wohl dazu. Ich versuche darüber zu schmunzeln“, sagt er. Mit den Beschimpfungen im Stadion hat er sich arrangiert. „Auf dem Platz empfinde ich es als nicht so schlimm. Da schreit nur eine anonyme Masse. Schlimm ist, was danach kommt, wenn Fehlentscheidungen im TV seziert werden“, sagt er höflich, aber bestimmt.

Stieler ist ein besonnener Mann, der, wenn es darauf ankommt, auch durchgreifen kann. Das hat er schon in seinem ersten Spiel als Unparteiischer unter Beweis gestellt. Der Jungschiedsrichter hatte den Ausbildungslehrgang noch nicht ganz abgeschlossen, als er für einen Kollegen einspringen musste. Der 14-Jährige erklärte sich ohne Zögern bereit und pfiff eine Jugendpartie, die er sich eigentlich als Zuschauer anschauen wollte - schließlich stand Zwillingsbruder Benjamin auch auf dem Platz. Nach fünf Minuten zeigte Stieler seinem verdutzten Bruder dann die Rote Karte und pfiff Elfmeter, beides höchst umstrittene Entscheidungen. „Ehrlich gesagt, war das eine ganz schlechte Leistung von mir“, sagt Stieler heute und lächelt. „Aber Benjamin hat es mir mittlerweile verziehen.“

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