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Schauspieler Torben Kessler Nicht mehr auf Raten leben

Er sagt, er spiele lauter Schriftsteller. Dabei gibt Torben Kessler am Schauspiel Frankfurt in der nächsten Spielzeit auch einen Kommissar. Vor allem aber ist er ein Grübler.

© Eilmes, Wolfgang Vergrößern Spielen heißt, dem Leben Sinn zu geben: Torben Kessler im Foyer der Städtischen Bühnen.

Er hat sich eine Reisepause verordnet. Schließlich war er erst voriges Jahr in Indien. Torben Kessler hat in Goa viel gelernt, was er noch verarbeiten muss. „Die Menschen dort sind vielleicht viel näher am Leben dran als wir“, sinniert der Schauspieler. „Trotz Müll und Dreck sind sie mehr bei sich selbst.“ Das hat ihm zu denken gegeben. „Ich will nicht mehr auf Raten leben, um etwas zu erreichen, mir nicht mehr so viel beweisen“, sagt er. Vor allem will er Leben und Beruf nicht mehr trennen. Auf der Bühne will er richtig „da sein“. Dabei denkt er an eine Präsenz, die auch Handwerk ist, nicht Aura, nicht Genie. Eigentlich ist er ganz zufrieden: „Mein Leben besteht aus Lesen, Lernen, Spielen.“ Und Urlaub machen kann man schließlich auch zu Hause im Frankfurter Nordend, am beliebten Friedberger Platz.

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Kessler ist ein Grübler. Das sieht man ihm auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt nicht unbedingt an. Am ehesten noch in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, in der er auf verspiegelter Bühne mehrere Rollen spielte. Als Ritter Gawain in „Roter Ritter Parzival“ trat er in der ersten Spielzeit von Oliver Reeses Intendanz als edler Recke auf. Aber als Denker? Das sieht er anders: „Ich spiele doch dauernd Schriftsteller.“ Und er zählt auf: den Titelhelden in der Nabokov-Roman-Adaption „Meister und Margarita“, der sich vor der Zensur ins Irrenhaus flüchtet, und den verkappten Autor Tom in „Dogville“, einem Stück von Lars von Trier, das Karin Henkel in der nächsten Saison inszeniert. Mit ihr hat er auch schon den Hjalmar in Henrik Ibsens „Wildente“ erarbeitet.

Spät Bekanntschaft mit dem Theater gemacht

Kessler fiebert der neuen Spielzeit entgegen. Er wird unter der Regie von Markus Bothe den Kommissar in der Bühnenversion von Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Das Versprechen“ spielen und in Schnitzlers „Anatol“ unter der Regie von Florian Fiedler dabei sein. „Das Anatol“, sagt er, denn es geht um ein Prinzip, den Lebensentwurf eines Wiener Bonvivants, der von vier Schauspielern eher improvisiert aufgeführt wird. Als Dürrenmatts Kommissar folgt er Heinz Rühmann und Jack Nicholson, die aus den Verfilmungen des Stoffes, „Es geschah am helllichten Tag“ und „The Pledge“, noch in guter Erinnerung sind. Kessler ist aber vor allem begeistert von dem Roman, den Dürrenmatt verfasst hat, weil ihm das Drehbuch zur Verfilmung mit Rühmann nicht genügte.

