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Samuel Koch in Eschborn : Vom Nutzen der zweifelhaften Popularität

Unverblümt: Samuel Kochs während seines Auftritts in Eschborn. Bild: Michael Kretzer

Der in der Fernsehsendung „Wetten, dass..?“ schwerverletzte Samuel Koch tritt in Eschborn als Prediger auf. Mit Humor kontert er auch die plattesten Fragen.

          Die Antwort auf die Frage, wie denn sein Leben heute aussehe, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ihr müsst euch gar nichts vorstellen.“ Samuel Koch, seit seinem Sturz als Kandidat in der Sendung „Wetten, dass..?“ querschnittsgelähmt, ist von der Eschborner Andreasgemeinde ins Bürgerzentrum Niederhöchstadt eingeladen worden und soll nun als Prediger im Gottesdienst „Go special“ über das Thema „Plötzlich ist alles anders“ sprechen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Der junge Mann, noch vor vier Jahren Schauspielschüler, Turner, Stuntman und Modellathlet, der seit seinem sechsten Lebensjahr immer wieder Saltos schlug und ausgerechnet vor Millionen-Publikum so unglücklich stürzte, drängt sich offenbar nicht ins Rampenlicht. „Oje, machen Sie lieber wieder dunkel“, bittet er, als die Regie den Saal kurz erhellte, um dem Gast einen Blick auf die rund 400 Zuhörer zu gönnen. Aber der 27Jahre alte Schauspieler, seit kurzem Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, ist ein gut erzogener Mann, einer der als Kind während einer Autofahrt vier Stunden lang Tritte seiner kleinen Schwester ins Rückenpolster ertrug und nun ebenso manche allzu stereotype Frage geistreich und mit Humor kontert.

          Worauf er heute warten muss

          Die Zeit spiele heute für ihn eine große Rolle. Früher habe er zehn Minuten im Bad gebraucht, heute seien es zwei Stunden. Pflegepersonal sei schwierig zu bekommen. Die Menschen scheuten die Verantwortung, weil, sollte etwas passieren, es wegen seiner Popularität ja gleich in der Zeitung stehe, sagt Koch. Auch sei seine gemeinsam mit dem Bruder unternommene Afrika-Reise entspannter gewesen, als in Europa herumzufliegen, weil er dort einfach von den Menschen herumgetragen worden sei. In Deutschland funktioniere das nicht: Gegen eine schnelle Hilfe sprächen versicherungsrechtliche Gründe. Er müsse immer auf eigens ausgebildete Sanitäter warten.

          Und warum ausgerechnet mit Spezialsprungstiefeln über Autos springen? Er habe bei „Wetten, dass..?“ mitgemacht, weil es „vernünftig“ gewesen sei, von der Gage die Miete gezahlt werden sollte und er an einer Aftershow mit der amerikanischen Schauspielerin Cameron Diaz hätte teilnehmen können. „Ich habe da nicht auf mein Bauchgefühl gehört“, sagt Koch.

          Versteckte Verzweifelung

          Ob er früher Masken getragen habe, die er nach dem Unfall abgelegt habe? Über die Frage aus dem Publikum denkt er lange nach, lässt sich ein Glas Wasser reichen und nippt am lilafarbenen Strohhalm. Masken habe er früher nie getragen, eher eine rosarote Brille, die unterdessen verschwunden sei. Wenn überhaupt, dann zeige er heute den Freunden ab und an eine fröhliche Maske. Er habe die vielen weinenden Freunde an seinem Krankenbett nicht ertragen und deshalb stets versucht, eine optimistische Haltung einzunehmen, sagt er und fügt hinzu: „Lachen macht einfach mehr Spaß als Weinen.“

          Wie verzweifelt der Mann mit der sanften, ein wenig stockenden Stimme manchmal sein mag, lässt sich hinter manch forsch formulierten Sätzen erkennen: Ab und zu brauche er seine stillen Zeiten, setze sich dann mit „dem Erfinder des Rückenmarks“ in Verbindung, so wie man ja einen defekten CD-Spieler auch zum Elektromarkt bringe, um sich zu beschweren. Aus seinen verständlichen Tiefs kommt der vom Schicksal Getroffene immer wieder durch seine Familie, Freunde und Mutters Königspastete an Weihnachten. Oder auch durch einen Fall wie die junge querschnittgelähmte Iranerin, die nach seiner Intervention einen Therapieplatz in Deutschland bekam. Wenn so etwas funktioniere, sagt Koch, dann trage ihn das die ganze restliche Woche, in solchen Momenten sei diese ganze zweifelhafte Popularität doch zu etwas nutze.

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