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Rüdesheimer Drosselgasse : Rheinische Gemütlichkeit und Rheingauer Wein

Im Winterschlaf: Auf der Rüdesheimer Drosselgasse herrscht zur Zeit kein buntes Treiben. Bild: Cornelia Sick

Die Geschichte der Rüdesheimer Drosselgasse hatte Höhen und Tiefen. Familie Ohlig setzt mit dem ersten Neubau seit 25 Jahren auf die ungebrochene Anziehungskraft.

          In der Drosselgasse posiert ein junges Ehepaar aus Schanghai für ein Selfie vor dem „Lindenwirt“. Zwei junge Franzosen aus einem Pariser Vorort begutachten unschlüssig die Flaschen im Schaufenster des Weinhauses „Drosseleck“. Drinnen langweilt sich der Verkäufer. Ansonsten herrscht gähnende Leere in der 144Meter langen Vergnügungsmeile von Rüdesheim. Nach dem Ende des Weihnachtsmarkts kurz vor Heiligabend versinkt die kleine Stadt mit dem großen Namen jedes Jahr in den Winterschlaf. Zeit zum Durchatmen für Geschäftsleute, Gastronomen und Hoteliers.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Nicht aber für Peter Ohlig. Der Chef des Familienunternehmens „Lindenwirt“ blickt aus dem Fenster auf eine fast 400Quadratmeter große Freifläche direkt an der Drosselgasse. Bis Anfang November stand hier noch ein schäbiger Zweckbau aus der Rüdesheimer Nachkriegsära. In der Folge des verheerenden Bombenangriffs vom November 1944 waren Teile der Altstadt in Schutt und Asche gefallen, die Lücken wurden nach dem Krieg geschlossen. An der Stelle des schnöden Flachbaus, in dem viele Jahre ein Imbiss und ein Andenkengeschäft um Kunden buhlten, lässt Ohlig in den nächsten Monaten einen ansprechenden Neubau errichten.

          Ein ewig junger Klassiker

          Dessen Nutzer stehen schon fest: Der Betreiber eines Geschäfts an der Rheinstraße für hochwertige Dekorations- und Geschenkartikel wird inmitten der Drosselgasse eine Dependance einrichten. Zudem wird das zum Rhein hin benachbarte Kultlokal „Quetschkommod“, das ebenfalls im Besitz von Ohlig ist, eine Erweiterung nebst Gartenterrasse erhalten. Im Obergeschoss des Neubaus entstehen eine Wohnung, zwei kleine Apartments und Nebenräume.

          Bis zum Mai, wenn die an Ostern beginnende Saison richtig Fahrt aufnimmt, soll der Bau weitgehend fertig sein. Es ist der erste Neubau an der Drosselgasse seit 25Jahren. Damals hatte auf der gegenüberliegenden Seite Familie Breuer ihr Weingasthaus und Hotel „Rüdesheimer Schloss“ grundlegend umgebaut und um einen Hoteltrakt erweitert.

          Seit die Bagger für den Abriss anrollten, ist die Neugier in Rüdesheim groß, was hinter den Schutzplanen entstehen wird. Die Denkmalpflege hat den Plänen zugestimmt, versichert Ohlig. Vom maroden Nachkriegsprovisorium musste nur eine Bruchsteinmauer zur historischen, nur 60 Zentimeter breiten Eisgasse stehenbleiben.

          Ohligs Engagement ist Ausdruck seiner Zuversicht im Hinblick auf die Zukunft Rüdesheims und seiner nachhaltigen Zugkraft für Besucher aus dem In- und Ausland. „Einen ewig jungen Klassiker“ nennt Ohlig die Drosselgasse und schreibt ihr die Kraft zu, sich immer wieder zu erneuern. Das habe sie in der Vergangenheit mehrfach bewiesen.

          Die Drosselgasse ist eine von sechs engen Gassen, die von der Oberstraße zum Rheinufer hinunterführen. Dass sie als einzige einen derartigen Bekanntheitsgrad erlangen würde, war bis weit ins 20.Jahrhundert hinein nicht zu erahnen. Zwar war schon 1727 im „Drosselhof“ ein Gasthaus eröffnet worden, doch blieb die Drosselgasse zunächst das bevorzugte Quartier der Rheinschiffer, die in Rüdesheim ansässig waren. Doch im 19.Jahrhundert verdrängte die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler. Eine Zäsur für die Branche und die Stadt. Schiffsleute wie Johannes Müller konzentrierten sich fortan auf die einträglichere Gastronomie.

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          Viele Jahre war Müller mit dem Drosselhof der einzige Gastronom in der Drosselgasse. Und ein höchst erfolgreicher obendrein, weil er früh erkannt hatte, dass Live-Musik und fröhlicher Gesang das Publikum in Scharen anzog. Als Konjunkturprogramm für die Rüdesheimer Gastronomie erwies sich 1883 die Fertigstellung des Germania-Denkmals auf dem Niederwald. Aber erst vor rund 80Jahren verwandelte sich die Drosselgasse allmählich in eine Vergnügungsmeile.

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