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Saatgutstelle Hessen : Genetisches Gedächtnis der hessischen Wälder

Fruchtbar: Nach der Ernte müssen die Zapfen der Douglasien trocken, bevor sie zum Aufforsten genutzt werden können. Bild: Helmut Fricke

In der Staatsdarre in Hanau lagern Samen von allen heimischen Baumarten. Sie werden nach strengen Kriterien ausgewählt.

          Lothar Volk hat es auf die besten Gene abgesehen. Danach sucht er in hessischen Wäldern. Volk ist beim Forstamt in Hanau-Wolfgang Spezialist für Baumsamen. Die Samen werden fürs Aufforsten im Staatswald und in den Wäldern der Gemeinden benötigt, wie Volk erläutert. Aufbereitet und gelagert werden Keime aus dem ganzen Bundesland in der Staatsdarre in Hanau. Gewonnen wird das Saatgut aus den Früchten der Bäume, etwa den Zapfen von Tannen und Kiefern, aus Eicheln und Bucheckern.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit sich der Wald gut entwickelt, versucht Volk, nur Samen mit den besten Genen zu verwenden. Wo diese zu finden sind, sieht der Forstmann den Bäumen an: Stabil und gesund müssen sie sein, mit gerade gewachsenem Stamm. Denn aus den Zapfen oder Eicheln solcher Bäume sprießen Jungpflanzen, von denen ein ebenso guter Wuchs zu erwarten ist. Es lohnt sich, dabei wählerisch zu sein. Denn bei Bäumen ist die genetische Vielfalt größer als bei Ackerfrüchten.

          Sammeln der unreifen Zapfen

          Nach den Fundstellen für die wertvollsten Gene muss Volk nicht ganz allein suchen. In Hessen gibt es Waldstücke, die für Bäume von bester Qualität bekannt sind. Diese sind für das Sammeln von Saatgut zugelassen, eingestuft von der Forstlichen Versuchsanstalt, die für Hessen und drei nördlichere Bundesländer zuständig ist. Doch auch bei guten Bäumen ist Vorsicht geboten. Vor der Samenernte muss der Forstmann in der Umgebung Ausschau halten. Wenn in der Nähe Gehölze mit schlechtem Wuchs stehen, darf nicht geerntet werden. Denn die Pollen werden vom Wind verbreitet, schlechte Gene könnten sich unter die guten gemischt haben.

          Unter dem hölzernen Dach des Schuppens in der Staatsdarre reift die Ernte der vergangenen Wochen. In Boxen liegen Zapfen von Douglasien. Manche schimmern noch grün, sie sind erst vor wenigen Tagen gepflückt worden. Dafür setzt das Forstamt professionelle Baumpfleger ein, die auf die Bäume klettern, wie Volk sagt. Die Zapfen müssen unreif abgenommen werden. Andernfalls öffnen sie sich, und die Samenkörner fliegen davon. In anderen Behältern ist die Ausbeute schon braun geworden. 15 Tonnen wurden gesammelt, in verschiedenen Gebieten in Hessen, nahe Königstein und Wetzlar, am Edersee und bei Reinhardshagen. Nur eine Handbreit hoch liegen die Zapfen auf den Holzböden. Immer wieder werden sie mit einer Schaufel gewendet, damit kein Schimmel wächst. Rund 100 Tage muss die Ernte so nach Volks Worten trocknen und reifen.

          Bei minus zehn Grad gelagert

          Danach kommen Maschinen zum Einsatz, um die feinen Samenkörner von ihrem Träger, den Zapfen, zu lösen. Zuerst werden die Früchte der Nadelbäume in einem Ofen mit 40 Grad warmer Luft so stark getrocknet, dass sie weniger als zehn Prozent Wasser enthalten. Eine rotierende Trommel mit dünnen Schlitzen holt die Körner aus den Zapfen, die danach immer noch als Brennmaterial zum Heizen taugen. In einem Betonmischer, gefüllt mit Tennisbällen, werden die feinen Flügelchen abgerieben, mit deren Hilfe die Samen in der Natur im Wind treiben. Ein Luftstrom schließlich trennt die schwereren Keime von leeren Körnern.

          Als die Darre in Hanau im Jahr 1826 gegründet wurde, konnten nur die Früchte von Nadelbäumen verarbeitet werden. Damals trocknete man sie in Behältern über offenem Feuer. Vor 20 Jahren errichtete das Forstamt einen Neubau, in dem auch Keimlinge von Laubbäumen aufbereitet werden. So lagern in Hanau-Wolfgang Samen aller Baumarten, die in Hessen wachsen: Fichten, Kiefern, Lärchen, Tannen, Eichen, Buchen, Birken und Ahornen, dazu noch von selten kultivierten Gehölzen wie Speierling, Elsbeere, Eibe, Wildapfel und Wildbirne. Es handelt sich um ein genetisches Gedächtnis der hessischen Wälder. Die Keime lagern in Glasballons bei minus zehn Grad. Der Kälteschlaf macht sie länger haltbar, denn auch Samen haben einen Stoffwechsel, der durch Kühlung verlangsamt wird. Einen Teil dieser Samen verwendet Hessen-Forst in eigenen Baumschulen. Der Rest wird nach den Worten des Forstmanns an kommerzielle Baumschulen geliefert. Später kaufen die Forstämter die jungen Bäumchen dort ein, wenn sie aufforsten wollen.

          Dabei muss aber auf die Herkunft geachtet werden. Denn alle Bäume sind an Boden und Klima ihres Standorts angepasst. Diese Bedingungen sind etwa im kühlen und feuchten Harz anders als in der warmen und trockenen Rhein-Main-Ebene mit ihren Sandböden. Daher gedeihen Gehölze aus südhessischen Samen nicht gut in Nordhessen, wie Volk erläutert. Die Zöglinge kehren deshalb immer wieder in ihre Heimatgegend zurück.

          Quelle: F.A.Z.

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