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Saul Friedländer : „Einer der großen Gelehrten“

Saul Friedländer während einer Podiumsdiskussion zu seinen Ehren Bild: Wresch, Jonas

Saul Friedländer, der wie kaum ein anderer den Holocaust aufgearbeitet hat, blickt zum Achtzigsten auf sein Leben zurück.

          Der junge Historiker Saul Friedländer hat als Doktorand 1960 den früheren Großadmiral Karl Dönitz in dessen Haus in Holstein aufgesucht, um diesen für seine Dissertation über den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Nazideutschland zu befragen. Am Ende des Gesprächs wollte Friedländer von Dönitz, der überzeugter Nationalsozialist und nach dem Tod Hitlers zehn Tage lang Reichspräsident gewesen ist, erfahren, ob er etwas vom Mord an den Juden gewusst habe. Nein, antwortete ihm Dönitz, rein gar nichts. „Herr Großadmiral“, fragte Friedländer nach, „können Sie mir darauf Ihr soldatisches Ehrenwort geben?“ „Ja“, erwiderte Dönitz, „ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hat der einstige Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, der, wie heute feststeht, durchaus über die Judenvernichtung nicht uninformiert war, einfach nur gelogen? Oder hat er sich schlicht eingeredet, nichts gewusst zu haben, und dies schließlich für die Wahrheit gehalten? Saul Friedländer, der die Anekdote gestern im Kammerspiel des Schauspielhauses erzählt hat, wagt bis heute nicht zu entscheiden, welche Version zutrifft. Während der 80 Jahre seines Lebens hat der in Prag geborene jüdische Historiker zu viel Seltsames erlebt, um an nächstliegende Antworten zu glauben.

          In Internat in Frankreich versteckt

          Eine dieser Seltsamkeiten bestand darin, dass der als Sohn jüdischer Eltern geborene Friedländer einmal Antisemit gewesen ist. Vielleicht ist diese Bezeichnung, die Friedländer gestern verwendet hat, übertrieben. Aber zumindest war er, der damals in einem Internat in Frankreich versteckt war, als katholisch-gläubiger Jugendlicher von der Schuld der Juden an Jesu Tod überzeugt. Er, der Judenjunge, als Christ im Internat: Diese Episode seines Lebens ist ihm erst Jahre später wieder in Erinnerung gekommen, als er an seinem Buch über Papst Pius XII. arbeitete und ein bezeichnendes Dokument fand: eine Einladung des Papstes vom Dezember 1941 an die Oper in Berlin, im Vatikan Richard Wagners „Parsifal“ aufzuführen. In diesem Moment, so erzählte er im Kammerspiel, sei die Internats-Vergangenheit wieder da gewesen.

          Dieser Fund im Archiv ist ein seltsamer, aber doch folgerichtiger Zufall gewesen. Und ebenso seltsam und folgerichtig war die Wahl des Frankfurter Kammerspiels als Ort einer verspäteten Feier zum 80. Geburtstag dieses Historikers, der zwischen 1990 und 2006 mit seinen beiden Bänden „Das dritte Reich und die Juden“ eines der besten und eindringlichsten Werk über den Holocaust geschrieben hat. In diesem Theatersaal hatte sich nämlich 1985 mit der Besetzung der Bühne durch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im sogenannten Fassbinderstreit ein Paradigmenwechsel vollzogen. Juden protestierten zum ersten Mal laut gegen Antisemitismus und die Verletzung der Gefühle von Holocaust-Überlebenden.

          Auseinandersetzung mit Broszat

          Solche Überlebende könnten keine guten Historiker sein, weil sie mystische Erinnerungen an die Judenverfolgung hätten und die historischen Vorgänge nicht rational beurteilen könnten, hatte just zu jener Zeit Martin Broszat behauptet. Friedländer hat damals scharf zurückgefragt, ob Historiker wie Broszat, die einst bei der Hitler-Jugend gewesen seien, sich besser erinnern könnten. Diese Auseinandersetzung mit dem deutschen Zeitgeschichtler hat Friedländer zu den Arbeiten an seinem monumentalen Werk veranlasst, in dem er nicht nur die amtlichen, sprich: zumeist nationalsozialistischen Quellen, sondern auch die Berichte und Erinnerungen der Opfer zu Rate zog und daraus ein große Erzählung des NS-Menschheitsverbrechens geschaffen hat.

          Längst gilt Friedländer, als, wie Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) sagte, einer der großen Gelehrten des 20. und 21. Jahrhunderts. Diesem uneitlen und vornehmen Historiker haben gestern auch mit Norbert Frei, Dan Diner und Raphael Gross drei Kollegen der jüngeren Generation ihre Referenz erwiesen. Sie tragen die Fackel weiter, die Friedländer entzündet hat.

          Quelle: F.A.Z.

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