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Rundfunk und Jazz Nur ein Viertelstündchen und nicht allzu heftig

01.10.2003 ·  Aber täglich neue Nachfrage: Der Rundfunk als Entwicklungshelfer für den Jazz, das unbekannte Wesen, in Deutschland nach 1945.

Von Guenter Hottmann
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Aber täglich neue Nachfrage: Der Rundfunk als Entwicklungshelfer für den Jazz, das unbekannte Wesen, in Deutschland nach 1945

"Wie höre ich Jazz?" Diese profane Frage gab einer Sendung am 29. September 1948 in der Reihe "Der Jazzclub von Radio Frankfurt" ihren Namen. "Man könnte doch dem Jazzgegner oder auch Neugierigen das Wieso und Warum erklären, daß Jazz auch Musik ist, nur ein wenig anders als jene, die sie gewohnt sind, und daß der Jazz auch ein wenig anders gehört sein will", verkündet Olaf Hudtwalcker da zuwendungsvoll und etwas bemüht - aus heutiger Sicht zumindest. Und dann macht Hudtwalcker, der "Mann der ersten Stunde" in Sachen Jazz bei Radio Frankfurt (so hieß der Hessische Rundfunk bis Anfang der fünfziger Jahre), den keineswegs ungeschickten Versuch, den geneigten Zuhörer in die besonderen Geheimnisse von Swing, Phrasierung und Tonbildung im Jazz einzuweihen. Die Mischung aus messianischem Aufklärungseifer und gleichzeitigem Buhlen um Anerkennung musikalischer Vollwertigkeit der hier zelebrierten neuen Klänge ist symptomatisch für Intention und Intonation der Jazzsendungen dieser Zeit im Nachkriegsdeutschland. Dabei hatte man eines reichlich: ein interessiertes Publikum.

Heute, im Zeitalter der sich auf der Jagd nach Quote gegenseitig an vulgärem Banalismus überbietenden Fernsehprogramme, ist es kaum noch vorstellbar, was für ein Echo das Radio damals besaß. Allwöchentlich saßen die Jazzfreunde seit 1946 massenhaft montags von 23.15 Uhr an für eine Dreiviertelstunde vor den Geräten, um eine Art Jazz-Rundschau zu empfangen - und das nicht nur in Hessen. Der NWDR Köln war oft zugeschaltet. Dabei wechselte sich Hudtwalckers Jazzclub wöchentlich mit dem Swing-Cocktail ab, der "immer wieder gern gehörte Jazz-Evergreens in einer Jump-Session bringt", wie es in einer der damaligen Ankündigungen heißt. Hörerreaktionen aus dieser Zeit belegen, daß der Jazz nicht völlig frei war von Ressentiments mancher Rundfunk-Konsumenten, deren ästhetisches Empfinden ob solch neuartiger "Urwaldklänge" leicht angekratzt war. Doch der Jazz - unter den Nationalsozialisten als "entartete Musik" verfemt, verboten und verfolgt - genoß nunmehr das Interesse der Jugend und war auch bei Programmverantwortlichen ein gefragtes Gut. Die waren mehr denn je auf der Suche nach "entnazifizierten" Programminhalten. Diesbezügliche Unbedenklichkeit war eines der wenigen Charaktermerkmale, das der Jazz unumstritten, gewissermaßen dreihundertprozentig erfüllte. Das machte ihn auch für "jazzferne" Entscheidungsträger attraktiv. Heute, ein halbes Jahrhundert später, muß sich der Jazz immer wieder schon mal die Frage gefallen lassen, ob er denn als Angelegenheit von speziellem Interesse überhaupt noch "programmkompatibel" ist. Insofern waren die Jahre nach dem Krieg goldene Zeiten für den Jazz auch im Äther.

Eine deutliche Scheidung zwischen Jazz und moderner Tanzmusik existierte kaum. Der Pianist Hans-Otto Jung, zusammen mit Emil Mangelsdorff und Carlo Bohländer Mitglied des Hot Club Frankfurt und damit einer derjenigen, die schon im Untergrund des Nazi-Deutschland Jazz spielten, wurde 1946 von Radio Frankfurt aufgefordert, jeden Mittwochmittag fünfzehn Minuten live aufzutreten. "Nur ein Viertelstündchen" hieß diese Veranstaltung, bei der Jung den Steinway-Flügel im Studio mit Jazz-Phrasierungen fütterte, "nicht allzu heftig", so bekennt er heute verschmitzt, denn er wollte "die Mittagsruhe der Frankfurter nicht zu sehr stören". Doch das Beispiel zeigt, daß Jazz nicht in das Ghetto des späten Abends verbannt war und die Musik in den Pioniertagen oft im Studio live gespielt wurde.

