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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rüsselsheim Theater zwischen Luxus und Standortfaktor

 ·  Rüsselsheim muss in den nächsten Jahren sparen. Auch über die Schließung des Stadttheaters wird diskutiert. Die Gegner dieser Pläne haben 13.000 Unterschriften gesammelt.

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Die markante Architektur des Rüsselsheimer Stadttheaters ist ein Statement: Von weitem ist das silberfarbene Dach in Form einer großen Ellipse gut zu sehen. Es prägt das Stadtbild und zeugt davon, dass Rüsselsheim mehr sein will, als nur die Heimatstadt des Autobauers Opel. Doch die Zukunft des Theaters ist mehr als ungewiss.

Eine Zahl sorgt für Unruhe: Eine halbe Milliarde Euro an Schulden könnte die Stadt bis 2016 anhäufen, warnte Oberbürgermeister und Kämmerer Patrick Burghardt (CDU) Ende Oktober. Rüsselsheim müsse nun endlich grundlegend sparen. Auch über die Zukunft des Theaters, der städtischen Musikschule und der Volkshochschule müsse gesprochen werden. Seitdem ist in der Stadt eine Diskussion um die Frage entbrannt, was kann und was soll sich Rüsselsheim noch leisten. Mit der Teilnahme am kommunalen Schutzschirm des Landes ist der Druck noch gestiegen. Bis 2020 müssen Magistrat und Stadtparlament den Etatausgleich erreichen, wenn das Land rund 129 Millionen Euro an städtischen Schulden übernehmen soll. Für dieses Jahr rechnet das Rathaus noch mit einem Defizit von rund 38 Millionen Euro.

Kultureller Kahlschlag befürchtet

Die Gegner einer Theaterschließung formieren sich. Einer von ihnen ist Jürgen König. Der 55 Jahre alte Bühnenhandwerker arbeitet seit 20 Jahren im Theater. Der Personalrat ist Mitglied der Gewerkschaft Verdi und hat mit Kollegen 13.000 Unterschriften für den Erhalt des Theaters und der Musikschule gesammelt. „Über die große Zahl der Unterstützer bin ich überrascht. Aber es zeigt, dass die Bürger empört sind“, sagt König. Einen offiziellen Plan des Rathauses für eine Schließung oder gar einen Beschluss des Stadtparlaments gibt es freilich nicht. König spricht von „geheimen Plänen“, die schon in der Schublade des Magistrats lägen. Viele Künstler, die dort aufträten, seien schockiert, wenn sie von der möglichen Schließung hörten, berichtet König. Das Theater helfe auch bei der Integration der vielen Migranten, die in der Stadt lebten, sagt Peter Belchaus. „Kultur verbindet.“ Der 48 Jahre alte Betriebstechniker gehört wie König dem Personalrat an. „Unser Theater ist keine elitäre Sache, sondern für alle Bevölkerungsgruppen da.“

Doch nicht nur Künstler und Gewerkschafter lehnen eine mögliche Schließung ab. Auch der Rüsselsheimer Gewerbeverein warnt vor einem kulturellen Kahlschlag. In einem Brief an die Mitglieder prophezeit Vereinspräsident Dirk Schäfer „heftige Widerstände aus der Bürgerschaft“, sollte das Theater geschlossen werden. Vielmehr müsse die „positive Entwicklung bei den Theatereinahmen durch weitergehende Theaternutzungen“ gestärkt werden, schreibt er. Eine Schließung lasse die Stadt zu einem „Provinzdorf verkümmern“. Dem werde der Verein „entschieden entgegen treten“.

70 Prozent Auslastung

Errichtet wurde das Schauspielhaus in einer Zeit als Rüsselsheim eine aufstrebende Stadt in der Region war. Die Wirtschaft wuchs, die Steuereinnahmen sprudelten, die Einwohnerzahl explodierte. Mit Guiseppe Verdis Oper „La Traviata“ wurde das Theater 1969 eröffnet. Es bietet im großen Saal Platz für 865 Zuschauer. Daneben gibt es noch die Studiobühne mit 140 Sitzplätzen. Als reines Gastspielhaus hat es kein eigenes Ensemble. Das Theater ist Aufführungsort für Musicals, Konzerte und Kabaretts, wird aber auch als Kongress- und Tagungsort vermietet. Etwa 100 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, 30 von ihnen sind festangestellt, die anderen sind Honorar- und Saisonkräfte.

Die Auslastung sei mit etwa 70 Prozent zufriedenstellend, sagt Eckhard Kunze, der Leiter des Eigenbetriebs Kultur123, zu dem neben dem Theater auch die Musikschule, die Stadtbücherei und die Volkshochschule gehören. 2011 haben ihm zufolge etwa 60.000 Zuschauer die 270 Veranstaltungen im Theater besucht. Dennoch müsse das Rathaus voraussichtlich 1,9 Millionen Euro in diesem Jahr allein für das Theater zuschießen, sagt Kunze und verweist auf den aktuellen Wirtschaftsplan des Eigenbetriebs. Das gespart werden müsse, sei klar, sagt Kunze. Seit Jahren senke der Eigenbetrieb daher die Kosten. Die Kultureinrichtungen dürften aber nicht nur als Ausgabeposten gesehen werden, sondern seien wichtige Standortvorteile und machten die Stadt lebenswert. „Was wir hier leisten, ist kein Luxus.“

Eine Entscheidung bis Ende des Jahres

Das Urteil des Landesrechnungshofs hingegen ist eindeutig: Angesichts der seit Jahren anhaltenden Defizite müsse das Theater „auf den Prüfstand“, heißt es in dem jüngsten Kommunalbericht des Rechnungshofes. In der Umgebung gebe es schließlich ein umfangreiches kulturelles Angebot. Dieser einfachen Rechnung kann Kulturdezernent Dennis Grieser (Die Grünen) nicht folgen. Würde das Theater geschlossen, ließen sich zunächst rund 400.000 Euro an Programmzuschuss einsparen, rechnet der 33 Jahre alte Dezernent vor. Die Personalkosten und der Unterhalt für das ungenutzte Gebäude würden erst einmal weiter anfallen.

Dennoch müsse die Stadt darüber diskutieren, ob sie sich ein Theater leisten könne. Seit mehr als zehn Jahren leide die Stadt an einem strukturellen Defizit und bisher seien daraus keine Konsequenzen gezogen worden, sagt Grieser der im vergangenen Jahr von der rot-grünen Koalition in der Stadtverordnetenversammlung zum Bürgermeister und Kulturdezernenten gewählt worden war. Rüsselsheim halte eine Infrastruktur vor, als gebe es noch üppige Einnahmen aus der Gewerbesteuer wie vor einigen Jahrzehnten. Dabei spiele Opel finanziell schon seit Jahren keine Rolle mehr. Eine Diskussion „ohne Scheuklappen“ über alle Einsparoptionen - auch die Schließung des Theaters - müsse geführt werden. Aber auch die Erhöhung der Eintrittspreise und die Gründung eines Zweckverbandes mit anderen Kommunen in der Region seien möglich.

Die 13.000 Unterschriften brächten ihn nicht davon ab, die nötige Diskussion über das Kulturprofil und das Einsparpotential der Stadt zu führen. Bis Ende des Jahres solle eine Entscheidung fallen, kündigte Grieser an. Er wolle aber für eine faire und transparente Diskussion über alle denkbaren Optionen sorgen: „Es soll keine Entscheidung von oben herab geben, sondern eine im Dialog mit den Bürgern.“

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