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Schafhalter Armer König auf der Weide

 ·  5500 Schafhalter gibt es noch in Hessen, 150 von ihnen züchten die Tiere hauptberuflich. Wolle und Fleisch werfen nicht viel ab. „Wenn jemand bei null anfängt, ist das ein hartes Brot“, sagt Reinhard Heintz. Dennoch ist er gerne Schäfer.

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Der Mann mit dem Strohhut und dem Schnauzbart steigt über den Weidezaun. Er stellt sich unter den Birnbaum und ruft: „Kooommt!“ Sofort bekommt er meckernd Antwort, aus vielen Kehlen. Sekunden später stehen die Merinoschafe, die zuvor über die Wiese verteilt waren und aussahen wie hingetupft, in einem Halbkreis hinter Reinhard Heintz. Rund 400 Schafe hält er am Rande von Hörnsheim, einem Ortsteil von Hüttenberg bei Gießen.

Ob die Tiere immer aufs Wort hören? „Ja, das müssen sie, denn sie werden regelmäßig von A nach B geführt“, erläutert Heintz - und meint: von einer Weide zur nächsten. Als sich der Halbkreis aufzulösen beginnt, ruft er wieder in die Runde, abermals mit Erfolg. Wie zum Beweis seiner Worte gruppieren sich die Schafe von Neuem hinter ihrem Besitzer, auf den fast alle 400 Augenpaare gerichtet sind.

Mit drei Mutterschafen hat er angefangen

In diesen Tagen steht die Mehrzahl von Heintz’ Tieren in Sichtweite der A45. Hinzu kommen etwa 80 Schafe in einem Nachbarort, manche von ihnen mit Lämmern. Heintz ist einer von etwa 5500 hessischen Schafhaltern, davon 150 im Vollerwerb, die rund 165000 Tiere haben. Und Heintz ist Vorsitzender des hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung. Schafe kennt er seit seinen Kindertagen aus nächster Nähe. Seine Eltern hatten welche und einer seiner Onkel auch. Und als Heintz ein Junge war, vor 40 Jahren ungefähr, waren Schafe ein ganz normaler Anblick auf den hessischen Wiesen, ganz einfach deshalb, weil Landwirtschaft verbreiteter war als heute. „Ich wollte schon immer Schäfer werden“, sagt Heintz. „Das war in den Siebzigern aber als Lehrberuf nicht so gefragt.“ Er verdingte sich zunächst bei der Gemeindeverwaltung und fing nebenbei als Schafhalter ganz klein an.

1979 kaufte sich der Oberhesse bei einem Bekannten in Hüttenberg drei Mutterschafe. 1981 stockte er auf, hatte nun eine kleine Herde schwarzköpfiger Fleischschafe. Ende der achtziger Jahre nahm Heintz, der sich inzwischen zum Schäfer mit Meisterbrief fortgebildet hatte, noch die selten gewordenen Rhönschafe hinzu, ließ sich zum Bundesvorsitzenden der Rhönschafzüchter wählen. Dennoch macht diese Rasse heute nur einen kleinen Teil seines Bestands aus.

Gesunde Wolle ist wichtig

Sind Merinoschafe lukrativer als Rhönschafe und Fleischschafe? „Wir haben es gedacht“, sagt Heintz und schiebt den Strohhut ein Stück in den Nacken. „Die Merinoschafe sind etwas fruchtbarer; und problemloser zu halten.“ Zudem bringt ihre Wolle etwas mehr Geld als die anderer Rassen. Aber auch wenn Merinowolle gerne und oft für Pullover und Cardigans verarbeitet wird: Reichtümer häufen Schafhalter durch den Wollverkauf nicht an. Zuletzt hatte Heintz nach eigenen Angaben etwa 1,50 Euro je Kilogramm Wolle bekommen, derzeit gebe es nur 1,10 Euro, wobei ein Schaf rund drei Kilogramm Wolle im Jahr bringt. Die Erlöse deckten gerade so die Kosten der Schur.

„Die Wolle bringt nichts mehr, aber wir brauchen sie auf dem Schaf“, sagt Heintz trocken. Denn nur Tiere mit gesunder Wolle können auch die kalte Jahreszeit grundsätzlich draußen verbringen. Was er scheren lässt, nehmen ihm Zwischenhändler aus Deutschland ab. Wo genau sie die Rohware verarbeiten lassen, erfährt der Schäfer nicht. Allerdings gilt China längst als großer Aufkäufer. „Wenn dort die Nachfrage in den Keller geht, merken wir das sofort“ - an den Preisen, versteht sich.

Mehr Geburten

Außer den Preisen für Wolle schwanken auch die Erlöse, die Heintz und seine Kollegen mit Fleisch erzielen können. Ein Kilogramm lebendes Lamm bringt den Besitzern zwischen zwei und 2,50 Euro ein, wie er berichtet, wobei ein Lamm 40 bis 45 Kilogramm wiegt. Heintz reicht im Jahr etwa 400 Lämmer an die Zwischenhändler weiter.

Das kann er aber auch nur, indem er seine Mutterschafe zu erhöhter Produktivität anhält. Jedes muss binnen zwei Jahren dreimal gebären, während in früheren Zeiten eine Geburt im Jahr üblich war. Doch einstmals war die Schafzucht auch lohnender. Zwar zahlten auch in den Achtzigern die Händler je Kilogramm Lebendlamm bloß fünf Mark, also umgerechnet gut 2,50 Euro. Diesel kostete aber viel weniger als heute, die Arbeit eines Mechanikers, der den Schlepper repariert, ebenso.