Vieles hatte man bei Radio Frankfurt schnell vom "großen Bruder", dem amerikanischen Soldatensender AFN, gelernt. Die Jazzsendungen im AFN waren so etwas wie Impulsgeber. Es gibt kaum Zeitgenossen, die sich nicht an "Blues For Monday" erinnern können, eine von Günter Boas gestaltete Sendung, die im AFN Frankfurt montags von 22.45 bis 24 Uhr Blues von Bix Beiderbecke über Bessie Smith bis Duke Ellington brachte. Noch mehr in Erinnerung ist Ken Dunigan, der "Baron of Bounce", der dienstags um die gleiche Zeit in Hot House mit dem Bebop von Charlie Parker und Dizzy Gillespie den neusten und verrücktesten Trend im Jazz präsentierte. Die Joe Klimm Combo, in der Albert Mangelsdorff Anfang der fünfziger Jahre modernsten Jazz spielte, war jeden Freitag im AFN Frankfurt zu hören. Mit "Aufwiederbop", einer jazzgerechten Neubearbeitung des Schlagers "Auf Wiedersehn Sweetheart", kreierte Klimm 1952 den neuesten AFN-Rekord-Hit. Er wurde "in einer Woche nicht weniger als neun Mal gesendet", und es gab "täglich neue Nachfrage", berichtet das Magazin Jazz Podium im Oktober 1952. Soviel zur Popularität von Jazz im Rundfunk. Das Radio fungierte ganz wesentlich als Entwicklungshelfer für dieses in Deutschland aufblühende Genre.

Unmittelbar nach dem ersten Deutschen Jazzfestival Frankfurt führte der Hessische Rundfunk im Juni 1953 "Das wöchentliche Jazz-Konzert" ein. "Wie der Name schon sagt, sollen in diesem Stunden-Programm, welches den Wünschen zahlreicher jüngerer Hörer entgegenkommt (...), ausschließlich Aufnahmen deutscher und ausländischer Jazz-Konzerte gesendet werden", hieß es damals in einer Pressemitteilung. In den ersten Sendungen dieser Reihe waren die Mitschnitte der ersten Ausgabe dieses weltweit ältesten Jazzfestivals zu hören, das in diesem Jahr fünfzigsten Geburtstag feiert. Durchaus mit Stolz in der Stimme zählt Moderator Olaf Hudtwalcker zu Beginn des Festivals die zahlreich angeschlossenen Funkhäuser in Deutschland auf, auch der AFN ist darunter. Daß die Festival-Mitschnitte von anderen Rundfunkstationen übernommen wurden, erhöhte die Bedeutung des Festivals enorm und half in den fünfziger Jahren den Ruf Frankfurts als "Jazzhauptstadt der Republik" zu festigen.

Wirklich eine Katalysator-Funktion für den Jazz in Frankfurt übernahm der Hessische Rundfunk indes auch durch eine andere Patenschaft: Als am 23. Mai 1958 Eberhard Beckmann, der damalige Intendant des Frankfurter Funkhauses, auf dem 6. Deutschen Jazzfestival Frankfurt die German Allstars unter Albert Mangelsdorff als künftiges Jazzensemble des Hessischen Rundfunks proklamierte, konnten weder die Musiker noch die Verantwortlichen des Senders nur im geringsten ahnen, welche auf Jahrzehnte hinaus folgenreiche Entwicklung sich aus dieser Geburt qua Akklamation ableiten würde. Denn das hr Jazzensemble besteht noch heute - mit den Gebrüdern Mangelsdorff, mit Joki Freund, Heinz Sauer, Günter Lenz und Ralf Hübner. Es hat in der Stille des Studios von Umbesetzungen unbeeindruckt und vom Lauf der Zeit nie überholt, mittlerweile eine ganze Enzyklopädie "komprovisierter Musik" geschaffen.

Dieses einzigartige Schattengewächs in der Jazz-Fauna konnte von Anfang an frei von kommerziellen Aufgaben und allen Zwängen des Marktes spielen und experimentieren. Dafür bekam der Ermöglicher, der hr, eine ausgefallene und einzigartige Klangwelt - einzigartig in der ganzen ARD-Landschaft, mit einer individuellen Färbung seiner Jazzsendungen. Die originelle Atmosphäre, eine opulente Melancholie mit grüblerisch zornigen Reflexen, die die komplizierten Studio-Blüten des hr Jazzensemble noch heute prägen, war schon früh ausgebildet. Das Ensemble fungierte schon bald als Rückgrat des Frankfurter Jazz-Geschehens. "Das Jazzensemble hat damals das musikalisch ermöglicht, was woanders nicht ging", meint Albert Mangelsdorff: "Viele Bands, die ich gegründet habe, hatten hier ihren Ursprung." Wenn nicht seinen Ursprung, so doch die entscheidende Bekräftigung erhielt hier auch der sogenannte Frankfurt Style - ein spezieller Sound, der aus der Metropole hinaus in die junge Republik strahlte.

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