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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Ruhlsee Künstliche Mondlandschaft für seltene Vögel

 ·  Der lange vernachlässigte Ruhlsee bei Langenselbold ist mit viel Aufwand renaturiert worden. Das hat sich gelohnt: Die Artenvielfalt in dem Areal nimmt zu.

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Wie eine Schiffsflotte gleiten 47 Graugänse von Ost nach West langsam über den ruhigen See, eine vorneweg, die anderen paarweise, immer den gleichen Abstand einhaltend, dahinter. Nur dort, wo sie sich befinden, glitzert die sonst glatte, dunkelgraublaue Wasseroberfläche silbern in der Oktobersonne. Dann macht die Armada kehrt, treibt, ohne dass die einzelnen Tiere irgendeine Bewegung erkennen lassen, am Nordufer vorbei, wo gerade eine dutzendköpfige Menschengruppe darüber debattiert, wer der ärgere Feind eines solchen Naturparadieses sei. Hund oder Katze? Wieder in der Seemitte angekommen, schießen plötzlich die vorderen Gänse, laut „ga-ga-ga“ plärrend, aus dem Wasser empor, als wären sie auf der Flucht. Die anderen fliegen nach und nach alle hinterher über eine Buschgruppe in Ufernähe hinweg und in einem Halbbogen auf Langenselbold zu. Doch schon nach 200, 300Metern setzen sie zum Gleitflug an, landen auf der grünen Wiese, wo sie nach dem Stellungswechsel ein Sonnenbad auf dem Grünen nehmen und einige zu äsen beginnen.

Schauspiele dieser Art kann der Besucher des Ruhlsees bei Langenselbold in diesen Tagen häufiger beobachten. Die gefiederten Gäste aus dem Norden und Nordosten gönnen sich dort ein paar Tage Erholung auf ihrem strapaziösen Flug gen Süden, sammeln neue Kräfte, frischen ihre Fettreserven auf. Auf einer Sandbank und am Südufer des Ruhlsees lassen sich Kormorane, Graureiher, Stockenten und allerlei kleinere Wiesen- und braune Watvögel mit langen Schnäbeln von dem Gänsespektakel nicht aus der Ruhe bringen. Einige haben den Kopf ins Gefieder gesteckt, scheinen ein Nickerchen zu machen, einige Nilgänse flattern mal kurz auf, heben sich für einen Augenblick einen Meter hoch und landen sofort wieder. Hin und wieder stößt ein Vogel ins Wasser und geht auf Fischjagd.

Freizeitgewässer für Surfer und Camper

Der Ruhlsee ist wie der benachbarte Kinzigsee in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch das Ausbaggern von Kies und Sand für den Bau der Autobahnen 45 und 66 und für Aufschüttungen am Langenselbolder Industriegebiet entstanden. Während der Kinzigsee zu einem Strandbad und Freizeitgewässer für Surfer und Camper ausgebaut wurde, wurde der Ruhlsee mit den umliegenden Feuchtwiesen bis zur Kinzig hin und mit einem allerdings durch eine Landesstraße zerschnittenen Auenwald unter Naturschutz gestellt. Jahrzehntelang war dann die Kinzigaue von Langenselbold mit dem 17 Hektar großen, 1,5Kilometer langen und bis zu 300 Meter breiten Ruhlsee eines der seltsamsten Naturschutz- und FFH-Gebiete (Fauna-Flora-Habitat) im Land. Eine nennenswerte Artenvielfalt gab es dort nämlich nicht.

Zwar gehörte das Gewässer schon bald zu den wichtigen Rastplätzen für den Vogelflug, aber als Brutgebiet war der Ruhlsee bedeutungslos. Pläne für ein Renaturierung waren schon anderthalb Jahrzehnte alt, als endlich zum Hessentag 2009 in Langenselbold in dem Naturschutzgebiet etwas geschah. Bis dahin gehörte die Szenerie Hundebesitzern, die ihre Haustiere am See frei laufen und die Vögel verscheuchen ließen.

Wer heute auf dem neuen Lehrpfad mit Beobachtungsständen für Vogelfreunde am Ost- und Nordufer am Ruhlsee vorbeiwandert, stellt fest, dass sich vieles verändert hat. Rund zwei Millionen Euro wurden investiert. Ein tiefer, zum Teil schon stark bewachsener Wassergraben trennt den See von dem Graspfad am Ost- und Nordufer. Er ist eine natürliche, sich in ein Subbiotop verwandelnde Sperre für Hunde geworden. Eine riesige Vogelschar beherrscht jetzt das Bild. „Die Mondkraterlandschaft entwickelt sich prächtig. In die Natur kommt Dynamik“, stellt die Biologin Sabine Hufmann von der Gesellschaft für Naturschutz und Auenentwicklung (GNA) fest, die in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Langenselbold für das Renaturierungsprojekt verantwortlich zeichnet.

Neue Fischarten beobachtet

Die große Masse der Vögel hält sich an der Südseite des Ruhlsees in gebührendem Abstand zu dem Rundweg auf. Neben der Sandbank sind durch große Erdbewegungen Uferflachzonen und neue Feuchtwiesen für Amphibien, Bodenbrüter und Watvögel entstanden. Schilfröhricht und andere Pflanzenarten breiten sich aus, bieten zahlreichen Vogelarten Schutz und Nistplätze. Die Wasserqualität hat sich verbessert, neue Fischarten und Wasserorganismen sind über den Wasserzufluss von der Kinzig zum See gelangt, dessen wachsender Fischreichtum nicht nur dem Hecht, sondern auch vielen Wasservögeln zugutekommt. Von der nahen Kinzig zieht es Biber manchmal nachts oder in der Dämmerung herüber. Die haben sich vor einigen Jahren dort am Rand des Naturschutzgebietes in dem Fluss niedergelassen.

Susanne Hufmann schwärmt davon, wie schnell sich die Biotope am Ruhlsee bilden und die Artenvielfalt zunimmt. Sogar der Fischadler war schon zu Gast, seltene Brandgänse, Kanadagänse, Grün- und Rotschenkel lassen sich beobachten. Kiebitz, Flussregenpfeifer, Bekassine, Alpenstrandläufer und andere brüten am Ruhlsee. Bild- und Texttafeln an dem zum Abschluss des Renaturierungsprojekts vor kurzem von der GNA eingerichteten Lehrpfad informieren die Besucher über das sich langsam entwickelnde Naturparadies am Ruhlsee und mahnen, Rücksicht auf die Kreatur zu nehmen. Der Appell richtet sich auch an die Hundebesitzer. Die Aufklärung, auch bei Führungen durch die GNA und die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), scheint zu fruchten, wenngleich noch nicht bei allen Hundebesitzern.

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