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„Salome“ : Kriecherische Höflingsschar

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Singt das Haupt das Jochanaan an: Susanne Serfling als Salome in der Darmstädter Inszenierung der Strauss-Oper. Bild: Barbara Aumüller

Köpfen im Zeichen der Liebe: John Dew inszeniert „Salome“ von Richard Strauss am Staatstheater Darmstadt.

          Oscar Wildes Drama „Salome“ ist ein phantastischer Traum über die Macht und das Geheimnis der Liebe. Das Stück lässt viele Deutungen zu, aber nur wenige Gewissheiten. Zu diesen zählt, dass Salome zu Beginn wie eine ungeöffnete Blüte ihr ganzes Leben vor sich hat, dessen Spanne binnen einer Stunde rücksichtslos durchmisst und am Ende vernichtet wird. Bei der Berliner Produktion von Max Reinhardt im Jahr 1902 begeisterte sich Richard Strauss bereits während der Aufführung für die Potentiale einer Musiktheaterfassung und stellte mit seiner durch die Musik expressionistisch aufgeladenen und psychologisch weiter vertieften Bearbeitung das Original tatsächlich bald in den Schatten.

          Anlässlich einer Neuinszenierung der Oper am Staatstheater Darmstadt hat Hausherr John Dew gemeinsam mit seinen bewährten Partnern Heinz Balthes (Bühne) und José-Manuel Vázquez (Kostüme) ein suggestives Ambiente geschaffen, in dem sich ohne historische Festlegung Modernität mit sinnlichen Elementen des Jugendstils verbindet. Dabei werden für die disparaten Situationen jeweils eigenständige Bilder geschaffen, ohne dass der Handlungsfluss durch aufwendige Umbauten ins Stocken käme. Auf dieses solide Fundament setzt Regisseur Dew bei der Zeichnung einzelner Personen und Gruppen interessante Akzente. Die von Strauss als Karikatur gezeichneten Juden transformiert er zu einer kriecherischen Höflingsschar, die Herodes opportunistisch zu gefallen sucht, schließlich sogar an Stelle der Wachen zur Ermordung Salomes schreitet. Die Konfessionsferne der Aussage nimmt der Situation geschickt ihre notorische Peinlichkeit.

          Konzentriert musiziert

          Stéphanie Müther gibt die Herodias als dominante, allen überlegene Königin. Scott MacAllister spielt ihren Gatten Herodes als fetten Jammerlappen, welcher Schwäche durch Grausamkeit überspielt. Mark Adler singt den in Salome verliebten Hauptmann Narraboth mit lyrischer Emphase, bleibt aber wie meist bloßes Werkzeug der den Jochanaan begehrenden Prinzessin.

          An der Rolle dieses Propheten hat sich die Phantasie des Regisseurs nicht entzündet: Kay Stiefermann spielt ihn jesuslockig mit erwartungskonformer Aura. Einige der verwirrend schillernden Facetten Salomes vermittelt Susanne Serfling überzeugend, findet aber zu den Extremen der Rolle keinen Zugang. Die Sopranistin ist niemals suchendes Mädchen, sondern von Anbeginn verführende Frau. Sie hat ihre grandiosen Momente während des Schleiertanzes, zeigt hingegen für den wahnhaften Monolog mit Jochanaans abgeschlagenem Kopf kein spezifisches Timbre.

          Ähnlich verhält es sich mit dem Staatsorchester Darmstadt: Unter der Leitung von Martin Lukas Meister wird konzentriert musiziert, authentisch in Standardsituationen, doch ohne rechte Begabung für Mondlichtklänge und seelische Ausnahmezustände. Der Liebeswahn muss sich seinen Weg in die Klänge und die Herzen erst noch bahnen.

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