Home
http://www.faz.net/-gzg-75w29
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Schauspiel Frankfurt Seiltanzvirtuose Tom Ripley

Der talentierte Bastian Kraft inszeniert Patricia Highsmith am Schauspiel Frankfurt.

© Birgit Hupfeld Vergrößern Zwischen Einfühlung und Soziopathie: Christoph Pütthoff (Tom Ripley) und Marcus Hosch (Double).

Zu meteorhaften Erleuchtungszuständen reißt Bastian Krafts Bühnenvision des „Talentierten Mr. Ripley“ im Schauspiel Frankfurt zwar nicht hin, gleichwohl bringt die Regie das Geschehen des ersten der fünf Ripley-Romane von Patricia Highsmith flüssig zur Darbietung und ist routinierter, als man es einem so jungen Regisseur und Absolventen des Studiums der Angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Gießen für gewöhnlich zutrauen würde, mag er auch das Münchner Festival „Radikal jung“ gewonnen haben.

Die handwerklich gekonnte Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin (daher Daniel Hoevels als Werftbesitzerssohn Dickie Greenleaf nebst Vater Herbert Greenleaf und Maren Eggert als Dickies Freundin Marge) erzählt von Tom Ripley, den der amerikanische Werftbesitzer Greenleaf als vermeintlichen Freund und Retter seines talentfreien Künstlerbohemien-Sohnes nach Italien entsendet. Wie ein Chamäleon und Körperfresser schleicht sich Ripley dort in Dickies Leben ein. Als der unter dem Einfluss Freddies (Stefan Schießleder) seiner müde wird und Ripleys Chance auf ein besseres Leben somit schwindet, tötet er Dickie kurzerhand auf offener See und nimmt seine Identität an. Mit Glück und Lesers Sympathie entgeht er allen Nachstellungen und beerbt sein Opfer.

Emsig wie eine Affenhorde

Die Inszenierung überzeugt gerade auch durch Christoph Pütthoff, der sich als blasser, ultimativ anpassungsfähiger Titelheld im Prozess der Selbstentdeckung und -befreiung unentwegt Drahtseilakte auf Ben Baurs Bühne abverlangt. Parallel zur Rampe nämlich füllt ein rechteckiger Rahmen die Szene, dessen fußbreiter Unterbalken, in bunten Zirkusfarben zum Leuchten gebracht, zur Chiffre des Equilibrierens zwischen Einfühlung und Soziopathie, Anpassung und Verbrechen, Armut und Aufstieg wird. Beidseits umgeben von Garderobespiegeln, die wie die platonische Uridee des Schminktisches anmuten und so das Spielerische betonen, wenn die Darsteller sich beim Warten aufs Stichwort davor kostümieren, hinterwärts zudem versehen mit einem zweiten Vorhang und einer Sitzreihe, die uns den Spiegel vorhält – dergleichen ausgestaltet fordert Baurs Szenerie Pütthoff ein ständiges Jonglieren mit Konventionen ab.

Sein Ripley changiert spannungsreich zwischen einem dressierten Papagei auf der Stange, Kletterkünstler und Seiltanzvirtuosen. Zwischen eigenem und angeeignetem Ich, Recht und Verbrechen, Duckmäusertum und Kühnheit stets vom Absturz bedroht, hat nur er den Durchblick durch den Rahmen der Konventionen und ist darin eindreiviertel Stunden lang allen so überlegen wie ein 3D-Wesen in einer zweidimensionalen Welt. Pütthoffs freundlich-mörderischer Schlupfwespen-Ripley ist mehr Virus als Charakter, was seinem blassen Sonnenbrillen-Outfit und seinen Kostümspielen Sinnhaftigkeit verleiht. Dem Material konform ist das Jazzige der musikalischen Bildertrenner (Musik: Björn SC Deigner) und des szenischen Rhythmus, den Regisseur Kraft der Geschichte gibt.

Maren Eggert eröffnet und beschließt das Spiel in Abendkleid und roter Perücke als Sängerin, glänzt vor allem aber als Marge. Wie Daniel Hoevels JFK-haft den reichen Sohn mit Yachtclub-Flair und Lässigkeit verkörpert, so spiegelt sie im sommerlich weißen Hemdchen mittelmeerisches Bohèmeleben der fünfziger Jahre und tackert als Schriftstellerin emsig wie eine Affenhorde beim Verfassen von Shakespeares Werken auf der Schreibmaschine herum. Ihre zaudernde Art macht glaubhaft, wie sie Ripley durchschaut und ihm doch nicht gewachsen ist. Gespielt wird verknappt realistisch; Schießleder in geckenhaft-bunter Streifenjacke mit Fliege und Freundschaftsritualen gibt Dickies Kumpel, geht aber auch als Italo-Inspektor in Mantel und Hut und argloser „hard-boiled“-Detektiv Ripley auf den Leim.

Die weiteren Aufführungen am 13. und 22. Februar sind ausverkauft.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hofer Filmtage Die Körper des Krieges

Die Hofer Filmtage zeichnen ein drastisches und sehr physisches Bild der Gewalt im Nahen Osten. Auch der deutsche Nachwuchsfilm sucht erfolgreich die zeitgeschichtliche Bühne. Mehr Von Thomas Thiel

27.10.2014, 16:16 Uhr | Feuilleton
Ehemaliger Pornodarsteller gesteht Mord

In Montreal steht der in Berlin gefasste Zerstückler Luka Rocco Magnotta vor Gericht. Der frühere Pornodarsteller soll seinen angeblichen Liebhaber getötet und das Verbrechen gefilmt haben. Mehr

30.09.2014, 15:32 Uhr | Gesellschaft
Im Labyrinth des Schweigens Wie ein junger Staatsanwalt den Schrecken von Auschwitz erkennt

Der junge Staatsanwalt Johann Radmann hat in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen Täter und Opfer vernommen. Der Film Im Labyrinth des Schweigens zeigt eindringlich, wie sich ihm und dem deutschen Volk die Augen öffnen für die Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen. Mehr Von Hans Riebsamen

31.10.2014, 14:00 Uhr | Rhein-Main
Start der Filmfestspiele in Cannes

Das Festival begann mit einem Film über Fürstin Gracia Patricia von Monaco, einem Werk, das für herbe Kritik aus ihrer Familie sorgte. Mehr

15.05.2014, 14:41 Uhr | Feuilleton
Gewalt in Videospielen Gesundes Distanzverhalten

Wissenschaftler der Mainzer Universität zeigen Videospiele vor Publikum, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Ihre Kritiker bezeichnen sie als Populisten. Mehr Von Frederik von Castell, Mainz

21.10.2014, 15:01 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.01.2013, 17:43 Uhr

Sehet, es weihnachtet sehr

Von Peter Lückemeier

Die Weihnachtszeit hat längst begonnen - zumindest für den Handel. Doch was sagt es über den Verbraucher aus, dass er sich nicht an der immer früher beginnenden Weihnachtsstimmung stört? Mehr 1 3