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Schauspiel Frankfurt : Seiltanzvirtuose Tom Ripley

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Zwischen Einfühlung und Soziopathie: Christoph Pütthoff (Tom Ripley) und Marcus Hosch (Double). Bild: Birgit Hupfeld

Der talentierte Bastian Kraft inszeniert Patricia Highsmith am Schauspiel Frankfurt.

          Zu meteorhaften Erleuchtungszuständen reißt Bastian Krafts Bühnenvision des „Talentierten Mr. Ripley“ im Schauspiel Frankfurt zwar nicht hin, gleichwohl bringt die Regie das Geschehen des ersten der fünf Ripley-Romane von Patricia Highsmith flüssig zur Darbietung und ist routinierter, als man es einem so jungen Regisseur und Absolventen des Studiums der Angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Gießen für gewöhnlich zutrauen würde, mag er auch das Münchner Festival „Radikal jung“ gewonnen haben.

          Die handwerklich gekonnte Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin (daher Daniel Hoevels als Werftbesitzerssohn Dickie Greenleaf nebst Vater Herbert Greenleaf und Maren Eggert als Dickies Freundin Marge) erzählt von Tom Ripley, den der amerikanische Werftbesitzer Greenleaf als vermeintlichen Freund und Retter seines talentfreien Künstlerbohemien-Sohnes nach Italien entsendet. Wie ein Chamäleon und Körperfresser schleicht sich Ripley dort in Dickies Leben ein. Als der unter dem Einfluss Freddies (Stefan Schießleder) seiner müde wird und Ripleys Chance auf ein besseres Leben somit schwindet, tötet er Dickie kurzerhand auf offener See und nimmt seine Identität an. Mit Glück und Lesers Sympathie entgeht er allen Nachstellungen und beerbt sein Opfer.

          Emsig wie eine Affenhorde

          Die Inszenierung überzeugt gerade auch durch Christoph Pütthoff, der sich als blasser, ultimativ anpassungsfähiger Titelheld im Prozess der Selbstentdeckung und -befreiung unentwegt Drahtseilakte auf Ben Baurs Bühne abverlangt. Parallel zur Rampe nämlich füllt ein rechteckiger Rahmen die Szene, dessen fußbreiter Unterbalken, in bunten Zirkusfarben zum Leuchten gebracht, zur Chiffre des Equilibrierens zwischen Einfühlung und Soziopathie, Anpassung und Verbrechen, Armut und Aufstieg wird. Beidseits umgeben von Garderobespiegeln, die wie die platonische Uridee des Schminktisches anmuten und so das Spielerische betonen, wenn die Darsteller sich beim Warten aufs Stichwort davor kostümieren, hinterwärts zudem versehen mit einem zweiten Vorhang und einer Sitzreihe, die uns den Spiegel vorhält – dergleichen ausgestaltet fordert Baurs Szenerie Pütthoff ein ständiges Jonglieren mit Konventionen ab.

          Sein Ripley changiert spannungsreich zwischen einem dressierten Papagei auf der Stange, Kletterkünstler und Seiltanzvirtuosen. Zwischen eigenem und angeeignetem Ich, Recht und Verbrechen, Duckmäusertum und Kühnheit stets vom Absturz bedroht, hat nur er den Durchblick durch den Rahmen der Konventionen und ist darin eindreiviertel Stunden lang allen so überlegen wie ein 3D-Wesen in einer zweidimensionalen Welt. Pütthoffs freundlich-mörderischer Schlupfwespen-Ripley ist mehr Virus als Charakter, was seinem blassen Sonnenbrillen-Outfit und seinen Kostümspielen Sinnhaftigkeit verleiht. Dem Material konform ist das Jazzige der musikalischen Bildertrenner (Musik: Björn SC Deigner) und des szenischen Rhythmus, den Regisseur Kraft der Geschichte gibt.

          Maren Eggert eröffnet und beschließt das Spiel in Abendkleid und roter Perücke als Sängerin, glänzt vor allem aber als Marge. Wie Daniel Hoevels JFK-haft den reichen Sohn mit Yachtclub-Flair und Lässigkeit verkörpert, so spiegelt sie im sommerlich weißen Hemdchen mittelmeerisches Bohèmeleben der fünfziger Jahre und tackert als Schriftstellerin emsig wie eine Affenhorde beim Verfassen von Shakespeares Werken auf der Schreibmaschine herum. Ihre zaudernde Art macht glaubhaft, wie sie Ripley durchschaut und ihm doch nicht gewachsen ist. Gespielt wird verknappt realistisch; Schießleder in geckenhaft-bunter Streifenjacke mit Fliege und Freundschaftsritualen gibt Dickies Kumpel, geht aber auch als Italo-Inspektor in Mantel und Hut und argloser „hard-boiled“-Detektiv Ripley auf den Leim.

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