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Aktualisiert: 08.11.2014, 14:29 Uhr

Schau im Architekturmuseum Eine Geschichte von Aufbau und Verlust

Wie wurden die Türme zur Krone der Stadt? Das Architekturmuseum widmet sich dem Hochhausbau in Frankfurt. So zeigt sich, dass die Geschichte des Hochhauses auch eine tragische ist.

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© Institut für Stadtgeschichte Hochhausstadt Frankfurt: Klaus Meier-Udes Foto aus dem Jahr 1985 zeigt den Opernplatz mit Zürich-Haus, SGZ-Hochhaus und Alter Oper.

Es war nur ein Aprilscherz. Am 1. April 1927 druckten die „Frankfurter Nachrichten“ eine Karikatur. Sie zeigt „die Neugestaltung des Opernplatzes“, der, umgeben von Hochhäusern und umtost von Autos, Flugzeugen und Straßenbahnen, fast verschwindet. Damals war Frankfurt noch weit davon entfernt, über sich hinauszuwachsen. In Berlin, Hannover und Köln standen höhere Häuser. Das änderte sich nach dem Krieg rasch. Und die Karikatur wurde zur Prophezeiung.

Rainer Schulze Folgen:

„Himmelstürmend. Hochhausstadt Frankfurt“. So ist die große Ausstellung überschrieben, die das Erdgeschoss des Architekturmuseums füllt. Das Thema liegt auf der Hand. Wie aber nähert man sich einem Gegenstand, den man ständig vor der Nase hat? Der Kurator Philipp Sturm nimmt sich einzelne Projekte und Stadtteile vor und zeigt ihre Genese. Das funktioniert gut, denn jedes einzelne Bauvorhaben steckt voll interessanter Geschichten und weist auch über sich selbst hinaus. Aber dieser Aufbau geht natürlich zu Lasten eines chronologischen Überblicks. Ortsfremde wären vermutlich für einen Zeitstrahl dankbar.

Häuserkampf im Westend

Sturm hat manch Überraschendes zutage gefördert. Er hat mehr als hundert Modelle, zahlreiche Architekturskizzen, detaillierte Pläne und viele Fotos zusammengetragen, darunter auch Kurioses: Auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1990 ist der Architekt Helmut Joos abgebildet, wie er in einer Pose, die lässig wirken soll, aber doch irgendwie verkrampft weltmännisch daherkommt, den Fuß auf das Podest des Campanile stellt. Der Bau neben dem Hauptbahnhof scheiterte einst an der stolzen Hannelore Kraus aus der Nachbarschaft, die auch für acht Millionen Mark nicht ihre Zustimmung zu dem Bauvorhaben geben wollte. Ein anderes Bild zeigt Oberbürgermeister Wolfram Brück, Messe-Chef Horstmar Stauber und Baulöwe Jerry Speyer, die 1988 wiehernd vor Lachen mit dem Modell des Messeturms spielen. Hochhäuser sind auf diesen Bildern die klassischen Symbole für Macht und Geld. Und sie stehen für die Nähe von Hochmut und Fall.

Die Geschichte des Hochhausbaus in Frankfurt ist auch eine tragische Geschichte. Der Häuserkampf des Westends steht stellvertretend für die Zerwürfnisse in der Stadtgesellschaft und für die Ohnmacht gegenüber der Spekulation. Heute hat sich die Stadt mit den Hochhäusern versöhnt. Die Ausstellung führt vor Augen, welche Schmuckstücke die Stadt in ihren engen Grenzen hat. Vom herrlichen Junior-Haus über die filigranen Olivetti-Türme bis zum eleganten EZB-Turm.

Die gewaltige Sprengung des AfE-Turm

Unterdessen konzentriert sich die Schau nicht nur auf das Bestehende, sondern auch auf das Vergangene und auf das Mögliche: Das Spiel „Was wäre, wenn ...“ wird gleich an mehreren Stellen ausgetragen. Was wäre, wenn der Hauptbahnhof mit einem Kongresszentrum überbaut worden wäre? Die Skizzen dieser Dystopie lassen den Betrachter tief aufatmen. Oder was wäre, wenn Ludwig Mies van der Rohe 1968 den Wettbewerb für den Commerzbank-Turm gewonnen hätte? Dann stünde heute das einzige deutsche Hochhaus des genialen Architekten in Frankfurt, und die Neue Mainzer Straße wäre keine Bankenklamm. Mies hatte einen Turm mit einem kleinen Pavillon entworfen. Es ist müßig, dem Verlust hinterherzutrauern. Aber es ist sehr interessant, sich damit zu beschäftigen. Auch Visionen sind zu sehen, von denen wohl noch nicht einmal der Bauherr weiß, ob sie jemals realisiert werden. Der Marienturm etwa und Wohntürme im Europaviertel.

Ein dreiminütiger Videofilm zeigt den Moment, in dem der 1972 erbaute AfE-Turm gesprengt wird. Das hat etwas Monströses, Gewaltiges, dem man sich kaum entziehen kann. Die Geschichte des Hochhausbaus in Frankfurt ist auch eine Geschichte des Verlustes. Die erste Generation der Hochhäuser ist längst vergangen. Darunter sind so unwiederbringliche Exemplare wie das Zürich-Hochhaus am Opernplatz oder das Fernmeldehochhaus an der Hauptwache. Auch daran erinnert die Ausstellung in großformatigen Schwarzweißaufnahmen.

Nach architektonischer Mode

Wie bekam die Stadt ihre Krone? Wie gruppierten sich einzelne Zahnstocher zur Skyline? Die Geschichte des Hochhausbaus ist auch der Versuch, diese Entwicklung zu steuern. Mit Rahmenplänen will die Stadt den Bau der Skyline in geordnete Bahnen lenken. Was hat man nicht alles ausprobiert: Nach dem Krieg wollte man die Türme ringförmig in den Wallanlagen anlegen, dann kam der Fünf-Finger-Plan, schließlich die bis heute erfolgreiche Idee der Pulkbildung.

Allerdings bleibt in der Ausstellung auch einiges auf der Strecke. Es fehlt beispielsweise ein „technisches Kapitel“ zur Ingenieurskunst. Und auch die negativen Auswirkungen des Hochhausbaus werden nur implizit angesprochen, etwa in der spannenden, aber kurzen Abteilung über den Häuserkampf im Westend. Die Umwelteinflüsse, Schatten und Fallwinde und die Wirkung auf das soziale Gefüge bleiben ebenfalls Andeutung.

Der Hochhausbau in Frankfurt ist auch die Geschichte technischer Innovation und architektonischer Moden. Darüber, wie sie sich verändert haben, hätte man gern mehr erfahren. Diese Lücke füllt ein Katalog. Es kommen Fachleute zu Wort, die in die Planung eingebunden waren, etwa die für Stadtplanung und Bauaufsicht zuständigen Frankfurter Amtsleiter. Der Katalog ist nicht zuletzt ein wertvolles Register. Anscheinend lückenlos wird die Geschichte des Hochhausbaus in Frankfurt dokumentiert. Aber auch dort nicht chronologisch, sondern nach Stadtteilen gegliedert.

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