Auch Krankheiten können die Bilanz trüben

Rund 400 Lämmer zu jeweils 90 Euro - das macht einen Erlös von 36.000 Euro. Das hört sich nicht so schlecht an, doch fließt das Geld auch beim Schäfer nicht eins zu eins in die Kasse. Die Tiere müssen geimpft und entwurmt werden, für diese Dienste will der Tierarzt entlohnt werden. Dann muss jedes Tier mit zwei Ohrmarken versehen werden, eine davon trägt einen Chip in sich. Geht eine solche Ohrmarke verloren, muss der Schäfer sie ersetzen. Zu den gesetzlichen Vorgaben zählt auch, die Schafe bei der Wiesbadener Tierseuchenkasse und der Tierkennzeichnungs-Datenbank in Alsfeld anzumelden. „Viel Bürokratie“, stöhnt der Verbandschef. Versicherungen nicht zu vergessen. Und wenn der mit Technik vollgestopfte Traktor streikt, so wie in Tagen bei ihm, sind mitunter einige tausend Euro für die Reparatur fällig.

Auch Krankheiten können die Bilanz trüben. So grassierte zuletzt die Blauzungenkrankheit in Hessen, die eitrigen Nasenausfluss und Schleimhautgeschwüre bei den Tiere verursacht und zu Fehlgeburten führen kann. Zweitens wütete das Schmallenberg-Virus, es traf auch die Herde von Heintz: „Wir waren der erste Betrieb in Hessen, der das vor Weihnachten 2011 gemeldet hat.“ Mehrere Lämmer waren stark missgebildet oder tot geboren worden. 50 Jungtiere hat der Schäfer aufgrund der Krankheit verloren, traurig war das und ein Verlust von etwa 5000 Euro. Vor diesem Hintergrund meint der Schäfer: „Wenn ich an einem Lamm 20 Euro verdienen will, muss ich gut wirtschaften.“

Freundin des Sohnes ist Schäferin

Anders gesagt: Nur mit Schafen käme der Mann nicht weit, der, wenn er mit den Tieren unterwegs ist, eine Cargohose anhat, die von Hosenträgern mit Schafs-Relief auf den Clips gehalten wird, ein Baumwollhemd und Gummistiefel, alles in Grün, so als wolle er auf einer Wiese nicht auffallen. Das Grundeinkommen für die Familie verdient er als Vorarbeiter des kommunalen Bauhofs, seine Frau verkauft auf Wochenmärkten in Mittelhessen selbstgebackenes Bauernbrot und Käse aus Milch der Ziegen, die das Paar auf seinem „Kleebachtaler Hof“ hält. „Das bringt mehr ein als die Schafzucht“, gibt Heintz freimütig zu.

Dennoch hat die Freundin seines Sohns bei ihm eine Ausbildung zur Schäferin gemacht. Und obwohl Schäfer mit ihrer Arbeit nicht reich werden, melden sich öfter junge Leute bei ihm, die Schäfer werden wollen. Wer es wagen will, braucht erstens Fachkenntnisse, wie sie bei einem Sachkundelehrgang des Schäferverbands vermittelt werden, und zweitens Tiere, die gemeinhin bei Züchtern gekauft werden. Drittens ist ein gutes Auge nötig, um zu erkennen, wann sich ein Schaf unwohl fühlt. Müsste der Schäfer jedes Mal den Tierarzt rufen, dann bliebe von den Einnahmen nichts übrig, sagt Heintz. Viertens geht nichts ohne Flächen für Schafe.

Zufrieden mit sich und seiner Arbeit

„Der Schäfer ist ein geduldeter Gast“, gibt Heintz grundsätzlich zu bedenken. Manche Gemeinden etwa im Lahn-Dill-Kreis überlassen den Schäfern Flächen, weil die Schafe die Wiesen vor dem Verbuschen bewahren. „Das ist günstiger, als mit der Motorsense darüberzugehen.“ In anderen Fällen müssen sich Schäfer eben Flächen pachten. Die Kosten dafür unterscheiden sich von Standort zu Standort. In Mittelhessen sind etwa 1,5 Cent je Quadratmeter Ackerland fällig, in der Wetterau kann er drei Cent oder mehr kosten. „Und wenn eine Biogasanlage viel Stoff braucht, dann wird es noch teurer.“ Denn in solchen Fällen machen die Eigentümer ihr Geschäft mit anderen Leuten, und die Biomasse landet nicht in Schafsmägen, sondern in Fermentern zur Energieproduktion. Kein Wunder, dass Heintz, der seinen Beruf liebt, ihn trotzdem kritisch sieht: „Wenn jemand bei null anfängt, ist das ein hartes Brot.“

Doch die Schafzucht ist auch und gerade eine Herzensangelegenheit. „Wer einen gut laufenden Betrieb hat, ist wie ein König“, meint Heintz. „Er ist selbständig in der Natur und abends zufrieden, wenn er die Stalltür zumacht.“ Sagt’s und blickt gelassen auf das Land vor seinem Hof am Rande von Hüttenberg.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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