Mit dem Theater hat Kessler spät Bekanntschaft gemacht. Als Sohn eines Autohändlers und einer Schneiderin wurde er 1975 in Bielefeld geboren und interessierte sich zunächst mehr fürs Kicken, auch bei der Arminia. Als er das Fußballspielen aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, fing er an, in einer Rockband zu singen. Bei einem ungarischen Lehrer nahm er Gesangsstunden. Klavierspielen lernte er auch. Nach dem Abitur bewarb er sich für eine Musical-Ausbildung an der Folkwangschule in Essen, an der seine jetzigen Kollegen Thomas Huber und Heidi Ecks unterrichteten. Nach der Abschlussinszenierung von Georg Kaisers Stück „Die zwei Krawatten“ ging er mit einem Diplom als Bühnendarsteller für Schauspiel, Gesang und Tanz 1999 in Freiburg unter Vertrag. Schon damals lernte er den Regisseur Markus Bothe kennen, der ihn später in Frankfurt im „Parzival“ und im „Sommernachtstraum“ besetzte. Ansonsten hat Kessler vor allem die Kühe in Erinnerung, die ihn auf den Schwarzwaldweiden beruhigten, wenn er im Lampenfieber umhertigerte. Nach zwei Jahren wechselte er zu Intendant Wolfgang Engel nach Leipzig. „Dort gab es drei Dramaturgie-Mannschaften“ - nacheinander, sagt er. Mit der ersten lernte er das experimentelle Theater kennen, mit der zweiten die Klassiker und mit der dritten das lokalpolitische Engagement. Unter der Regie von Robert Schuster spielte er den Jason in Grillparzers Trilogie „Das Goldene Vlies“, unter Engels Regie den Posa in Schillers „Don Karlos“.

„Ich brauche Bestätigung, weil ich so selbstkritisch bin“

In Leipzig begann er auch Solo-Abende einzustudieren: gemeinsam mit dem Musiker Thomas Hertel etwa eine Adaption des psychedelischen Märchens „Fup“ von Jim Dodge, die er später auch in der Frankfurter „Box“ aufführte. Den Kriminalroman „Komm süßer Tod“ von Wolf Haas importierte er als „Live-Film-Installation“ ebenfalls von Leipzig nach Frankfurt. „Silentium“, einen Krimi desselben Autors, entwickelte er dann schon im Frankfurt. Intendant Oliver Reese hatte von ihm gehört und ließ ihn 2008 vorsprechen. Eigentlich wollte Kessler damals frei arbeiten. Er war nach Berlin gezogen, nahm Hörspiele und Hörbücher auf und sprang für einen Kollegen in Wiesbaden ein. Mit dem dortigen Regisseur Tilmann Gersch hatte er schon in Leipzig gearbeitet, unter anderem im „Hauptmann von Köpenick“.

Mit Beginn der Reese-Intendanz im Herbst 2009 kam Kessler doch nach Frankfurt. Er debütierte im Bockenheimer Depot als Cliff Bradshaw in „Cabaret“: „Die einzige Rolle, in der man nicht singen kann“, erinnert er sich. Aber dafür ein Schriftsteller. Sein musikalisches Talent konnte er in „Das weiße Album“ mit Christoph Pütthoff ausleben. „Entertaining“, sagt er, „ist mir inzwischen zu wenig. Einfach ein Lied verkaufen wie als Teenie, das kann ich nicht mehr.“ Dennoch hat er vor kurzem eine Gitarre auf dem Kronberger Flohmarkt erstanden. Er denkt oft über den Sinn seines Berufs nach. Seine beiden jüngsten Rollen, der Büroleiter in „Hanglage Meerblick“ und der „Meister“, hadern mit ihrem Beruf. Hadert er auch? „Nein“, sagt Kessler, „ich gebe meinem Leben Sinn, wenn ich spiele. Aber man sucht immer nach Wahrheit.“

Wenn er nicht auf der Bühne steht, liest er: am liebsten Jon Fosse, Michael Köhlmeier, Miranda July und Jack Kerouac. Erst vor kurzem hat er sich bei einer Rilke-Lesung im Malte Laurids Brigge wiedergefunden. Kessler murmelt etwas von „transitiver Liebe“, die nicht auf einen Menschen fixiert ist, sondern alles einschließt. Dankbar ist er vor allem den Regisseuren, die ihm Mut gemacht haben, wie Karin Henkel: „Ich brauche Bestätigung, weil ich so selbstkritisch bin.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.07.2013, 23:20 Uhr

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